Yoga in großen Gruppen

Der Yoga-Boom Das Milliardengeschäft mit der Achtsamkeit

von Thomas Spinnler

Stand: 05.12.2018, 06:45 Uhr

Die Achtsamkeitsbewegung ist ein Lebensstil - und vor allem ein Milliardengeschäft. Der Bekleidungshersteller Lululemon gehört zu den ersten, die sich auf den Yoga- und Selbstfindungsmarkt stürzten. „Athleisure“ heißt die Welle, auf der auch Nike oder Adidas reiten.

Einst sorgten finster blickende Typen in dunklen Anzügen bei den Mitarbeitern vieler Unternehmen für Furcht und Schrecken. Die Berater sind da, tuschelten sie auf den Gängen und fürchteten um ihren Job. Die Unternehmen werden mittlerweile fortwährend optimiert und auf Effizienz getrimmt, jetzt geht es um das Humankapital: Heute sind es freundliche, gutaufgeräumte Damen und Herren in sportlicher Kleidung mit umgehängter Yogamatte, die Mitarbeiter bei der Selbstoptimierung unterstützen, sie leistungsbereiter und produktiver machen sollen.

Wenn selbst die Unternehmen die Vorteile von Achtsamkeit, Yoga und Meditation entdeckt haben, dann ist ein Trend zweifelsfrei in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Immer mehr Leute sind auf den „Hund“ gekommen, wie man sagen könnte. Der „Hund“ ist eine Yoga-Position für Einsteiger, die Stress abbauen, das Gehirn erfrischen und energetisierend wirken soll.

Betriebs-Yoga-Gruppe

Betriebs-Yoga: Der "Hund" hilft beim Stressabbau. | Bildquelle: picture alliance / AP Images

Was vor Jahren noch als gemütliche Nische für Leistungsverweigerer und Esoteriker galt, ist heute längst zu einem allgemeinen Lebensstil geworden – und damit zu einem Markt, auf dem Milliarden gescheffelt werden.

Milliarden für Matten, Pants & Co

Der Berufsverband der Yogalehrenden in Deutschland hat für das laufende Jahr einige Zahlen präsentiert: Demnach haben 16 Prozent der Bevölkerung Yoga-Erfahrung, fünf Prozent, also rund 3,4 Millionen praktizieren aktuell. Im Jahr 2014 waren es demnach drei Prozent, also rund 2,6 Millionen.

In den USA sehen die Zahlen noch beeindruckender aus: Nach Daten des „Yoga Journal“ praktizierten dort im Jahr 2016 mehr als 36 Millionen Menschen Yoga, im Jahr 2012 seien es noch 20,4 Millionen gewesen. 16 Milliarden Dollar hätten die Yogis 2016 für Kurse, Ausrüstung und Bekleidung ausgegeben, das sind rund sechs Milliarden mehr als vier Jahre zuvor. Natürlich werde dieser Markt weiterhin überproportional wachsen, meinen Fachleute.      

Wunschliste der Werte

Karl Lagerfeld erfreute die Welt einst mit dem Bonmot, wer eine Jogginghose trage, habe die Kontrolle über sein Leben verloren. Heute wissen wir, das Gegenteil ist richtig. Über Aktivbekleidung wie Jogginghose, Hoodies oder Leggings im Alltag und im Büro kann man blendend signalisieren: Ich bin mental und körperlich in Form, ich übe mich, ich sorge für mich, ich komme gerade aus dem Studio - oder bin auf dem Weg dahin.

Adidas Yoga

Yoga: Leben und Körper gut unter Kontrolle. | Bildquelle: Unternehmen

Denn das „Yoga Journal“ listet auch die wichtigsten Gründe auf, warum Menschen mit Yoga beginnen. Sie streben Flexibilität, Stressresistenz, Gesundheit und Fitness an. Das sind allesamt Qualitäten, die Unternehmen bei ihren Mitarbeitern bestens gebrauchen können. Der dazu passende sportliche Look ist längst Trend und hat auch einen Namen: Athleisure. Das Wort ist eine Zusammensetzung aus den englischen Begriffen für Sport, Athletics und Freizeit, Leisure.

Die Nachrichtenagentur Bloomberg zitiert Marshal Cohen, Analyst bei NPD Group, wonach sich allein der Markt für funktionale Sporthosen oder Leggings mittlerweile auf eine Milliarde Dollar belaufe. Im Jahr 2017 habe der Leisure-Style-Trend beispielsweise bei Sportschuhen das Wachstum im Wesentlichen getragen, so die Experten von NPD. Die Nachfrage nach Wettkampfschuhen sei dagegen deutlich gesunken. Ein Platzen der Blase erwarten die Analysten in naher Zukunft nicht.  

An ihren Früchten erkennen  

Ein Unternehmen aus Kanada gehört zu den wichtigsten Playern im Athleisure-Markt für alltagstaugliche Sportbekleidung. Lululemon wurde im Jahr 1998 in Vancouver gegründet. Yoga-inspirierte Sportbekleidung für Frauen und Männer verkaufen, lautet das Geschäftsmodell. Auf der Unternehmens-Homepage liest man, Yoga sei der Kern all dessen, was Lululemon tut.

Und Yoga bringt Früchte. Lululemons Wachstumsraten sind bislang immens. Im zweiten Quartal verdiente der Konzern 96 Millionen Dollar bei einem Umsatz von rund 724 Millionen. Der Nettogewinn hat sich im Vergleich zum Vorjahr etwa verdoppelt. Aber auch Firmen wie Nike, Adidas oder Under Armour haben den Trends längst erkannt und reiten auf der Welle mit, die insgesamt Milliardenumsätze in die Kassen der Konzerne spült. Selbst Modemarken wie H&M sind dabei.

Lululemon Shop, Fifth Avenue, NYC

Lululemon Shop. | Bildquelle: picture alliance / Photoshot

Der Trend zur Selbstoptimierung nützt der Wirtschaft also auf zweierlei Weise. Produktivere Angestellte bringen den Unternehmen eine bessere Performance, und was beim Job hängenbleibt, kann dann in passende Lifestyle-Produkte investiert werden. Zufriedener sind die Mitarbeiter noch dazu. Wenn jeder an sich denkt, ist an jeden gedacht: War das nicht die Idee des Ökonomen und Moralphilosophen Adam Smith?

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