Nachdenkliche Aktionärsfigur auf schwarz-rot-gelben Aktienkursen
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Studie: Nur jeder achte Nicht-Aktionär denkt über Einstieg nach Aktien: "Schönster Nebenberuf, den man haben kann"

von Till Bücker

Stand: 16.01.2019, 16:15 Uhr

Die Aktienquote der Deutschen hinkt im internationalen Vergleich weiter hinterher. Rund 84 Prozent haben hierzulande keine Aktien im Depot - immer noch haben diese einen schlechten Ruf. Deshalb appellieren das Deutsche Aktieninstitut (DAI) und die Stuttgarter Börse nun auch an die Politik.

Zu hohes Risiko, zu wenig Wissen, nicht genug Geld, umständliche Anlage - diese Gründe stehen dahinter, dass das Verhältnis der Deutschen zur Aktie nach wie vor keine Liebesbeziehung ist. Nur jeder achte Nicht-Aktienbesitzer zieht Anteilsscheine überhaupt in Betracht. Das ergab eine aktuelle Umfrage des Deutschen Aktieninstituts (DAI) und der Stuttgarter Börse unter mehr als 2.000 Teilnehmern.

Christine Bortenlänger

Christine Bortenlänger, DAI. | Bildquelle: picture alliance / dpa

2017 besaßen rund zehn Millionen Deutsche Aktien. Das waren immerhin eine Million und damit zwölf Prozent mehr als im Vorjahr. Die Aktienquote beträgt 15,7 Prozent. Zum Vergleich: In den USA oder den skandinavischen Ländern ist sie laut DAI mindestens doppelt so hoch. "Aus unserer Sicht haben wir immer noch zu wenig Aktionäre", sagt DAI-Vorstand Christine Bortenlänger bei der Vorstellung der Studie am Mittwoch in Frankfurt.

Vor allem wegen der Niedrigzinsphase trauten sich zwar mehr Menschen in den Aktienmarkt, allerdings noch nicht genug, meint Bortenlänger: "Wenn Sie vor zehn Jahren 10.000 Euro in den Dax investiert hätten, hätten Sie nun 23.000 Euro. Rechnet man wohlwollend mit zwei Prozent Zinsen, hätten Sie ansonsten lediglich 12.200 Euro."

Schlechter Ruf schreckt ab

Auch die Stuttgarter Börse will den Aktienbestand in Deutschland stärken. "Haben Sie Mut zur Aktie", rät Michael Völter, Vorstandschef der Vereinigung Baden-Württembergische Wertpapierbörse. "Die Deutschen sparen wie die Weltmeister - nur eben leider nicht mit Aktien."

Besonders mentale Hürden und ein schlechtes Bauchgefühl stünden im Weg: "Man muss nicht Volks- oder Betriebswirtschaftslehre studiert haben, um einen Euro zu investieren." Selbst in den höheren Einkommenskategorien sagt die Hälfte der Befragten dennoch, für Aktien reiche das Geld nicht. Solche Missverständnisse und Vorurteile hielten viele Deutsche von der Aktienanlage ab. Nur 19 Prozent wissen demnach, dass die Aktienanlage auch bei kleineren Beträgen sinnvoll sein kann.

Lediglich ein Drittel der Nicht-Aktionäre denkt laut der Studie, Aktien bringen langfristig mehr Rendite als andere Anlageformen. Bei den Befragten, die in Aktien investieren, sieht das Bild anders aus. Sie glauben in beiden Fällen zum großen Teil (63 und 71 Prozent) an das Gegenteil. Auch bei der Frage, ob Aktien leicht zu erwerben sind, gehen die Meinungen weit auseinander.

Persönliche Gründe für Aktienverzicht

Persönliche Gründe für Aktienverzicht. | Bildquelle: Deutsches Aktieninstitut

Sachanlage mit einem langen Horizont

"Unser Fazit lautet: Erfahrung mit Aktien wirkt sich positiv auf das Anlageinstrument aus. Die Bereitschaft steigt", sagt Völter. Das mache Hoffnung. Auch grundsätzlich sei die Stimmung positiver geworden und das Thema werde in den Medien breiter diskutiert.

Das größte Problem sei, dass sich die Leute wieder schnell aus dem Markt verabschieden. Aktienanlage ist zu riskant - sagen auch 65 Prozent der Umfrage-Teilnehmer. Natürlich säßen Anleger, die 2018 neu eingestiegen sind, aktuell auf Verlusten, so der Chef der Stuttgarter Börse.

Kursschwankungen seien aber normal und Volatilität gar ein Zeichen für gesunde Märkte. Deshalb appelliert er an die Anleger: "Kehren Sie dem Aktienmarkt nicht den Rücken zu. Eine Aktie ist eine Sachanlage mit einem langen Horizont." Musterdepots seien beispielsweise zum Experimentieren gut geeignet, um sich an die Aktienanlage zu gewöhnen.

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Für den Erfolg müsse Zeit in Anspruch genommen werden. "Aber für das, was einem wichtig ist, nimmt man sich immer Zeit", so der Börsianer. Er sage nicht umsonst, dass die Aktienanlage "der schönste Nebenberuf" ist. Letztlich reiche es jedoch auch, sich ein- bis zweimal im Jahr damit zu beschäftigen, sagt Bortenlänger, bei passiven Indexfonds (ETFs), Sparplänen oder Robo Advisors etwa. Auch dort könne ein Anleger trotzdem selbst entscheiden, in welche Märkte oder Branchen er investiert.

"Dem Staat wird schon etwas einfallen"

Auch die Gleichgültigkeit in Bezug auf die private Altersvorsorge verhindert eine höhere Aktienquote, glaubt die DAI-Chefin: "Viele meinen, der Staat ist dafür zuständig und ihm werde schon etwas einfallen." Eine große Zahl wisse nicht einmal um ihre verpasste Chance - gerade in Zeiten, in denen das gesetzliche Rentensystem wankt. Nur ein Fünftel erkennt Aktien als Eignung für die Altervorsorge an, heißt es in der Studie.

Darum wenden sich die Verantwortlichen nun auch an die Politik, beginnend mit der Bildung. Für neun Prozent war die Geldanlage ein Thema in der Schule. "Das ist frustrierend", meint Völter. Darum gibt die Stuttgarter Börse Material heraus und bietet Gratis-Seminare an.

Darüber hinaus müsse der Staat die private Altersvorsorge stärker fördern und den Deutschen klarmachen, dass Aktien eine langfristige Anlage seien und sie auch in schweren Phasen durchhalten sollten, betont Bortenlänger. Doch wie genau soll das klappen?

Zeichen vom Staat notwendig

Bankberater und Kundin

Bankberatung. | Bildquelle: colourbox.de

Neben der Vermittlung für Schüler könne die Regierung die regulatorischen Hürden bei der Anlageberatung herunterschrauben. Diese sorgten dafür, dass immer mehr Banken ihr Angebot reduzieren und potenzielle Anleger durch den Papierkrieg abgeschreckt werden.

Außerdem sollte der Staat die steuerliche Diskriminierung gegenüber festverzinslichen Wertpapieren beseitigen, erklärt die Expertin. Beispielsweise könnten Unternehmen ihre Gewinne unversteuert an die Aktionäre ausschütten, um eine Doppelbesteuerung der Dividende zu verhindern.

Auch staatliche Förderungen des Aktiensparens seien realistische Maßnahmen. Das sehen das DAI und die Stuttgarter Börse nicht alleine so. Selbst die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung spricht sich derzeit für ein staatlich organisiertes Vorsorgekonto mit geringen Kosten aus, damit in breit gestreute ETFs investiert werden kann.

Ob staatlich reguliert oder nicht - für Bortenlänger steht fest: "Eine höhere Aktienquote wäre gut für Deutschland." Vielleicht widmen sich bald tatsächlich mehr Deutsche dem schönsten Nebenjob, den man anscheinend haben kann.