Erste Alarmsignale Droht jetzt die Finanzkrise 2.0?

von Notker Blechner

Stand: 15.03.2019, 06:45 Uhr

Zehn Jahre, nachdem die Finanzkrise im März 2009 ihren Höhepunkt erreichte, gehen Ängste vor einer neuen Finanzkrise um. Die heiß gelaufenen Immobilienmärkte machen Sorgen. Doch die größte Gefahr geht diesmal von den Unternehmen aus.

In den USA geht die Angst um - vor einer neuen Immobilienkrise. Nachdem die Preise in den letzten Jahren fast nur eine Richtung kannten, nämlich nach oben, gehen sie nun in Metropolen wie New York zurück. Der Preis für eine Wohnung in Manhattan ist auf Jahressicht im Durchschnitt um fünf Prozent abgesackt.

Immobilienkrise als Vorbote von Rezessionen

Seit 2012 sind die Häuserpreise in den USA um rund 50 Prozent gestiegen. In Phoenix, Denver und Atlanta haben sich die Preise nahezu verdoppelt.

Das ist ein schlechtes Omen. Denn seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden neun von elf Rezessionen in den USA durch einen Einbruch am Immobilienmarkt eingeleitet. 2008 führten gar die massiven Ausfälle der Subprime-Kredite am US-Häusermarkt zur großen Wirtschafts- und Finanzkrise. Könnte sich so etwas wiederholen? Wohl eher nicht, meinen die meisten Experten. Sie rechnen eher mit einer "sanften" Landung des US-Immobilienmarktes.

Kredite für verschuldete Firmen stark gefragt

Die größte Gefahr könnte diesmal von den Unternehmen ausgehen. Genauer gesagt von den Firmen, die hoch verschuldet sind und dennoch mit Krediten aufgepäppelt werden. Der Markt für so genannte "Leveraged Loans", also Kredite stark verschuldeter Unternehmen boomt. Inzwischen hat dieser Markt mit verbrieften Krediten bereits ein Volumen von 1,3 Billionen Dollar. Damit ist er größer als der Markt für hoch riskante Ramschanleihen. Und doppelt so groß wie der Hypotheken-Subprime-Markt 2007, warnte jüngst der Chef der Bank of England, Mark Carney.

Die Leveraged Loans haben keine fixen Zinskupons, sondern eine Risikoprämie auf Interbankensätze wie den Libor. Für Schuldner mit schlechter Bonität ist es inzwischen billiger geworden, sich weiter zu verschulden. Umgekehrt steigen die Risiken für die Gläubiger. Der Anteil von "Covenant-lite"-Krediten, Darlehen ohne Solvenz-Checks, ist auf das höchste Niveau seit der Finanzkrise geklettert.

Fed und Bank of England beunruhigt

Die Notenbanker sind alarmiert. Die Fed ist beunruhigt über das gigantische Volumen der Leveraged Loans, der Kredite für Firmen mit schwacher Bonität. Die Bank of England zog kürzlich Parallelen zu den US-Subprime-Krediten, deren massive Ausfälle die Finanzkrise 2008/09 auslösten. Der Bestand der Leveraged Loans sei inzwischen doppelt so groß wie der der Subprimes 2007, meinte der Chef der Bank of England, Mark Carney. Zudem wachse der Markt schneller als der Subprime-Markt.

Die frühere Fed-Präsidentin Janet Yellen warnte kürzlich vor einer neuen drohenden Finanzkrise. Die hohe Schuldenlast amerikanischer Unternehmen mache ihr Sorgen, sagte sie kurz vor Weihnachten 2018 auf einer Diskussion in New York mit dem Star-Ökonomen und Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman. Inzwischen betrage die Verschuldung über neun Billionen Dollar. Vor der Finanzkrise waren es noch knapp fünf Billionen Dollar gewesen.

Unternehmensverschuldung in den USA auf Rekordniveau

Auch Finanzmarkt-Experten wie Feri-Chefanlagestratege Heinz-Werner Rapp sehen momentan als einer der größten Risiken die Unternehmensverschuldung. Er hat herausgefunden, dass die Verschuldung der US-Firmen inzwischen auf über 45 Prozent des BIP geklettert ist – so viel wie nie.

Unternehmensverschuldung in den USA in % des BIP (1982-2022)

Unternehmensverschuldung in den USA. | Bildquelle: Feri

Fondsmanager Bert Flossbach sieht ebenfalls die Leveraged Loans als potenzielle Gefahr für die Finanzmärkte. Die Finanzkrise habe gezeigt, dass Anleger die Risiken dieser "verpackten" Produkte meist falsch einschätzen, sagte er. Kaum einer wisse, wo diese Kredite seien und wer sie halte.

Wer rettet die Zombies?

Nicht nur in den USA, auch in Europa werden Leveraged Loans recht locker vergeben. Immer mehr Unternehmen wandeln als Zombiefirmen umher, deren Geschäft nur durch die Nullzinsen aufrechterhalten wird. Sobald die Zinsen nach oben gehen oder die ersten Gläubiger um die Rückzahlung ihrer Darlehen fürchten, könnte es zu einer Kettenreaktion kommen: Die Zombiefirmen würden kein Geld mehr bekommen und pleite gehen. Daraufhin würden weitere Gläubiger ihr Kapital abziehen, was neue Pleiten hervorrufen dürfte. Ein Crash am Markt für Unternehmenskredite hätte schlimme Folgen für die Finanzmärkte und für die Weltwirtschaft.