Irrationaler Überschwang? Kunstmarkt: Vom Wachsen und Platzen der Blase

von Thomas Spinnler

Stand: 14.05.2018, 12:51 Uhr

Auf Kunstauktionen werden fantastische Preise aufgerufen. Selbst dreistellige Millionenbeträge sind nicht ungewöhnlich. Heute wird ein Modigliani-Gemälde bei Sotheby’s versteigert, Experten erwarten einen neuen Rekordpreis. Wenn es anders wäre, müssten wir uns wohl Sorgen machen.

Wenn an der Wall Street die Boni fließen, die Vermögen der Reichen und Superreichen wachsen und gedeihen und es am Finanzmarkt fast nur noch aufwärts geht - dann ist Erntezeit am Kunstmarkt. Dann sitzt bei den Investoren, Hedgefonds-Managern und beim sonstigen Geldadel das Geld besonders locker.

Und wenn die meisten extravaganten oder weniger extravaganten Konsumwünsche längst erfüllt sind, man nicht mehr weiß, hinter welcher der vielen Yachten man noch Wasserski fahren möchte, dann lautet Antwort auf die Frage „Wohin mit meinem vielen Geld“ häufig: „Ich kaufe mir ein schönes Bild!“

Denn Kunst befriedigt ästhetische Bedürfnisse, die im stressigen Alltag vielleicht zu kurz kommen mögen und sie lädt beim entspannten Betrachten zu Erwägungen aller Art ein.

Spektakuläre Beträge für spektakuläre Kunst?

Aber so ganz interesselos ist das Wohlgefallen am Werk nicht. Die Preise schießen rasant nach oben, ein Rekord am Kunstmarkt jagt den nächsten, die Preise steigen ins Fantastische. Kunst gilt als Statussymbol, aber sie bringt vor allem auch Rendite. Gerade jetzt wird den Zuschauern während den Frühjahrsauktionen ein aufregendes Schauspiel geboten. Im Mittelpunkt steht das Auktionshaus Sotheby's, das heute den "Nu Couché", einen liegenden Akt von Amedeo Modigliani aus dem Jahr 1917 versteigert.

Amedeo Modigliani

Amedeo Modigliani: "Nu couché". | Bildquelle: Imago

Das Gemälde des italienischen Künstlers wird auf 150 Millionen Dollar geschätzt. Das ist der höchste Schätzpreis für ein einzelnes Werk bei einer Auktion überhaupt. Erst im November des vergangenen Jahres war "Salvator Mundi" von Leonardo da Vinci für 450,3 Millionen Dollar versteigert worden. Ein einsamer Rekord, der jetzt von Modigliani übertroffen werden könnte. Natürlich warnen einige Fachleute angesichts der Preise bereits vor einer Blase.

Augen auf bei den Auktionen

Was am Kunstmarkt passiert, hat nicht nur einen hohen Unterhaltungswert. Der genaue Blick kann sich auch für die Anleger am Aktienmarkt lohnen, denn in der Vergangenheit lieferten die Erfolge bei den Auktionen gelegentlich Anzeichen für Übertreibungen. Und gerade jetzt werden viele Anleger zunehmend nervös, denn der Aktienmarkt rückt mittlerweile seit rund zehn Jahren vor - eine außergewöhnlich lange Zeit. Sie suchen nach Anzeichen für ein Ende der Hausse.

Und hier soll der Kunstmarkt weiterhelfen. Vor allem die Sotheby’s-Aktie wird mitunter als sogenannter vorlaufender Indikator für die Lage am Aktienmarkt und der globalen Konjunktur herangezogen. Anders ausgedrückt: Wenn die Sotheby’s-Aktie stark zu fallen beginnt, weil die Umsätze an der Auktionen zurückgehen, dann herrscht Alarmstimmung.

Sotheby's-Zentrale New York. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Der Gedanke dahinter ist, dass die reiche Elite der Welt aufgrund ihres Wissensvorsprungs besondere Einblicke in den Zustand der globalen Konjunktur hat. Wenn sie das Vertrauen in die zukünftige Entwicklung verliert, dann sinkt ihre Bereitschaft, das Kapital in Kunst zu investieren – jedenfalls zu den Höchstpreisen, die derzeit abgerufen werden. Der Kunstmarkt reagiert natürlich besonders sensibel auf die Konjunkturlage.

Platzt die Blase oder platzt sie nicht?

Besonders gern erinnern deshalb Analysten, die an die Aussagekraft dieses Indikators glauben, an das Jahr 2007. Damals erreichte die Sotheby’s-Aktie ein Rekordhoch, und einige Monate später brach der Finanzmarkt nach dem Platzen der Immobilienblase zusammen. Auch der Crash des japanischen Aktienmarktes im Jahr 1989/90 soll sich beim Blick auf die Sotheby’s-Aktie abgezeichnet haben. Und aktuell notiert das Sotheby’s-Papier wieder in unmittelbarer Nähe des Allzeithochs bei 57,70 Dollar aus dem Jahr 2017. Danach gab die Aktie kräftig nach, während der Dow Jones weiter vorrückte.

Manchmal passt es, manchmal eben nicht. Kritiker erwähnen deshalb auch die zu geringe Datenlage für einen wirklich aussagekräftigen Indikator. Es gibt nicht genug Beispiele, bei denen es zuverlässig funktioniert hat. Trotzdem sind die Überlegungen zum Zusammenhang zwischen Kunstmarkt und Aktienmarkt nachvollziehbar und beachtenswert.

Und eins ist ziemlich sicher: Sollten sich die Enttäuschungen am Kunstmarkt häufen, dann ist das gewiss auch ein Zeichen für eine größere Unsicherheit unter den Käuferschichten. Allerdings eines unter vielen - vielleicht waren die angebotenen Werke auch einfach gerade nicht in Mode.

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Kunstfieber: Wer bietet mehr? Die teuersten Kunstwerke der Welt

Leonardo da Vinci-Gemälde

Platz 1: Leonardo da Vincis "Salvator Mundi"
Das gab's noch nie: Für rund 450 Millionen Dollar (rund 386 Millionen Euro) wurde das Gemälde "Salvator Mundi" von Leonardo da Vinci im Aktionshaus "Christie's" vesteigert. Damit setzt es sich an die Spitze der teuersten Kunstwerke aller Zeiten. Experten hatten mit einer Summe von 100 Millionen Dollar gerechnet. Denn das Gemälde ist nicht nur beschädigt: Es wird auch gezweifelt, dass da Vinci es alleine gemalt hat. Zuvor gehörte das Bild dem russischen Milliadär Dmitri Rybolowlew. Wem das Bild nun gehört, ist noch nicht bekannt - der Telefonbieter blieb zunächst anonym.