Hand mit Nadel sticht in Blase mit Hochhaus

Beendet die Corona-Krise den Boom? Immobilienmarkt auf der Kippe

Stand: 30.03.2020, 06:30 Uhr

Das Virus hat alle Bereiche unseres Lebens erfasst. Sogar ein Ende des zehnjährigen Immobilien-Booms in Deutschland scheint nun denkbar. Mieter, Vermieter und Häuslebauer stehen vor großen Herausforderungen.

Die Mehrheit der Experten ist sich Ende März 2020 sicher: Die Corona-Krise wird auch den Immobiliensektor belasten. Der Trend der scheinbar ewig währenden Preis- und Mietsteigerungen wird sich so nicht fortsetzen. Die Pandemie erwischt die Branche mitten im Höhenflug: Im vierten Quartal 2019 legten die Preise für Wohneigentum laut dem Statistischen Bundesamt landesweit noch einmal um 5,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu. In Ballungsräumen wie München, Stuttgart, Frankfurt oder Düsseldorf verteuerten sich Eigentumswohnungen sogar nochmal um knapp zehn Prozent.

"Käufer halten sich zurück"

Neue Einfamilienhäuser

Das ersehnte Eigenheim ist derzeit kaum erschwinglich. | Bildquelle: imago images / Westend61

Das dürfte sich angesichts der Verwerfungen der Corona-Pandemie wohl kaum fortsetzen. Michael Voigtländer, Immobilienexperte am Institut der deutschen Wirtschaft (IW) sieht dafür klare Signale: "Besichtigungen finden kaum statt, und viele Käufer halten sich zurück, weil sie um ihre Jobs bangen oder schrumpfende Einkommen erwarten." Voigtländer erwartet eine Stagnation der Immobilienpreise oder leichte Rückgänge. Günter Vornholz, Professor für Immobilienökonomie an der Bochumer EBZ Business School, beurteilt die Situation ähnlich: "Wer nicht muss, kauft in der Krise keine Immobilie oder verschiebt den Umzug in eine größere Wohnung." Ein Anstieg von Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit senke den Spielraum für die Miete. Bei Immobilienkäufern komme dazu, dass Menschen mit Aktien im jüngsten Börsencrash viel Geld verloren hätten - das fehle nun zum Wohnungskauf.

"Der Motor wird wieder anspringen"

Die Immobilienplattform Scout24 erkennt derzeit dagegen noch keine grundsätzliche Wende bei den Interessenten: "Wir sehen grundsätzlich kein Fragezeichen am Immobilienmarkt", so Vorstandschef Tobias Hartmann am Donnerstag bei der Präsentation der Jahresbilanz. Im Vergleich zu allen anderen europäischen Ländern seien die Fundamentalwerte in Deutschland unverändert positiv. Immobilien zählten zu den beliebtesten Geldanlagen. "Dementsprechend wird der Motor wieder anspringen."

Viel dürfte davon abhängen, wie lange ein "Shutdown" andauert, der die Ausbreitung des Virus' in Deutschland verlangsamen soll. Bereits jetzt aber stehen alle Beteiligten vor wichtigen Fragen und Herausforderungen.

Mieter ohne Einkommen?

Mieter etwa sind potenziell in einer prekären Lage: Wer bei einem längeren Shutdown auf Kurzarbeitergeld gesetzt wird oder gar seinen Arbeitsplatz verliert, muss noch höhere Anteile seiner Einkünfte für die Wohnung aufwenden. Insgesamt rechnen Experten wie Voigtländer auch damit, dass Einkommen nach der Krise weniger stark steigen werden als zuvor. Aus Sicht der Mieter mildern zwei Aspekte aber die persönliche Krise ab: Neue Vorschriften zum Mieterschutz sorgen dafür, dass Mietrückstände wegen der Corona-Krise nicht mehr zur Kündigung des Mietverhältnisses genutzt werden können. Und das Potenzial für Mietsteigerungen in den kommenden Jahren dürfte begrenzt sein.

Vermieter bangen um Einnahmen

Für Vermieter sind umgekehrt die Steigerungen auf der Einnahmenseite in den kommenden Jahren sicherlich begrenzt. Das Institut für Stadt-, Regional- und Wohnforschung (Gewos) rechnet mit Mietausfällen und Liquiditätsengpässen, die vor allem Privatvermieter und kleinere Eigentümer treffen werden. Die Gewo rechnet damit, dass der Immobilienmarkt unter Corona stärker leiden wird als unter der globalen Finanzkrise ab 2008. Damals brachen die Käufe um zwölf Prozent ein.

Nicht nur kleine Vermieter dürften unter der Stagnation auf dem Mietmarkt leiden, sondern auch die großen: Immobilienkonzerne müssen ihre Einnahmen-Prognosen kräftig nach unten korrigieren. LEG Immobilien etwa verzichtet demonstrativ zunächst auf Mieterhöhungen oder Kündigungen. Vonovia hat gleiches angekündigt und die Deutsche Wohnen, größter privater Vermieter in Berlin, hat sogar einen 30-Millionen-Euro-Fonds aufgelegt, der Mieter unterstützen soll, die besonders von der Corona-Krise betroffen sind. Immobilienkonzerne, die auf Gewerbekunden spezialisiert sind, wie Aroundtown, haben an der Börse deshalb kräftig an Wert verloren. Ihre Gewinnprognosen haben die meisten der Konzerne bereits zusammengestrichen.

Ist der Hauskauf noch zu finanzieren?

Für Häuslebauer und Immobilien-Interessenten ist die Situation derzeit ebenfalls knifflig. Angesichts drohender Arbeitslosigkeit oder Kurzarbeit erscheinen Immobilienfinanzierungen deutlich riskanter. Wer kann, dürfte mit der Kaufentscheidung warten, bis sich die Lage hier geklärt hat. Einige Finanzierungen dürften deshalb auch auf der Kippe stehen. Banken werden in den kommenden Monaten wohl noch genauer prüfen, wer sich welche Belastung wirklich leisten kann. Immerhin gibt es einen leichten positiven Effekt der anhaltenden Geldflut durch die Notenbanken, verbunden mit einer schwächelnden Konjunktur: Bauzinsen dürften auf dem rekordniedrigen Niveau bleiben, das sie erreicht haben. Die Belastungen für die privaten Käufer werden sich dabei weiterhin in Grenzen halten. Wer aufgrund der Corona-Krise weniger Einkommen erwartet, kann in vielen Fällen die Tilgung seines Kredites aussetzen oder die Tilgungsrate herabsetzen.

Baubranche spielt auf Zeit

Nächtliche Großbaustelle mit Kränen

Baustelle. | Bildquelle: colourbox.de

Auch die Baubranche schaut mit großer Sorge auf die Auswirkungen der Corona-Epidemie. Im Januar hatte der Sektor mit 6,4 Milliarden Euro noch den höchsten Auftragseingang aller Zeiten verzeichnet, wie das Statistische Bundesamt ermittelt hat. Nun versuchen die Unternehmen durch verschärfte Hygienemaßnahmen auf den Baustellen ihre Projekte weiterzuführen. An einigen Baustellen fehlen aber bereits ausländische Fachkräfte, wie der Branchenverband ZDB mitteilte. Auch am Bau stellt sich die bange Frage: Wie lange dauert die Zwangspause wegen Corona?

AB