Jörg Scherer, HSBC Trinkaus & Burkhardt AG

Alles eine Frage der Absicherung "Die letzte Stufe der Rally"

Stand: 22.09.2017, 06:58 Uhr

Die Dax-Rally befindet sich in ihrer Endphase. Anleger sollten sich dessen bei ihren Anlageentscheidungen bewusst sein, warnt Jörg Scherer, Leiter Technische Analyse HSBC Trinkaus & Burkhardt, im Gespräch mit boerse.ARD.de.

boerse.ARD.de: Herr Scherer, lohnt sich ein Investment in den Dax vor der Bundestagswahl?

Scherer: Anleger sollten wohl besser keine allzu großen Erwartungen an die Wahl knüpfen. Im Schnitt fällt der Dax in der Woche danach um rund 2,8 Prozent. Um ehrlich zu sein, hält sich der statistische Erkenntnisgewinn in diesem Fall allerdings eher in Grenzen. Schließlich finden die Bundestagswahlen mehrheitlich im September/Oktober statt. Gut möglich also, dass hier eher die negative Saisonalität im Herbst der ausschlaggebende Effekt ist.

boerse.ARD.de: Jenseits der Bundestagswahl - wie beurteilen Sie die weiteren Dax-Perspektiven? Aktuell scheint die Erholung etwas ins Stocken zu geraten, das Juli-Hoch wurde noch nicht einmal angelaufen...

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 1 Jahr
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Scherer: Tatsächlich haben sich die Aktienmärkte, gemessen an den negativen zyklischen Rahmenbedingungen, im dritten Quartal bislang sehr wacker geschlagen. Im Dax haben wir eine gut 1.000 Punkte umfassende Korrektur an die 200-Tage-Linie heran gesehen. Mehr aber auch nicht. Es folgte eine kleine Bodenbildung mit dem Anstieg über die 12.300. Aktuell sehen wir eine gesunde Verschnaufpause, perspektivisch dürften wir schon bald das Juli-Hoch bei 12.677 Punkten ansteuern. Das kalkulatorische Anschlusspotenzial aus der zuvor nach oben aufgelösten charttechnischen Flagge lässt sogar auf ein Wiedersehen mit dem Allzeithoch bei 12.952 Punkten hoffen. In der Summe ist das technische Bild im Dax somit sehr konstruktiv.

boerse.ARD.de: Gibt es auch ein "aber"?

Scherer: In der Tat glaube ich auch, dass wir uns mittlerweile auf der letzten Stufe der Rally befinden. Blickt man auf die Marktbreite, so muss man frank und frei konstatieren, dass der Grad an Selektivität ganz schön zugenommen hat. Es sind nur noch wenige Titel, die den Aufschwung tragen. Ablesbar ist das etwa an der sinkenden Anzahl der Aktien, die oberhalb ihrer 200-Tage-Linie notieren.

boerse.ARD.de: Was bedeutet das für das vierte Quartal, das doch eigentlich, so heißt es, die beste Zeit des Jahres für Anleger ist?

Scherer: Die Marktbreite ist leider kein gutes Timing-Instrument. Die Rally kann trotz mangelnder Marktbreite noch ein gutes Stück weiterlaufen. Man kann als Anleger am Ball bleiben, sollte allerdings eine eher enge Absicherung wählen. Wenn man nachts um halb fünf noch auf eine Party geht und sich dessen bewusst, dass es so spät ist, kann man dort durchaus noch eine Menge Spaß haben. Gehe ich aber unbedarft so spät auf eine Party, gibt es meistens ein böses Erwachen. Das Money Management gewinnt in einem solchen Umfeld an Bedeutung.

boerse.ARD.de: Welche Marken bieten sich als Absicherung an?

Scherer: Kurzfristig orientierte Investoren könnten einen Punkt knapp unterhalb der 12.300 als Absicherung wählen. Sollte der Dax darunter rutschen, wäre nämlich auch die genannte kleine Bodenbildung vom Tisch. Eher mittel- bis langfristig orientierte Investoren sollten sich an die 200-Tage-Linie (aktuell bei 12.143 Punkten) halten. Anleger sollten sich bewusst sein: Wenn der Markt dreht, könnte das zugleich auch das Ende der Aufwärtsbewegung sein.

Das Interview führte Angela Göpfert.