Franz-Josef Leven, Geschäftsführer Deutsches Aktieninstitut (DAI)

Timing ist alles "Einige haben heute noch Kreuzschmerzen"

Stand: 07.03.2017, 16:45 Uhr

Für Franz-Josef Leven, Geschäftsführer des Deutschen Aktieninstituts (DAI), hat der Zusammenbruch des Neuen Marktes dazu beigetragen, dass die Deutschen so große Aktienmuffel sind. Doch die Wurzel des Übels ist er nicht.

boerse.ARD.de: Die Zahl der direkten Aktionäre in Deutschland ist heute deutlich niedriger als zur Jahrtausendwende und beträgt rund fünf Prozent der Bevölkerung. Ist das eine Folge des Crashs am Neuen Markt ?

Franz-Josef Leven: Tatsächlich haben wir heute in etwa wieder soviele Aktionäre, rund vier Millionen, wie vor dem Neuen Markt. In den Hochzeiten des Neuen Marktes waren es gut sechs Millionen, ohne die Fondsbesitzer. Insofern hat die Hysterie des Neuen Marktes, diese damalige Goldgräberstimmung, dazu beigetragen die Zahl der direkten Aktienbesitzer vorübergehend zu steigern. Anschließend hat das Platzen der Dotcom-Blase vielen Anlegern schon so weh getan, dass sie bis heute dem Aktienmarkt fern geblieben sind.

boerse.ARD.de: Warum haben wir uns bis heute nicht von den Folgen dieses Zusammenbruchs erholt?

Leven: Es ist ja damals- 2002/2003 - nicht nur zu einem Crash am Neuen Markt gekommen. Auch der Dax und die anderen internationalen Aktienmärkte haben erhebliche Kurseinbrüche erlitten, so dass viele Anleger das Gefühl bekommen haben, Aktien sind doch nichts für mich, damit kann man eigentlich nur Geld verbrennen. Ich glaube, dass Einige bis heute Kreuzschmerzen vom Fall des Neuen Marktes haben. Allerdings ist der Neue Markt nicht die Wurzel des Übels, also nicht die Ursache dafür, dass es hierzulande relativ wenige Aktionäre gibt.

boerse.ARD.de: Sondern?

Leven: Wir haben es in Deutschland mit einer grundsätzlich negativen Einstellung gegenüber dem unternehmerischen Risiko zu tun. Die Bereitschaft Risiken einzugehen ist sehr gering. Dazu will ich Ihnen eine Anekdote erzählen. Ich wurde kürzlich von Schülern eines Gymnasiums gefragt, ob ich persönlich Aktien besitze und ob ich mit Aktien auch schon viel Geld verloren hätte. Statt also zu fragen, wieviel Rendite haben Sie mit Aktien eingefahren (wie das Amerikaner sicher getan hätten), herrscht hierzulande viel zu oft die Meinung vor, Aktien seien nur Wertvernichter und eigentlich etwas Böses, von dem man sich fernhalten sollte.

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boerse.ARD.de: Sind sie das nicht?

Leven: Nach unseren Berechnungen lassen sich mit Aktien in Zeiträumen von 20 bis 30 Jahren zuverlässig durchschnittliche jährliche Renditen von sechs bis acht Prozent erzielen, also weit mehr als mit anderen Anlageformen. Mit Ereignissen wie dem Platzen der Dotcom-Blase und jüngst der Subprimekrise des amerikanischen Immobilienmarktes setzt sich aber die Überzeugung fest, dass Aktien für Privatanleger völlig ungeeignet sind. Dabei haben viele Aktien seit dem Crash am Neuen Markt gute Renditen erzielt.

boerse.ARD.de: Liegt es auch an der Politik, dass die Deutschen so aktienscheu sind?

Leven: Ganz eindeutig liegt der Schlüssel für Veränderungen bei der Politik. Das fängt schon in der Schule an, wo es in vielen Bundesländern praktisch kein Fach Wirtschaft gibt, das den Schülern neben amderem entsprechendes Wissen über die Bedeutung von Finanzmärkten und Aktien vermitteln könnte. Die Länder, die für die Bildungspolitik verantwortlich sind, gehen diese Problematik aber oft nicht an.

boerse.ARD.de: Könnte auch eine Änderung der Besteuerung die Anlage in Aktien fördern?

Die Besteuerung wäre in der Tat ein riesiges Betätigungsfeld für die Politik, wenn sie es denn wollte. Die Pläne der Regierung, die Abgeltungssteuer abzuschaffen und die Anleger wieder stärker über die Einkommenssteuer zur Kasse zu bitten, sind der Aktienkultur sicher nicht förderlich. Noch weniger förderlich sind die immer noch bestehende steuerliche Mehrbelastung der Aktienerträge gegenüber Zinserträgen und das dauernde Gerede um die Einführung einer absolut kontraproduktiven Finanztransaktionssteuer.

boerse.ARD.de: Wie könnte denn das Interesse der Menschen für Aktien gefördert werden?

Leven: Für sinnvoll hielte ich es, dass der Staat die Altersvorsorge mittels Aktien stärker fördert. Denn über einen Zeitraum von 20 bis 30 Jahren ist eine kapitalgedeckte Altersvorsorge wesentlich rentabler als der Kauf festverzinslicher Wertpapiere. Das wäre ein Weg auf dem man die Menschen erst einmal mit Aktien vertraut machen könnte. Ein Blick ins Ausland zeigt, dass es in Ländern mit kapitalgedeckter Altersvorsorge auch einen höheren Anteil von Aktionären gibt.

Das Gespräch führte Lothar Gries.

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