Finanzielle Transaktionen digital erledigen

Referentenentwurf liegt vor Elektronische Wertpapiere auf der Zielgeraden

von Till Bücker

Stand: 12.08.2020, 16:40 Uhr

Lange musste die Krypto-Welt darauf warten, nun ist der erste Schritt getan: Die Bundesregierung legt einen Gesetzentwurf für die Blockchain-Anleihe vor. Es könnte ein Durchbruch werden.

Zuletzt war es still geworden um die Einführung digitaler Wertpapiere. Bereits 2019 wollte die Große Koalition nach der Vorstellung ihrer Blockchain-Strategie eine Reform verabschieden. Nun endlich - in turbulenten Zeiten mit Corona-Krise und Wirecard-Skandal und nach mehreren Verschiebungen - haben sich Bundesfinanz- und Justizministerium auf einen Entwurf eines Gesetzes zur Einführung von elektronischen Wertpapieren geeinigt, das boerse.ARD.de vorliegt.

Ziel sei es, "das Wertpapierrecht zu modernisieren und damit den Finanzplatz Deutschland zu stärken". Das deutsche Recht soll generell für elektronische Wertpapiere, darunter Krypto-Wertpapiere (Security Token), geöffnet werden. Grundsätzlich sollen sie nun die gleiche Rechtswirkung entfalten wie ein Wertpapier, das mittels Urkunde begeben worden ist.

Prof. Philipp Sandner, Frankfurt School of Finance & Management

Prof. Philipp Sandner. | Bildquelle: Frankfurt School of Finance & Management

Es sei geplant, den Gesetzentwurf noch 2020 ins Kabinett zu bringen, teilte das Bundesfinanzministerium dem "Handelsblatt" mit. "Wenn das Gesetz so kommt, kann der Kapitalmarkt fit gemacht werden für die nächsten 50 Jahre", erklärt Philipp Sandner, Leiter des Blockchain-Centers an der Frankfurt School of Finance & Management, gegenüber boerse.ARD.de.

Urkunde fällt weg

Zentraler Aspekt des Referentenentwurfs ist der Wegfall der Pflicht zur Urkundenerstellung. Damit wird das Wertpapier in Deutschland entmaterialisiert und ein ausgedrucktes, händisch unterschriebenes Dokument sowie die damit verbundenen Kosten fallen weg.

Stattdessen kann der Vorgang etwa durch "Eintragung in ein Register auf Basis der Blockchain-Technologie" ersetzt werden. Altbestände können ebenfalls in digitale Form gebracht werden. Die Überwachung der Ausgabe virtueller Wertpapiere liegt wie bei konventionellen Assets bei der BaFin.

"Bisher war es so, dass Wertpapiere bei Clearstream, der Clearing-Stelle der Deutschen Börse, verwahrt wurden", erklärt Sandner. Mit der neuen Regelung könne diese Monopolstellung aufgebrochen werden.

Anfangs nur Blockchain-Anleihen

Wertpapiere könnten künftig nach deutschem Recht auf dezentralen Blockchain-Systemen wie Ethereum emittiert werden. Startups hätten die Möglichkeit, die gleiche Leistung wie Clearstream anzubieten. Das fördere den Wettbewerb.

Darüber hinaus wäre die Registerführung durch den Emittenten selbst möglich. "In schätzungsweise fünf Jahren wäre damit auch denkbar, dass Banken, Börsen oder auch Unternehmen wie BMW ihre Wertpapiere selbst begeben", sagt Sandner.

Bisher schließt das mögliche neue Gesetz nur Anleihen ein. Es ist also lediglich ein erster Schritt. Doch es sei "alles schon eingeplant", so der Experte. Die Regelungen könnten auf Aktien und Fonds ausgeweitet werden, wenn es erst einmal läuft.

Durchbruch für die STOs?

Das Gesetz sei eine Transformation des bestehenden Systems in die digitale Welt, meint der Finanzprofessor. Besonders die Security Token Offerings (STOs) könnten Aufschwung bekommen. Zwar hätten die Security Token bereits seit eineinhalb Jahren ein geprüftes Konzept in Deutschland und es gebe einige Pilotprojekte mit Dampf. Doch bisher fehlten das Verständnis, die Regulierung und die Investoren.

Anders als Initial Coin Offerings (ICOs), die 2018 einen kurzen Hype erlebten, ähneln die STOs einem klassischen Börsengang. Die Unternehmen verkaufen digitale Anteilsscheine - als Anleihen oder Aktien - ihrer Firma, die auf der Blockchain gespeichert werden.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Da kein Dienstleister für den Handel und die Verwahrung nötig ist, sinken die Kosten. Außerdem können die Transaktionen mit digitalen Wertpapieren fast in Echtzeit abgewickelt werden und alle Rechte sind an einem Ort gespeichert. Auf der anderen Seite sparen die Unternehmen, die die Token herausgeben, Geld, weil die Prozesse eines klassischen IPOs wegfallen.

Expertise der Startups gefragt

Nach Angaben der Plattform Blockstate hat sich die Zahl der weltweiten Emissionen von fünf im Jahr 2017 auf immerhin 55 im Jahr 2019 erhöht. In Deutschland läuft derzeit unter anderem eine Blockchain-basierte Anleiheemission der Leipziger Intelligent Fluids, eines Anbieters für alternative Reinigungslösungen. Und auch die Hamburger Reederei Vogemann bietet Schiffsbeteiligungen via Token an.

Ansonsten nutzen vor allem Firmen aus der Immobilienbranche diese Art der Kapitalbeschaffung. Über die Palmtrip GmbH, ein Startup aus Gießen, können Anleger in tokenisierte Immobilien auf Mallorca investieren.

Bisher fehlte aber die Rechtssicherheit und Regulierung. Allein schon der Entwurf werde das Interesse der Investoren, Unternehmen und Banken wecken, so Sandner: "Die Ahnungslosen bei den Banken suchen nun die Expertise der Startups." Denn auch wenn das Gesetz noch geändert werde, der Geist werde bestehen bleiben.