Uwe Lang
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Börsenpfarrer Uwe Lang "Crash frühestens im Mai 2018"

Stand: 19.10.2017, 08:20 Uhr

Er war einer der wenigen, der den Crash an der Wall Street 1987 vorhersah: Börsenpfarrer Uwe Lang. Im Interview mit boerse.ARD.de sagt er, wie groß die Gefahr des nächsten Crashs ist und warum der Dax noch bis 14.000 Punkte steigen wird.

boerse.ARD.de: Was haben Sie am 19. Oktober vor 30 Jahren gemacht, als der Crash kam?

Uwe Lang: Ich habe damals am Nachmittag Tennis gespielt. Als ich heimkam, war der Dow um 22 Prozent eingebrochen. Besonders wunderte mich, warum die Medien am Abend kaum darüber berichteten. Erst am nächsten Tag erkannten sie das ganze Ausmaß des Crashs.

boerse.ARD.de: Sie haben 1987 vor einem Crash gewarnt. Was machte Sie damals so skeptisch?

Lang: Die Kurse waren damals fünf Jahre hintereinander kräftig gestiegen. Das war für mich ein alarmierendes Zeichen. Denn historisch gesehen folgte meist auf zwei Hausse-Jahre ein Baisse-Jahr. Zudem machte mir damals der deutliche Zinsanstieg Sorgen. Die Rendite für zehnjährige US-Anleihen war binnen weniger Monate von sieben auf zehn Prozent geklettert. Nach meiner von mir entwickelten Wellen-Theorie hatte ich mit einer Abwärtsbewegung an den Börsen 1987 gerechnet. Dass es zu solch einem Crash kommen würde, hatte ich nicht vorhergesagt. Auch den Einbruch bei den Rohstoffwerten hatte ich nicht erwartet. Ich hatte damals geglaubt, dass die Rohstoffaktien dem Abwärtstrend trotzen würden. Überraschend war damals, dass die deutschen Aktien zunächst nicht vom Crash an der Wall Street mitgerissen wurden. Erst als der Dollar fiel, ging es auch mit dem Dax abwärts.

boerse.ARD.de: Wurden damals Ihre Warnungen erhört?

Lang: Nein, niemand hat mich ernst genommen. Ein Wirtschaftsmagazin riet sogar noch auf der Titelseite im Oktober: Jetzt einsteigen in den Aktienmarkt!

boerse.ARD.de:  Wann kommt der nächste Crash?

Lang: Der nächste Crash kommt frühestens 2018. Das Winterhalbjahr wird ruhig verlaufen. Die Aktienkurse sind zwar im Moment sehr hoch, aber die Zinsen sind immer noch sehr, sehr niedrig, und die Notenbanken zögern, die Geldpolitik zu straffen. Aber: Man muss aufpassen, es kann schnell etwas passieren.

boerse.ARD.de: Kann sich der Crash von 1987 wiederholen?

Lang: Ja, er kann sich wiederholen, wenn sich die Baisse zu lange verzögert. Wenn alle auf einmal raus wollen, kann es leicht zu crash-artigen Zuständen kommen.

boerse.ARD.de: Was ist heute anders als zum Crash von 1987?

Lang: Die Zinslage ist heute anders. Wir befinden uns in einer Nullzins-Zeit. Wenigstens sind die kurzfristigen noch höher als die langfristigen Zinsen. Umgekehrt wäre es schlimm.

boerse.ARD.de: Wo sehen Sie Parallelen zu 1987?

Lang: Was sich zwischen heute und damals ähnelt, sind der schwache Dollar und die weit überhöhten Aktienkurse. Das Kurs-Umsatz-Verhältnis (KUV) amerikanischer Aktien liegt aktuell bei 2,7 - das ist doppelt so hoch wie im historischen Durchschnitt (1,2). Auch Dax-Titel sind überbewertet. Das KUV ist mit 1,2 deutlich über dem Durchschnittsniveau von 0,7 in früheren Jahren.

boerse.ARD.de: Der Dax hat gerade die 13.000 Punkte überschritten und notiert so hoch wie nie, die Wall Street eilt von Rekord zu Rekord. Viele sprechen von der ungeliebten Hausse. Warum steigen und steigen die Kurse?

Lang: Beim derzeitigen Nullzins gibt es einfach keine Anlagealternative zu Aktien. Die einzigen Alternativen sind Immobilien, die inzwischen aber auch hoch bewertet sind, und Gold, das sich bei der aktuell niedrigen Inflation nicht lohnt. Bei Anleihen muss man deutlich ins Risiko gehen, um noch gute Renditen zu bekommen.

boerse.ARD.de: Kommt die Jahresend-Rally?

Lang: Ja, wir werden im November und Dezember eine Jahresend-Rally erleben. Der Dax könnte in diesem Jahr noch bis auf 14.000 Punkte steigen. Denn November und Dezember sind meist sehr gute Börsenmonate.

boerse.ARD.de: Aber diesmal ist doch alles anders. Im traditionell schwachen Börsenmonat September ging es im Dax um gut sechs Prozent nach oben.

Lang: Ja, ich hatte im Sommer eine größere Delle erwartet. Die Baisse verzögert sich. Es ist ganz selten, sechs Jahre steigende Kurse zu haben. Ich bin sicher: 2018 wird zum Jahresende niedriger stehen als zum Jahresanfang.

boerse.ARD.de: Wer sind Ihre Favoriten derzeit?

Lang: Die Branchen der Autozulieferer, Elektronik, Luftfahrt und Software laufen zurzeit rund. Man riskiert nicht viel, wenn man in die Allianz mit einer Dividendenrendite von fast vier Prozent investiert. Auch Ölwerte wie zum Beispiel die österreichische OMV sind wegen der stabilen Ölpreise wieder interessant. Für relativ ungefährlich halte ich Pharmaaktien. Die halten sich gut, wenn es mal abwärts geht. Hier mag ich vor allem BB Biotech. Schließlich finde ich die Autozulieferer-Aktien nicht schlecht. Ein Favorit ist Dürr.

boerse.ARD.de: Wo sehen Sie die größten Risiken für die Börsen? Einen Nordkorea-Krieg?

Lang: Die Zinswende in Europa könnte ein Risiko sein, wenn sie kommt. Man sollte aber auf weitere Symptome für eine auslaufende Hausse achten: Wenn sich zum Beispiel Übernahmen oder Neuemissionen häufen, ist meist Gefahr in Verzug. In den Jahren von 2009 bis 2014 gab es relativ wenige Neuemissionen und Übernahmen. Die Gefahr eines Nordkorea-Kriegs sehe ich nicht. Was sich die beiden "Sprechbeutel" vorwerfen, ist nicht ernst zu nehmen. Gefährlicher wäre es, wenn die Lage im Iran eskaliert.

Das Interview führte Notker Blechner.