Mojmir Hlinka

Mojmir Hlinka, AGFIF International "Anleger sollten jetzt eine Kaufliste erstellen"

Stand: 19.03.2020, 13:01 Uhr

Wenn die Börsenpanik abebbt, wird es einen "gewaltigen Rebound" geben, ist Mojmir Hlinka überzeugt. Welche Branchen und Einzeltitel dann besonders profitieren könnten, erklärt der Finanz- und Anlageexperte des Schweizer Vermögensverwalters AGFIF International im Gespräch mit boerse.ARD.de.

boerse.ARD.de: Herr Hlinka, minus 40 Prozent im Dax in nur vier Wochen - da fällt es schwer, nicht in Panik zu geraten. Doch Panikverkäufe wären jetzt wahrscheinlich eine schlechte Idee, oder?

Mojmir Hlinka: Absolut. Anleger sollten auf diesem Niveau ganz klar keine Panikverkäufe mehr tätigen. Panik ist ohnehin der denkbar schlechteste Ratgeber. Die Achterbahn des emotionalen Handelns funktioniert momentan par excellence. Privatanleger laufen Gefahr, ihre Papiere jetzt zu Tiefstkursen zu verkaufen.

boerse.ARD.de: Erleben wir gerade den Höhepunkt der Börsenpanik – oder ist das erst der Anfang?

Hlinka: Es wäre völlig unseriös, darauf zu antworten. Momentan regiert noch Panik pur, da verpuffen selbst so epochale Maßnahmen wie ein 750-Milliarden-Paket der EZB gänzlich. Wann ein Ende der Panik kommt, ist zurzeit völlig unvorhersehbar. Doch Fakt ist auch: Wenn sich die Panik legt, werden all diese jetzt ergriffenen fiskal- und geldpolitischen Maßnahmen greifen. Und der Rebound wird gewaltig sein.

boerse.ARD.de: Wie können Anleger ihr Depot bis dahin gut durch die Krise schiffen?

Hlinka: Sie sollten sicherlich nicht versuchen, jetzt Trading zu betreiben. Derzeit kann der Dax innerhalb von Minuten um mehrere hundert Punkte steigen oder fallen, das ist gänzlich unvorhersehbar. Wenn jemand voll investiert ist, gilt das Motto: aussitzen, aussitzen, aussitzen – und bloß nicht traden. Derzeit ist ein Dead Cat Bounce wahrscheinlicher als ein Short-Squeeze. Mit anderen Worten: Im Moment verpasst man weniger, als man riskiert. Anleger sollten aber auch nicht dem "availability bias" erliegen: Nur weil all diese Horrormeldungen ständig auf allen Kanälen verfügbar sind, sind sie nicht wahrscheinlicher. Wenn die Nacht am dunkelsten ist, ist die Sonne nicht mehr fern. Und die Sonne, das sind die Zentralbanken und fiskalpolitischen Maßnahmen, die in der Zukunft greifen werden. Wir sehen das übrigens ganz gelassen, denn wir haben sämtliche Depots mit einem Mini Future auf fallende Kurse abgesichert, als die Krise in Italien zu eskalieren begann. Dadurch haben wir kaum Verluste auf der Aktienseite und sind quasi unter einen eigens aufgespannten Rettungsschirm geschlüpft.

boerse.ARD.de: Wäre das jetzt auch noch eine sinnvolle Maßnahme für Anleger, die ihr Depot bislang nicht abgesichert haben? Oder ist es dafür zu spät?

Hlinka: Das kommt auf die Risikoneigung des einzelnen Anlegers an, ob er noch weitere Kursrückgänge befürchtet – und ob er psychologisch so gestrickt ist, dass er diese auch aushalten kann. Wer in Panik ist, kann sich einen solchen Mini Future kaufen – sollte sich aber womöglich beeilen. Denn schließlich stehen mögliche Leerverkaufsverbote und selbst Börsenschließungen im Raum.

boerse.ARD.de: So schrecklich die niedrigen Börsenkurse auch sind, so verlockend sind sie für manche Anleger. Gibt es in dem aktuellen Kurssturz nicht auch Kaufgelegenheiten?

Hlinka: Tatsächlich steht es für mich außer Frage, dass die Kurse in 6, 12 oder 20 Monaten deutlich höher stehen werden als heute. Nur ob jemand jetzt schon zukaufen sollte, hängt von seiner Risikoneigung ab. Denn er riskiert, dass die Aktie, die er heute kauft, übermorgen womöglich nochmals zehn Prozent tiefer steht. Dass muss man als Anleger mit einem längeren Anlagehorizont auch erst einmal aushalten können. Anleger sollten sich jetzt von der Herde abkoppeln, ganz rational ihren Kopf einschalten und eine Kaufliste erstellen: Welche Branchen, welche Titel werden aus dieser Krise als Gewinner hervorgehen? Dazu gehören sicherlich Telekommunikationsunternehmen, Streamingdienste, Onlinehändler, Pharma- und Konsumgüterkonzerne. Dafür braucht es keinen Analysten, sondern nur den gesunden Menschenverstand.

boerse.ARD.de: Viele Anleger sehen jetzt auch in Gold einen "sicheren Hafen" – Sie ebenso?

Hlinka: Dazu ein ganz klares Nein. Gold pendelt derzeit zwischen 1.450 und 1.500 Dollar. Wenn Gold ein sicherer Hafen wäre, dann wären wir bei 2.000 bis 2.500 Dollar. Im Gegenteil: Wenn die Aktienmärkte nach dieser Krise zurückkommen, wird Gold korrigieren. Viele Substanzwerte und Qualitätsaktien haben mittlerweile Dividenden, die bei zehn Prozent liegen. Gold aber zahlt keine Dividende, keine Kupons, keine Zinsen.

boerse.ARD.de: Bleiben wir also bei den Aktien. Welche Einzeltitel sind jetzt wieder einen Blick wert?

Hlinka: Wir haben stellvertretend für viele andere unter anderem Aktien von Alibaba, Amazon, Google, Apple, Roche, Novartis, Netflix, Bayer, Emmi, Kraft, Unilever, Procter & Gamble und Telekom-Papiere auf unseren Kauflisten.

boerse.ARD.de: Und was halten Sie von gefallenen Engeln wie Tesla oder Boeing?

Hlinka: Im Moment würde ich auf gar keinen Fall solche Momentum-Trades machen. Das sind Opportunitäten, auf die wir derzeit gerne verzichten. Da sind die Volatilitäten und die weitere Absturzgefahr größer als die Chancen, die solche Trades bieten. Das gilt für Tesla, Autokonzerne generell, aber auch Reise- und Fluggesellschaften. Erst in einer zweiten Welle würden wir auch hier zugreifen. Aber erst wenn sich die Lage normalisiert hat, wir unsere Rettungsschirme zugeklappt, die Gewinne daraus mitgenommen und unsere besprochene Kaufliste abgearbeitet haben.

boerse.ARD.de: Was wäre für Sie denn das Signal, die Rettungsschirme zuzuklappen und wieder zuzukaufen?

Hlinka: Dann, wenn die Zahl der Neuinfizierten über mehrere Tage nicht mehr steigt. Dabei sollten wir vor allem die Entwicklung in den USA im Auge behalten – die hinken diesbezüglich Europa hinterher. Nicht umsonst hatten die europäischen Indizes in den vergangenen Tagen relative Stärke zum Dow Jones gezeigt.

Das Interview führte Angela Göpfert.