Lars Reiner, Robo-Advisor

Interview "Beim Geldanlegen geht es nicht ums Bauchgefühl"

Stand: 23.10.2018, 09:30 Uhr

Vermögensaufbau wird emotionslos. Das sagt Lars Reiner, Mitgründer und Geschäftsführer des Robo Advisors "Ginmon". boerse.ARD.de hat mit Reiner darüber gesprochen, wieso er Algorithmen für den besseren Vermögensverwalter hält.

boerse.ARD.de: Herr Reiner, sind Sie eher ein Kopf- oder ein Bauchmensch?

Lars Reiner: Gute Frage. Ich glaube, dass man viele Entscheidungen - wenn man die Daten hat - rational treffen kann. Aber meistens hat man nicht wirklich alle Informationen. Beim Bauchgefühl wirken Erfahrungen und komplexe Gedanken zusammen. Ich versuche das – wenn möglich - bleiben zu lassen. Solche Entscheidungen lassen sich nicht mit Zahlen untermauern und es endet dann möglicherweise nicht so, wie man es sich vorgestellt hat.

boerse.ARD.de: Ich nehme an, Sie haben selbst ein Portfolio. Treffen Sie da selber die Entscheidungen?

Reiner: Ich beschäftige mich gern mit Unternehmen und deren Strategien, aber Aktieninvestments sind mehr als das. Ich hatte keine Lust mehr, mich damit ständig zu beschäftigen. Vor Kurzem habe ich aber mal wieder einen Aktientitel angefasst. Das ist für mich aber nur ein Hobby, keine Altersvorsorge. Es ist schwer bis unmöglich, durch Einzelaktien-Investments langfristig mehr zu erreichen, als mit einem breitgestreuten und mit Risikomanagement ausgestatteten Theorieansatz.

Das Frankfurter Startup "Ginmon" wurde 2014 gegründet. Der digitale Vermögensverwalter nutzt eine Algorithmus-basierte Technologie. Im Test von Brokervergleich.de erreichte Ginmon damit im vergangenen Jahr eine Rendite von 4,7 Prozent. Das verwaltete Anlagevolumen des Robo Advisors wird auf 85 Millionen Euro geschätzt.

boerse.ARD.de: Anleger sollen Künstlicher Intelligenz und Algorithmen ihr finanzielles Glück anvertrauen. Ist das nicht ein Schritt zurück in die finanzielle Unmündigkeit?

Reiner: Es gibt viele "Do-It-Yourself"-Anleger, die zu uns kommen. Das sind Leute, denen Banken zu teuer waren, die nicht zufrieden waren oder ihnen sogar misstrauen. Einige davon waren mit ihrem selbst gemanagten ETF-Portfolio nicht so erfolgreich, wie sie es sich erhofft haben. Hinzu kommt Unsicherheit: Dann werden unkluge finanzielle Entscheidungen getroffen. Preis, Leistung, Vertrauen, Zeitfaktor – aus diesen Gründen geben Leute die Verantwortung lieber ab.

boerse.ARD.de: Entscheidungen durch Zahlen statt durch Meinung. Werden Algorithmen den Vermögensaufbau in Zukunft verändern?

Reiner: Er wird emotionsloser werden. Mit Algorithmen wird ein langfristiger Horizont planbar, also zum Beispiel die Altersvorsorge. Aktuell beschäftigen sich viele damit, ob die Kurse runtergehen oder eben nicht. Anleger sollten sich lieber auf ihren Lebensmittelpunkt konzentrieren und warum sie ein Vermögen aufbauen wollen. Algorithmen machen das möglich. Geldanlage soll nur Mittel zum Zweck sein.

Ginmon

Ginmon. | Bildquelle: Ginmon

boerse.ARD.de: Ginmon bietet zehn verschiedene Anlagestrategien. Das klingt nach Standardisierung. Wie bleiben Anlagestrategien da individuell?

Reiner: Individualität heißt hier, dass jeder Kunde ein Depot hat, indem die zuvor analysierte Strategie individuell für ihn repliziert wird. Im Gegensatz zu einem Fonds, in den mehrere Kunden investieren, kann das eigene Depot für den Einzelnen optimiert werden. Früher war das nur möglich, wenn man sich einen Vermögensverwalter leisten konnte oder es eben selbst gemacht hat. Robo Advisors machen das für viel mehr Anleger möglich und einfacher.

boerse.ARD.de: Robo Advisors wird bis 2022 ein Wachstum von über 50 Prozent jährlich prognostiziert. Wo steht der Markt in Deutschland aktuell?

Reiner: Wenn die Entwicklung ein Marathon ist, dann sich wir gerade den ersten Kilometer gelaufen. Bei den meisten Kunden sind Robo Advisors noch gar nicht angekommen. Das dauert auch eine Weile. Wenn man es mit dem traditionellen Markt vergleicht und wo da die Publikumsbranchen liegen, in welchen Größenordnungen man da unterwegs ist, dann ist klar, dass wir da ganz am Anfang stehen.

boerse.ARD.de: Ginmon setzt auf antizyklische Investitionen in Small Caps und Value, außerdem auf Buy-and-Hold. Das Vorgehen baut auf Portfoliotheoretiker Eugene Fama, sprich: Breite Streuung in allen Anlagen. Fama sagt aber auch: Vermögensaufbau ist Glückssache. Sind Robo Advisors also auch nur ein Glücksspiel?

Reiner: Die Glücksfrage besteht nur, wenn man einfach irgendwelche Titel aussucht. Laut Fama kann man aus diesem Glücksspiel etwas Planbares machen, wenn man den Vermögensaufbau richtig strukturiert und Wahrscheinlichkeiten berücksichtigt. Das Rauschen im Markt kann durch Diversifikation verringert werden. Auf lange Sicht wird der Markt so planbar. Ein Robo Advisor trifft rationale Entscheidungen und bleibt langfristig dabei.

boerse.ARD.de: Herr Reiner, vielen Dank für das Interview!

Lars Reiner ist Mitgründer und Geschäftsführer des Robo Advisors "Ginmon". Zuvor arbeitete er als Managementberater bei der Deutschen Bank und war Vorstand des Goethe Investment Funds der Goethe Universität Frankfurt.

Das Gespräch führte Jule Zentek.