Robert Rethfeld

Robert Rethfeld, Wellenreiter-Invest "Ein erstes Corona-Tief steht unmittelbar bevor"

Stand: 16.03.2020, 12:04 Uhr

Ein Ende der Börsenpanik ist in Sicht, betont Robert Rethfeld von "Wellenreiter-Invest". Daraus ergeben sich erste Kaufgelegenheiten. Worauf Anleger jetzt achten müssen, erklärt der Börsenexperte im Gespräch mit boerse.ARD.de.

boerse.ARD.de: Der Dax fällt heute erstmals seit 2016 unter 9.000 Punkte. Ist das jetzt der Tiefpunkt? Oder steht uns der Höhepunkt der Corona-Panik noch bevor?

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 1 Jahr
Kurs
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+1,06%

Robert Rethfeld: Wir sind dicht davor, ein erstes Tief zu setzen. Allerdings ist die Krise nicht mit irgendwelchen Rezessionen zu vergleichen, wie die Welt sie bisher erlebt hat. Sie gleicht vielmehr einem Meteoriteneinschlag, der die Welt plötzlich aus den Angeln gerissen hat. Ein solch scharfer Fall der Aktienmärkte ist ohne historisches Vorbild. Selbst 1929 kommt da zumindest in der Anfangsphase nicht mit. Was den Dax anbelangt, ist das Hoch von 2007 bei 8.152 Punkten eine wichtige Unterstützung. Ich denke, an dieser Stelle oder darüber wird die Panik spätestens enden. Dann werden die Kurse in eine Phase der volatilen Bodenbildung übergehen.

boerse.ARD.de: Die Fed hat historisch einmalige Maßnahmen ergriffen, um der Krise Herr zu werden. Werden ihre Bemühungen die Märkte nachhaltig beruhigen können?

Rethfeld: Zentral ist die weltweite Koordination, die dahintersteckt. Die Fed hat alle Anforderungen für die Banken quasi komplett fallen gelassen. Die Banken können jetzt bei der Kreditvergabe für die Unternehmen aus den Vollen schöpfen. Das sind keine "Bazookas" mehr, das ist eine ganze Armee, welche die Notenbanken da aufstellen. Solche Maßnahmen hat es noch nie gegeben. Es geht im Prinzip darum, einen Zustand nicht wahr werden zu lassen, der derzeit wahr zu werden droht: einen rapiden Anstieg der Insolvenzen und Arbeitslosenzahlen. Denn das wäre ja keiner Rezession geschuldet, sondern dem Virus. Sobald man die ersten Wirkstoffe und Impfstoffe hätte, wäre der Spuk vorbei, die Menschen und Unternehmen könnten ihre Arbeit wieder aufnehmen. Daher versucht man, den Zustand kurz vor dem Virus quasi einzufrieren und so viele Unternehmen wie möglich mit kurzfristigen, drastischen Maßnahmen am Leben zu erhalten. Das ist ein gigantischer historischer Versuch, ein unglaubliches Experiment, eben weil so viel Geld in die Märkte geworfen wird. Das wird sicherlich Kollateralschäden mit sich bringen wie etwa steigende Inflationsraten. Nur darüber muss man einfach hinwegsehen, wenn es darum geht, das System als Ganzes zu retten. Und ich denke, ja, das wird gelingen.

boerse.ARD.de: Was sind die Voraussetzungen für ein belastbares Börsentief? Woran kann man es erkennen?

Rethfeld: Wir brauchen in erster Linie ein paar gute fundamentale Nachrichten. Vor einer Woche hatten wir den kompletten Lockdown in Italien. Nach Ansicht von Virologen reflektieren die täglich gemeldeten Fallzahlen den Stand vor etwa zehn Tagen. Danach müsste sich diese völlige Ausgangssperre spätestens zur Wochenmitte in den Zahlen widerspiegeln in Form einer nachlassenden Dynamik, also in einer sinkenden Zahl neuer Fälle. Sollte die Zahl der Neuinfizierten tatsächlich zwei, drei Tage zurückgehen, würde ein Aufatmen durch die Märkte gehen. Man würde sehen, dass der Lockdown funktioniert. Das wäre ein erster Hoffnungsschimmer.

boerse.ARD.de: Und wie ist es mit der Anlegerstimmung - ist die schon schlecht genug für ein Börsentief?

Rethfeld: Alle von uns beobachteten Indikatoren, seien es VDax, NAAIM-Index, oder Put-Call-Ratios, befinden sich bereits komplett auf Extremniveaus. Sentimenttechnisch sind wir bereits im unteren Extrembereich angelangt – auch das ein Zeichen für den Beginn einer möglichen Bodenbildung. In der Finanzkrise wurde ein Sentiment-Extrem im November 2008 verzeichnet, das eigentliche Finanzkrisen-Tief aber erst im März 2009 eingefahren. Nichtsdestotrotz gilt: Der ganz große Verkaufsdruck, der Großteil der Panik müsste jetzt bereits draußen sein. Anleger sollten darüber hinaus auch den Ölpreis als Frühindikator im Auge behalten. Sollte sich dieser weiter stabilisieren können, wäre auch das ein Signal für eine Bodenbildung.

boerse.ARD.de: Die Börse spielte an den „Iden des März“ schon des Öfteren verrückt. Lässt sich aus der Geschichte etwas lernen?

Rethfeld: In der Tat war sowohl in der Finanzkrise 2009 als auch in der Rezession nach dem Platzen der Dotcom-Blase 2003 das Börsentief jeweils im März drin. Auch jetzt könnte der März ein guter Zeitpunkt für ein Tief sein. Das Problem ist nur, dass die akute Phase des Abverkaufs gerade erst 20 Tage alt ist. Solche Paniken bilden normalerweise kein V-förmige Erholung aus. Die Bodenbildung dürfte noch ein bisschen dauern. Insofern müsste das endgültige Corona-Tief nicht unbedingt im März liegen – aber ein wichtiges Tief schon.

boerse.ARD.de: Ist das unterm Strich jetzt eine historische Kaufgelegenheit – oder würden Anleger ins fallende Messer greifen?

Rethfeld: Von einem fallenden Messer würde ich in der jetzigen Situation nicht mehr sprechen. Ich glaube, dass es nicht mehr allzu lange dauern wird, bis wir eine Erholungsrally sehen werden. Insofern könnte man darauf jetzt schon setzen, müsste aber noch mit Rücksetzern rechnen – in denen man dann ja auch wieder zukaufen könnte.

Das Interview führte Angela Göpfert.