mann mit Fernglas

Ausblick auf das zweite Halbjahr Börsen-Rally bald vorbei?

von Notker Blechner

Stand: 11.07.2019, 16:01 Uhr

Halbzeit an den Finanzmärkten: Mit einem Plus von über 17 Prozent hat der Dax das erfolgreichste Halbjahr seit 2007 hingelegt. Ob es in der zweiten Jahreshälfte so weitergeht, bezweilfeln die meisten Experten. Sie prophezeien stürmischere Zeiten.

Wieder einmal wurden die Anlagestrategen auf dem falschen Fuß erwischt. Fast alle Experten hatten zwar eine Erholung des Dax 2019 erwartet. Dass es aber so schnell wieder nach oben geht – nämlich um 17,4 Prozent -, hatte kaum einer auf der Rechnung. Eine der treffendsten Prognosen hatte Gertrud Traud, Chefvolkswirtin der Helaba abgegeben. Sie hatte im November 2018 dem Dax einen Sprung bis 12.700 Punkte für Ende Juni zugetraut.

Deka hat sich verschätzt

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Total daneben lag dagegen Deka-Stratege Joachim Schallmayer. Er hatte für den Dax zur Jahresmitte 10.500 Punkte prognostiziert. Der Deka-Mann sah die Italien-Krise als großen Bremsfaktor für den Dax. Man habe die Auswirkungen der geldpolitischen Wende unterschätzt, räumte er nun ein.

Schallmayer ist inzwischen deutlich weniger pessimistischer. Zum Jahresende sieht er den Dax bei 12.400 Punkten. Das wäre in etwa das Niveau, wo er im Augenblick steht. Ursprünglich hatte die Deka als Dax-Prognose 12.000 Zähler ausgegeben.

ARD-Börsenstudio: Konrad Busen Audio

Börse 9.30 Uhr: Mario-Draghi-Dax/Halbjahresbilanz

Helaba: Dax steigt bis 13.000 Punkte

Optimistischer ist Gertrud Traud von der Helaba. Die Volkswirtin prophezeit einen Anstieg des Dax auf 13.000 Punkte bis Ende des Jahres. Selbst neue Rekordhochs hält sie für möglich.

Andere Börsen-Auguren sind vorsichtiger als Traud. Nach dem beeindruckenden Comeback in den ersten sechs Monaten dieses Jahres sei die Luft vorerst raus, meinen sie. "Viel ist nicht mehr drin", meint Stefan Kreuzkamp, Chefanlagestratege der DWS, etwas ratlos.

DWS zeigt sich skeptisch

S&P 500 Ind.: Kursverlauf am Börsenplatz Citigroup für den Zeitraum Intraday
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Seine Prognose für den Dax bis Jahresende liegt bei 12.300 Punkten. Das wäre ein Rückgang von 2,2 Prozent gegenüber dem Niveau von heute. Den S&P 500 erwartet Kreuzkamp Ende 2019 bei 3.000 Zählern.

Grund für die Skepsis des DWS-Strategen sind die zahlreichen politischen Konflikte. Kreuzkamp verweist auf die Spannungen zwischen den USA und dem Iran, den noch lange nicht beendeten Handelsstreit zwischen den USA und China, den Haushaltsstreit der EU mit Italien und den drohenden harten Brexit. Sie könnten für deutlichere Kursschwankungen sorgen.

Keine Rezession, aber abflauende Gewinndynamik

Zwar rechnet die DWS nicht mit einer nahenden Rezession. Doch die Wachstumsdynamik der Weltwirtschaft dürfte etwas abflauen - auf 3,4 Prozent wachsen. Die Unternehmen dürften ihre Gewinnprognosen nach unten revidieren, glaubt Co-Aktienchef André Köttner. Deshalb hat die DWS jüngst die Aktienquote auf durchschnittlich 42 Prozent gesenkt. Im Gegenzug hat sie den Anteil von Anleihen und alternativen Anlagen wie Gold erhöht.

Gewinnwachstum je Aktie der S&P 500-Unternehmen

Gewinnwachstum je Aktie der S&P 500-Unternehmen. | Bildquelle: DWS, Grafik: boerse.ARD.de

Die Fondsmanager bevorzugen derzeit Hightech-Aktien und Finanzwerte, am liebsten aus den USA. Von europäischen Bankaktien lassen sie dagegen die Finger.

Besonders optimistisch gestimmt für US-Aktien ist PEH. Martin Stürner, Fondsmanager von PEH Empire, sieht den Dow bis Jahresende bei 30.000 Punkten. Der Nasdaq 100 dürfte, so Stürner, bis Ende Dezember auf knapp 9.000 Zähler klettern. Der Trend zur Digitalisierung bleibe der größte Wachstumstreiber an den Finanzmärkten, sagte Stürner. US-Technologiegiganten wie Alphabet, Apple, Microsoft oder Facebook geben hier den Takt vor. Europäischen Aktien traut er weniger positive Entwicklung als US-Titeln zu

Allianz GI bevorzugt europäische Aktien

Auch DWS-Konkurrent Allianz Global Investors mag derzeit Tech-Aktien. Neil Dwane, Chefstratege von Allianz GI, schwärmt beispielsweise von SAP, die im Vergleich zu ihren US-Rivalen niedrig bewertet sei. Insgesamt kauft er derzeit aber lieber europäische als amerikanische Aktien. Denn US-Aktien werden mit einem Kursaufschlag von durchschnittlich 40 Prozent gegenüber europäischen Titeln gehandelt. Das hält er für stark übertrieben.

Noch weniger von US-Aktien hält Luca Paolini, Chefstratege des schweizerischen Vermögensverwalters Pictet. "Wir werden keine Aktien in den USA kaufen", sagte er Anfang Juni. Er glaubt, dass der breit gefasste S&P 500 in den nächsten zwei bis drei Jahren nicht mehr weiter vorankomme. Auch die amerikanischen Technologiewerte seien schon sehr teuer, kritisiert er. Er empfiehlt Anlegern, sich jetzt defensiv zu positionieren. Besonders aussichtsreich hält er in naher Zukunft Emerging Markets und Gold.

Bremsfaktor Handelskrieg

Vorsichtig zeigt sich auch Nordea mit Blick auf den Handelskrieg zwischen den USA und China. Dieser habe seinen Höhepunkt noch nicht erreicht, warnt Sébastien Galy, Senior-Marktstratege des skandinavischen Vermögensverwalters. Die Auswirkungen dürften sich 2020 verstärken und Wachstumsaktien wie Apple, Konsumgüter wie Nike, und Hotelbetreiber erschüttern. Vergeltungsmaßnahmen könnten besonders Prestigetitel treffen wie zum Beispiel Fedex und Apple, das mit Huawei konkurriert. Sollte der Handelskonflikt entschärft werden, böten sich von Europa über die USA bis nach Indien erhebliche Kaufchancen, meint Galy.