Ein Händler an der New Yorker Börse reißt die Arme hoch

Schöne Bescherung trotz Corona Ist die Börse ein Tollhaus?

von Thomas Spinnler

Stand: 12.05.2020, 16:23 Uhr

Die Konzerne kappen Prognose um Prognose, aktuelle Geschäftszahlen fallen trübe aus, eine schlimme Rezession ist sicher - trotzdem steigen die Börsen. Es scheint, als agierten die Anleger völlig irrational. Spielen die Finanzmärkte verrückt?

Die Wall Street marschiert voran, der Dax zieht nach, auch andere internationale Aktienbörsen kennen seit Wochen fast nur eine Richtung: aufwärts. Die Börsen erlebten zuletzt einige ihrer besten Handelstage seit Jahrzehnten. Das wirft bei vielen Menschen Fragen auf, denn die Marktreaktion scheint in scharfem Widerspruch zur krisengeschüttelten Weltlage zu stehen.

So mancher fühlt sich verschaukelt und in seinen Vorurteilen über die Finanzmärkte bestätigt: Was dort passiert, habe mit rationalem Handeln nichts zu tun; das Beste sei es, dieses Tollhaus Börse zu schließen, das Zweitbeste, es komplett zu ignorieren.

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 3 Monate
Kurs
12.645,75
Differenz relativ
+0,82%
Dow Jones (Indikation): Kursverlauf am Börsenplatz Citigroup für den Zeitraum 3 Monate
Kurs
28.335,56
Differenz relativ
-0,14%
Nasdaq 100: Kursverlauf am Börsenplatz NASDAQ Indizes für den Zeitraum 3 Monate
Kurs
11.692,57
Differenz relativ
+0,25%

Wohin mit dem vielen Geld?

Tatsächlich aber lässt sich der Anstieg der Kurse plausibel erklären. Der wohl wichtigste Grund ist die Flut von Rettungspaketen, Hilfsprogrammen und Zinssenkungen, die Staaten und Notenbanken geschnürt haben. "Um Stabilität und vor allem Vertrauen unter Investoren beziehungsweise Unternehmen wiederherzustellen sowie um den negativen Effekt auf Unternehmen und Konjunktur abzumildern, verkündeten zudem zahlreiche Regierungen rund um den Globus zum Teil massive fiskalische Pakete", fasst Hans-Jörg Naumer, Director Global Capital Markets bei AllianzGI zusammen.

Zentralbanken kaufen Anleihen in Billionenhöhe, die Leitzinsen sind auf historisch niedrigem Niveau. Die Märkte werden praktisch mit Liquidität geflutet. Das Geld will angelegt werden und da Anleihemärkte kaum noch Renditen abwerfen, erscheinen Aktien als vernünftige Alternative - jedenfalls wenn man sein Geld vermehren will.

Präsident der Federal Reserve Jerome Powell

Fed-Präsident Jerome Powell: Leitzins gesenkt. | Bildquelle: Imago

Konjunkturelle Erholung ist längst mitgedacht

Hinzu kommt, dass an der Börse, so sagt man, die Zukunft gehandelt wird: Wer eine Aktie kauft, geht davon aus, dass ihr Preis steigen wird. Deshalb ist nicht die aktuelle krisenhafte Situation entscheidend, sondern vielmehr die antizipierte kommende Lage. Und die sieht auch wegen der Rettungspakete nicht so schwarz aus, wie man meinen könnte.

Selbst Institute, die keineswegs verdächtig sind, allzu schnell in Euphorie zu verfallen, rechnen mit einer baldigen konjunkturellen Erholung: "Nach dem drastischen Rückgang der Industrieproduktion in diesem Jahr wird sich der Aufschwung 2021 in hohen Zuwächsen niederschlagen", schreiben die Experten der Helaba in Bezug auf Deutschland, die für das Jahr 2022 bei der Produktion die Rückkehr zum Vorkrisenniveau erwarten.

Leere Fabrikhalle

Industriebrache: Bald wieder blühende Landschaften?. | Bildquelle: imago images / imagebroker

Corona wirkt wie ein Nachbrenner für die Tech-Branche

Diese These wird von vielen Experten auch bezüglich der globalen Konjunktur vertreten, zum Teil mit noch größerem Optimismus. Wenn auf das Tal bald der Aufschwung folgt, ist es vernünftig dann Aktien zu kaufen, wenn die Preise auf ein niedrigeres Niveau gefallen sind. Genau das haben Investoren getan. Sie sind auf Schnäppchenjagd gegangen - oder auf das, was sie dafür halten.

Außerdem hat die Krise für eine Branche, die in den vergangenen Jahren schon wesentlicher Wachstumstreiber war, nochmal einen mächtigen Schub gegeben: die Technologiebranche. Die Digitalisierung hat aufgrund des globalen Lockdowns kräftigen Rückenwind bekommen.

Auch der Faktor Eigendynamik ist nicht außer Acht zu lassen. Wenn die Kurse einmal richtig ins Steigen geraten sind, möchten Investoren den Trend ungern verschlafen. Keiner will sich nachsagen lassen, dass er die Zeichen der Zeit verkannt hat, wenn die Konkurrenz über satte Kursgewinne jubelt. "Die Hausse ernährt die Hausse", lautet deshalb eine alte Börsenweisheit.

Mark Zuckerberg im Facebook Messenger Chat

Mark Zuckerberg: Facebook steckt die Krise gut weg. | Bildquelle: picture alliance / Kyodo

Viele Fachleute sind skeptisch

Eines sollte man aber nicht vergessen, wenn man die Aktiencharts betrachtet: Die Börse ist ein Tagesgeschäft, die Kurse sind Momentaufnahmen. Genauso schnell wie Aktienkurse einen Gipfel erklimmen, kann es wieder abwärts gehen. Die Anleger sind schnell bereit, in den Krisenmodus zu schalten, wenn sich ihre Vorstellungen als zu optimistisch erweisen sollten.

Denn es ist keineswegs so, dass Branchenexperten ihren kritischen Geist vor dem Casino abgegeben hätten: "Steigende Kurse treffen aktuell auf stark fallende Gewinnerwartungen", stellen die Analysten der DZ Bank fest. Investoren setzten auf eine Erholung, obwohl noch nicht einmal das Ausmaß sowie die Dauer der Krise eingeschätzt werden könnten.

Dass eine Rezession an den Aktienmärkten in zwei Monaten abgearbeitet werden könne, ist nach Ansicht der DZ Bank eher unwahrscheinlich. "Die aktuelle Situation deutet auf ein geringeres Aufwärtspotenzial in den kommenden Monaten an den Aktienmärkten hin. Zudem steigt das Risiko für einen Kursrücksetzer an."

Broker verzweifelt am Telefon

Verzweifelter Händler: Die Krise ist nicht ausgestanden. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Finanzkrise ante portas?

Ein Thema, das wachsame Anleger ebenfalls unbedingt auf der Rechnung haben sollten, ist die Kehrseite der milliardenschweren Hilfsprogramme: Gemeinsam mit drastischen Steuerausfällen und weiteren Krisenkosten belasten sie die ohnehin angespannten Staatshaushalte derart, dass die nächste Finanzkrise schon vor der Tür stehen könnte. Das Typischste an solchen Krisen ist allerdings, dass sich ihr Zeitpunkt nie genau bestimmen lässt. Für die in die Zukunft blickenden Börsen also ein schwer fassbarer Faktor.

Viele Experten sind jedenfalls der Ansicht, dass die aktuelle Erholungsrally auf wackligen Beinen stehe. Ohnehin sind die einstigen Höchstkurse der Indizes trotz der starken Kursentwicklung der vergangenen Wochen noch immer weit entfernt. Ob und wann sie wieder erreicht werden, weiß niemand.