Marc Friedrich

Fundamentalkritiker im Gespräch „Der Euro muss kontrolliert aufgelöst werden“

Stand: 20.11.2017, 15:45 Uhr

Geht es nach Marc Friedrich, Bestsellerautor, Ökonom und Honorarberater der Friedrich & Weik Vermögenssicherung, steuert die Welt auf die nächste große Krise zu. Er sieht gefährliche Blasen, gleichzeitig bieten die Nullzinsen keine realen Anlagemöglichkeiten mehr. boerse.ARD.de hakte beim Experten genauer nach.

boerse.ARD.de: Sie und Ihr Kollege Matthias Weik lassen in Ihren Büchern kaum ein gutes Haar am derzeitigen Geld- beziehungsweise Politiksystem. Was sind die Hauptpunkte der Kritik?

Marc Friedrich: Tatsache ist, dass sich seit der Finanzkrise 2008 eigentlich nichts geändert hat. Die Notenbanken haben massiv Geld über die Volkswirtschaften ausgeschüttet und die Zinsen abgeschafft, das Geldkarussell damit am Laufen gehalten, die Probleme aber nicht gelöst. Damit haben sie lediglich Zeit gewonnen.

Das ist wie eine Insolvenz, bei der die Konkursverschleppung aber auf Kosten der Bürger geht, deren Altersvorsorge zudem noch extrem gefährdet ist. Fakt ist: Mit der Notenbankpresse lassen sich keine Probleme nachhaltig lösen!

boerse.ARD.de: Aber die niedrigen Zinsen haben doch auch ihr Gutes, wie Herr Draghi immer wieder betont. Kredite sind so billig wie nie, so dass Realwerte geschaffen und Anschaffungen getätigt werden können, sprich günstig konsumiert werden kann.

Friedrich: Die Vergangenheit, etwa in Ländern wie den USA, Spanien, Italien oder Großbritannien, hat gezeigt, dass dieser Plan nicht funktioniert hat. Die Leute haben sich Dinge gekauft, die sie sich eigentlich gar nicht leisten konnten/können, Blasen sind entstanden, denken Sie nur an die Subprime-Krise in den USA.

Die Notenbank fungiert mit ihrem einmaligen Experiment der Nullzinsen und Anleihekäufen als Brandstifter par exellence. Denn de facto haben sie den Zins als Risikoparameter komplett ausgeschaltet und damit alles über den Haufen geworfen, was bisher in den Lehrbüchern gestanden hat und noch immer steht.

Gleichzeitig ist sie gefangen in ihrer Niedrigzinspolitik. Sobald Draghi die Zinsen anhebt, wird es ein Gemetzel an den Kapitalmärkten geben, denken Sie nur an Italien.

boerse.ARD.de: Ist das nicht ein etwas zu negatives Szenario? Schließlich sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen derzeit weltweit so gut wie lange nicht mehr. Die Geldpolitik kann dann doch so schlecht nicht gewesen sein bisher.  

Friedrich: Ich gehe sogar noch weiter in dem ich sage, wir gehen von einem Vertragsbruch und Skandal zum nächsten. De facto haben wir schon längst eine Transferunion in Europa, obwohl die europäischen Verträge das explizit ausschließen.

Oder sehen Sie sich Herrn Juncker in Brüssel an, der in Luxemburg eine gigantische Steueroase für internationale Großkonzerne geschaffen hat. Wenn sich eben dieser Mann jetzt für Steuergerechtigkeit einsetzt, dann kann man das doch alles nicht mehr ernst nehmen. Mehr als das, politischer Extremismus wird die Folge dieser Unglaubwürdigkeiten sein, wie die jüngsten Wahlergebnisse schon zeigen. In Italien wird im kommenden Jahr gewählt und viele Parteien lehnen die EU und den Euro ab.

boerse.ARD.de: Stichwort Euro. Die Gemeinschaftswährung war und ist doch stets mehr als nur ein ökonomisches, sondern auch ein politisches Experiment. Was soll daran schlecht sein?

Friedrich: Der Euro ist eine noble politische Idee, das Problem ist nur, er funktioniert nicht. Anstatt Europa zu einen, trennt er heute die Völker. Der Euro ist zu schwach für uns und zu stark für Südeuropa. Der Euro ist gescheitert. Das Währungsexperiment Euro wird künstlich am Leben gehalten. Es ist Unsinn, unterschiedlich starke Volkswirtschaften in ein gemeinsames Zins- und Währungskorsett zu zwängen. Anders ausgedrückt, uns geht es so gut, weil es anderen so schlecht geht.

Griechenland, Italien, Portugal und andere Länder Südeuropas werden unter diesen Bedingungen nie wirtschaftlich auf die Beine kommen, wie die volkswirtschaftlichen Eckdaten schon jetzt zeigen. Dies bedroht nicht nur die monetäre Stabilität, sondern auch die politische. Man schaue sich nur die hohen Arbeitslosenquoten in Südeuropa an, besonders die Jugendarbeitslosigkeit.

boerse.ARD.de: Kritik ist das eine, aber wie würde es Ihrer Meinung nach besser gehen? Was wäre die Alternative?

Friedrich: Der Euro muss kontrolliert aufgelöst werden. Die Geschichte zeigt, dass es solche Änderungen von Währungsregimen in der Vergangenheit immer gegeben hat.

Kontrolliert bedeutet, dass ein solcher Schritt, ähnlich wie bei der Einführung, im Voraus kommuniziert werden muss und natürlich Einigkeit der Akteure bestehen muss. Das ist zwar teuer und schwierig, aber es ist machbar. Man muss zurück zu souveränen Währungen kommen, die den Ländern des Südens es wieder ermöglichen zu wachsen und Überschüsse zu erwirtschaften.

Auch ein Marshallplan für Südeuropa ist nötig, allerdings unter ganz klaren Bedingungen und Regeln. Dies, damit nicht wie jetzt bei Nullzinsen, ein Anreiz besteht, die Probleme anzugehen und nicht einfach neue Schulden zu machen.

boerse.ARD.de: Apropos Schulden. Die Euro-Altschulden müssten dann ja wohl auch gestrichen werden, oder?

Friedrich: Genau, die Schulden erdrücken die Menschen und damit auch die Demokratie. Sehen Sie sich den Aufstieg extremer Parteien in Europa an. Selbst Deutschland kann ja in einer solchen Hochphase wie jetzt - als Exportweltmeister mit Rekordüberschüssen - offensichtlich keine Schulden tilgen, sondern schafft gerade mal eine schwarze Null.

boerse.ARD.de: Ein Wort noch zu den Banken, an denen sie kein gutes Haar lassen. Ohne Banken funktioniert eine freie Volkswirtschaft bekanntlich nicht. Wie soll die Finanzordnung also aussehen?

Friedrich: Selbstverständlich funktioniert eine Wirtschaft ohne Banken nicht. Die Banken müssen jedoch wieder den Menschen und Unternehmen dienen anstatt nur sich selbst. Des Weiteren gibt es große Unterschiede bei Banken. Zunächst mal meine ich nicht die soliden Sparkassen oder Volksbanken vor Ort, die das Rückgrat der Wirtschaft sind. Aber gerade große Privatbanken haben alle Moralvorstellungen 2008 über Bord geworfen. Sie sind die Krisenverursacher und jetzt sind sie auch noch die Krisengewinnler, weil sie eben too big to fail sind. Gleichzeitig wird der Bürger bei Null Prozent Zinsen und einer Inflation bei knapp zwei Prozent enteignet.

Die Konsequenz muss sein, dass die Finanzindustrie reguliert, sprich an die Kandare genommen werden muss, sonst entstehen wieder Finanzblasen.

boerse.ARD.de: Aber hier ist doch mit den neuen Regelwerken der Aufseher viel geschehen. Konsequenzen wurden doch gezogen, denken Sie nur an Basel III oder Solvency-II-Modelle zum Eigenkapitalregime.

Friedrich: Diese Regelungswerke sind eher Nebelkerzen, die einen Haufen Papier und Bürokratie erzeugen. Sie ändern auch nichts daran, dass eben bei Bedarf einfach Zweckgesellschaften gegründet werden, wie die die jüngsten Enthüllungen ja zeigen.

Was geholfen hätte, wäre die Einführung eines Trennbankensystems und die versprochene Finanztransaktionssteuer, von der aber nichts mehr zu hören ist. Ferner darf keine Bank mehr so groß sein, dass sie systemrelevant ist. Die Entwicklung macht radikale Reformen dringend nötig. So betrug die durchschnittliche Haltedauer von Wertpapieren vor 20 Jahren vier Jahre, heute sind es 22 Sekunden. High-Frequency-Trader mit ihren Algorithmen machen es möglich, von den ganzen anderen digitalen-Entwicklungen ganz zu schweigen. Zu nennen ist hier nur die Blockchaintechnologie, die Banken vielleicht bald ganz überflüssig macht.

boerse.ARD.de: Sie sind auch Fondsinitiator und haben seit Jahresanfang einen Fonds aufgelegt. Wie setzen Sie Ihre Weltsicht durch, sprich, in welche Assetklassen investieren Sie?

Friedrich: Als Honorarberater hatten wir zunächst festgestellt, dass es reine gemischte Sachwertfonds gar nicht gab. Also solche Fonds, bei denen die im Portfolio gehaltenen Vermögenswerte auch physisch hinterlegt sind und die man auch täglich handeln kann. Dies ist bei unseren Friedrich&Weik Wertefonds gegeben.

Wir investieren in Rohstoffe wie Kupfer, Gold, Silber, Diamanten oder auch in Aktien. Bei den Aktien haben wir uns unter anderem auf Übernahmekandidaten konzentriert. Etwa die Übernahme von Actelion durch Johnson & Johnson, oder AMEC Foster Wheeler sowie Parmalat. Engagiert  waren wir auch beim spanischen Mautbetreiber Abertis, für den es ein Übernahmeangebot der italienischen Atlantia gegeben hat, welches jüngst von Hochtief wiederum überboten wurde.

Diese Transaktionen haben es uns ermöglicht, im ersten Jahr schon eine Ausschüttung von sechs Cents zu tätigen. Bei wachsendem Fondsvermögen planen wir auch, in Asset-Klassen wie Ackerböden oder Waldflächen zu investieren.

Der Grundgedanke unseres Fonds dabei ist, einen realen Vermögenserhalt anzubieten, eine Art Lebensversicherung für das Vermögen der Anleger in einer Zeit, in der sichere Anlagealternativen aus den genannten Gründen rar werden.

Das Gespräch führte Robert Minde.