Nebulöse Szene mit Personen in einem Hochhausbüro

Corporate Governance gegen Bilanzskandale? Gute Führung dringend gesucht

Stand: 31.07.2020, 16:00 Uhr

Der "Fall Wirecard" zeigt es eindringlich: Kontrollmechanismen, die die Führung von Konzernen kontrollieren und auf Fehlverhalten hinweisen, sind nötiger denn je. Die "Corporate Governance" gerät dabei zunehmend in den Fokus.

Wirecard: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Hätte ein genauerer Blick in die Unternehmensführung von Seiten der Kontrolleure oder der Analysten das Wirecard-Desaster verhindern können? Müssen die "Spielregeln" in Sachen Governance überprüft und verschärft werden, muss der Gesetzgeber härtere Vorgaben machen und diese dann auch strafbewehrt durchsetzen? Fragen, mit denen sich derzeit viele Verantwortliche in Gremien und Kontrollbehörden befassen. Aber auch in Banken und Fondsgesellschaften. Denn auch viele Profi-Anleger haben nicht gemerkt, dass bei dem Zahlungsdienstleister Fakten verschleiert wurden, das Unternehmen letztlich durch Betrug seinen Marktwert an der Börse nach oben trieb.

Auch viele Privatanleger, die die Aktie direkt, über Aktienfonds oder ETFs erworben hatten, musssten durch den Crash des Titels in den vergangenen Wochen teils dramatische Einbußen hinnehmen. Derzeit bereiten einige spezialisierte Anwaltskanzleien Schadenersatzklagen vor, um den Investoren zumindest einen Teil ihrer Verluste auszugleichen.

Reicht der Verhaltens-Kodex aus?

Die "Spielregeln" der guten Unternehmensführung, neudeutsch "Corporate Governance", wurden im Fall Wirecard in vielfacher Hinsicht verletzt oder missachtet, wie sich im Nachhinein herausstellte. Bereits seit rund zwei Jahrzehnten gibt es in Deutschland den "Deutsche Corporate Governance Kodex". Er hat über eine "Entsprechendserklärung in § 161 des Deutschen Aktiengesetzes auch eine gesetzliche Grundlage.

In seiner Präambel heißt es:

»Der Deutsche Corporate Governance Kodex (der „Kodex“) enthält Grundsätze, Empfehlungen und Anregungen für den Vorstand und den Aufsichtsrat, die dazu beitragen sollen, dass die Gesellschaft im Unternehmensinteresse geführt wird. Der Kodex verdeutlicht die Verpflichtung von Vorstand und Aufsichtsrat, im Einklang mit den Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft unter Berücksichtigung der Belange der Aktionäre, der Belegschaft und der sonstigen mit dem Unternehmen verbundenen Gruppen (Stakeholder) für den Bestand des Unternehmens und seine nachhaltige Wertschöpfung zu sorgen (Unternehmensinteresse). Diese Prinzipien verlangen nicht nur Legalität, sondern auch ethisch fundiertes, eigenverantwortliches Verhalten (Leitbild des Ehrbaren Kaufmanns).«

Prüfung der Governance-Berichte gesetzlich verankern

Der Kodex enthält detaillierte Forderungen etwa zur Besetzung des Aufrichtsrats als Kontrollinstanz des Vorstands, Hinweise zum Umgang mit Interessenskonflikten und zur Transparenz von Informationen. Problematisch bleibt der "Grundsatz-" und Empfehlungscharakter der Angaben. Er gilt weiterhin als "Instrument der Selbstregulierung".

Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern müssen seit 2018 im Rahmen ihrer Unternehmensberichterstattung auch über ihre Corporate Governance Auskunft geben. Die entsprechende Richtlinie CSR (Corporate Social Responsibility) verpflichtet EU-weit zur Aufschlüsselung so genannter "nicht-finanzieller" Unternehmensdetails. Dazu gehören auch soziale und ökologische Aspekte innerhalb des Unternehmens. Auch für diese Berichterstattung

Rolf Nonnenmacher, Vorsitzender der Regierungskommission, die den Governance Kodex aktuellen Erfordernissen anpasst, räumte kürzlich in einem "Handelsblatt"-Interview ein, dass die Angaben zur Berichterstattung bei den Unternehmen nicht konkret genug sind. Zudem hält er es für sinnvoll, die Wirtschaftsprüfer auch dieses Berichte prüfen zu lassen. Dazu wäre eine gesetzliche Regelung erforderlich.

Lesen bildet: Auch Profi-Investoren

Im Fall von Wirecard hätte das intensive Lesen des Berichts allerdings durchaus stutzig machen können. Laut Nonnenmacher wurde bei Wirecard kein unabhängiger Finanzexperte namentlich genannt, der den Aufsichtsrat unterstützen sollte. Wirecard habe in seiner Governance-Berichterstattung "viele Fragen aufgeworfen, die aber nicht verfolgt wurden".

Für große Investoren wie Fondsmanager dürfte das akribische Lesen der Governance-Berichte wohl in Zukunft noch wichtiger werden. Auch die Aufsichtsbehörde BaFin dürfte nach einer möglichen rechtlichen Stärkung noch genauer in die Angaben schauen. Ob allerdings kritisch nachgefragt und verfolgt wird, bleibt abzuwarten.

ESG-Kriterien als Orientierung

Für Privatanleger sind die offiziellen Berichte der Unternehmen zum Thema Governance noch schwerer zu deuten als für die Finanzprofis. Für sie kann sich ein Blick auf die Bewertung von Firmen nach ESG-Standards lohnen. Diese Nachhaltigkeitskriterien (Umwelt, Soziales und Governance) werden von vielen Fondsmanagern inzwischen bei der Auswahl ihrer Portfolios genutzt. Wer als Unternehmen in Sachen "G" wie Governance eine gute Note hat, kommt in der Regeln ins Portfolio von ESG-Aktienfonds.

Die Nachhaltigkeits-Ratings zu Tausenden Unternehmen werden von speziellen Rating-Agenturen erhoben. Ein Blick in diese Ratings hat ein Investment in Wirecard-Aktien daher bei vielen Nachhaltigkeits-Fonds verhindert. Die Rating-Agentur MSCI ESG hatte etwa in den vergangenen Monaten nur ein mittelmäßiges Nachhaltigkeits-Rating für Wirecard ausgewiesen. In Sachen Governance gab es sogar den Hinweis, dass Wirecard als "Nachzügler" (laggard) einzustufen sei. Eine kleine Warnung, die aber von vielen Fans der Aktie wohl nicht ernst genommen wurde.

AB