Uwe Lang

"Börsenpfarrer" Uwe Lang "Der Aktienmarkt will nach oben"

Stand: 01.11.2019, 15:01 Uhr

Wie geht es an den Märkten nach der jüngsten Rally weiter? "Börsenpfarrer" Uwe Lang ist optimistisch. Er rechnet damit, dass der Dax bis Jahresende noch kräftig zulegen kann.

boerse.ARD.de: Die Hausse an den Aktienmärkten läuft seit über elf Jahren und damit im historischen Vergleich überdurchschnittlich lang. Kann das denn noch lange gut gehen?

Uwe Lang: Zunächst einmal muss ich etwas widersprechen. Die Hausse ist eigentlich kürzer. So gab es im Jahr 2011 und 2015 jeweils eine Aktien-Baisse, die beim Dax etwa 20 Prozent betrug. Von einer ununterbrochenen Hausse kann man also nicht sprechen. Im Übrigen sind die Kurse immer noch relativ niedrig. Schauen Sie sich mal den EuroStoxx 50 an, der 30 Prozent unter seinem Wert von vor 20 Jahren notiert. Auch der Dax-Kursindex, ohne die von den Unternehmen in der Vergangenheit gezahlten Dividenden, hat seinen Höchststand vom Januar 2018 noch lange nicht erreicht. Insofern meine ich, dass das der Aufschwung nach lange anhalten kann. Auch weil wir eigentlich etwas zurückgeblieben sind, vor allem im Vergleich mit Amerika.

boerse.ARD.de: Amerikanischen Firmen wird häufig vorgeworfen, ihre Kurse zum Beispiel durch Aktienrückkäufe künstlich nach oben zu treiben. Ist das nicht eine Gefahr für die aktuelle Aufwärtsbewegung?

Lang: Das ist tatsächlich eine nicht gesunde Entwicklung. Das kann man auch gut am amerikanischen Kurs-Umsatz-Verhältnis festmachen. Das liegt derzeit beim ungefähr Dreifachen der Jahresumsätze der Unternehmen. Normal wäre das Einfache der Jahresumsätze, zumindest wenn man auf den Zeitraum von 1950 bis 1990 blickt. Die Kurse in Amerika sind zu hoch, eben auch durch die Aktienrückkäufe. Da schätze ich Europa etwas besser ein.

boerse.ARD.de: Wie ist Bewertung im Dax?

Lang: Hier liegt das Kurs-Umsatz-Verhältnis nur bei eins oder sogar noch etwas darunter. Historisch gesehen ist das etwas höher als im Durchschnitt der vergangenen 20 Jahre, aber nicht zu hoch, vor allem wenn man bedenkt, dass Anleihen keine Konkurrenz mehr sind. Anleihen kann man angesichts des niedrigen Zinsniveaus eigentlich gar nicht mehr kaufen. Somit müsste dem Aktienmarkt diese Entwicklung eigentlich noch mehr helfen.

boerse.ARD.de: Welche Risiken sehen Sie für den Markt?

Lang: Die Risiken bestehen vor allem auf kurze Sicht, weil die kurzfristigen Zinsen höher als die langfristigen sind. Eine solche Entwicklung deutete in der Vergangenheit auf die Gefahr einer Rezession hin. Und auch die Konjunkturdaten sind im Moment nicht gut. Bei der Entwicklung der Zinssätze muss man aber bedenken, dass die Zentralbanken ständig Anleihen gekauft haben und das Niveau der Anleihezinsen nach unten gedrückt haben.

boerse.ARD.de: Wie lang werden die Notenbank die Zinsen denn noch so niedrig halten, wie es derzeit der Fall ist?

Lang: Es ist noch keine Trendwende in Sicht. Die Zinsen müssen im Moment so niedrig bleiben, weil die Konjunktur so schwach ist. Und es ist gut, dass die Zentralbanken diese Politik verfolgen. Wenn man die Zinsen zu früh anhebt, kann es tatsächlich zu einer Rezession kommen.

boerse.ARD.de: Der S&P 500 hat gerade erst ein Rekordhoch erreicht. Wie kommt es, dass der Dax den US-Märkten so stark hinterherhinkt?

S&P 500 (Indikation): Kursverlauf am Börsenplatz Citigroup für den Zeitraum 1 Jahr
Kurs
3.096,70
Differenz relativ
+0,10%

Lang: Die politische Stimmung in der Eurozone ist einfach schlecht. Die Europäer machen einem Eindruck von Uneinigkeit. Dazu kommt noch die Krise der Autoindustrie. Deshalb sind die Kurse gedrückt. Die Anleger verhalten sich einfach vorsichtig.

boerse.ARD.de: Die Börsen haben die schlechten Börsenmonate September und Oktober überstanden. Das Jahresende rückt näher. Wie stehen die Chancen für eine Jahresendrally?

Lang: Es lässt sich aus den Daten der vergangenen 30 bis 40 Jahre nachweisen, dass der Zeitraum von November bis April in der Mehrzahl der Fälle wesentlich stärker ist der Zeitraum von Mai bis Oktober. Viele glauben das nicht, aber das ist wirklich so. Derzeit machen viele Aktien und Indizes neue Kaufsignale und neue Höchstkurse. Der Aktienmarkt will nach oben.

boerse.ARD.de: Wie weit könnte es im Dax bis Jahresende noch nach oben gehen?

Lang: Bis zum Jahresende kann der Dax durchaus seine 13.500 Punkte erreichen, die er schon einmal im Januar 2018 inne hatte.

boerse.ARD.de: Welche Branchen bevorzugen Sie?

Lang: Mit gefallen Elektronikwerte, Bauaktien, Computer, Hard- und Software und die Pharmabranche besonders gut.

boerse.ARD.de: Wie sieht es bei Einzeltiteln aus?

Lang: Bei Volkswagen kann man spekulativ zugreifen, aber man sich darauf gefasst machen, dass es bei schlechten Nachrichten auch schnell mal wieder nach unten gehen kann. Aber billig sind VW-Aktien schon. Wer ein bisschen was riskieren will, kann da durchaus noch einsteigen. Bei Bayer kann man vielleicht auch schon wieder rein. Die schlechten Nachrichten sind in den Kursen enthalten.

Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 1 Jahr
Kurs
179,92
Differenz relativ
-0,60%
Bayer: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 1 Jahr
Kurs
70,37
Differenz relativ
-0,18%

boerse.ARD.de: Wovon würden Sie im Moment lieber abraten?

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 1 Jahr
Kurs
6,55
Differenz relativ
-1,46%

Lang: Deutsche Bankaktien wie Deutsche Bank und Commerzbank gefallen mir nicht. BMW und Daimler würde ich meiden. Bei Lufthansa würde ich noch nichts machen.

boerse.ARD.de: Welche Alternativen sehen Sie zum Aktienmarkt?

Lang: Ein Blick auf Gold könnte sich lohnen, das läuft zwar nicht immer. Aber als Beimischung kann man sich ein Gold-Zertifikat ins Depot legen. Vielleicht könnte noch die eine oder andere Goldminenaktie wie Barrick Gold interessant sein. Bei Immobilien muss man sich sehr gut auskennen. Die Preise sind ja schon sehr sehr hoch. Besonders die Lage muss stimmen. Immobilienaktien wie Vonovia könnten noch interessant sein. Kurzfristig sind die allerdings durch die politischen Ereignisse in Berlin belastet.

Das Gespräch führte Mark Ehren.