Fräsmaschine von Hermle

Ernsthafte Probleme Wohin steuern die Maschinenbauer?

von Lothar Gries

Stand: 15.10.2019, 06:45 Uhr

Das heute in Berlin beginnende Branchentreffen der Maschinenbauer wird überschattet von rückläufigen Bestellungen und ernsthaften Rezessionsängsten. Ein Weckruf an die Politik?

Deutschlands Vorzeigebranche - nach der Autoindustrie die Nummer zwei - brechen die Aufträge weg. Im August gingen die Bestellungen bei den Maschinenbauern im Vergleich zum Vorjahresmonat sogar um 17 Prozent zurück, nach einstelligen Minusraten in den Vormonaten. Insgesamt sind die Aufträge damit bereits den neunten Monat in Folge gesunken.

Auch für die kommenden Monate erwartet die exportorientierte Industrie keine Wende zum Besseren. "An den Ifo-Exporterwartungen lässt sich ablesen, dass die Maschinenbauer angesichts der konjunkturellen und politischen Risiken weiterhin pessimistisch eingestellt sind", sagt Olaf Wortmann, der beim Branchenverband VDMA zuständige Konjunkturexperte.

Auch 2020 keine Besserung in Sicht

"Wir befinden uns mitten im Abschwung", bestätigt auch Carl Martin Welcker, der geschäftsführende Gesellschafter des 1880 gegründeten Werkzeugmaschinenherstellers Alfred H. Schütte aus Köln die derzeitige Flaute.

Der Branchenverband VDMA rechnet für dieses und das kommende Jahr mit einem Produktionsrückgang von jeweils zwei Prozent. Ein Alarmzeichen, gilt doch der Maschinenbau als Seismograf für die Stimmung in der deutschen Wirtschaft. Zumal die Branche mit deutlich mehr als einer Million Beschäftigten noch im vergangenen Jahr noch ein Plus von gut zwei Prozent erzielte.

Deutschland Nummer 1 im Maschinenbau

Deutschland Nummer 1. | Bildquelle: VDMA, Grafik: boerse.ARD.de

Stehen die Signale damit auf Rezession, wie in der gesamten deutschen Wirtschaft, und was sind die Ursachen für diesen Rückgang?

Auslandsorders um 19 Prozent eingebrochen

Fakt ist, dass die exportorientierte Maschinenbauindustrie erheblichen Belastungen ausgesetzt ist. Zwar sind die Exporte in den ersten sieben Monaten dieses Jahres noch um ein Prozent gestiegen, doch habe der Handelsstreit zwischen den USA und China und ein wachsender Protektionismus rund um den Globus der Branche zugesetzt, erklärt VDMA-Chefvolkswirt Ralph Wiechers. Hinzu kämen die weltweite Konjunkturschwäche, der Brexit sowie der Strukturwandel wichtiger Kundengruppen, allen voran der Automobilindustrie, einem der wichtigsten Abnehmer der Maschinenbauer.

Wie sehr die Abkühlung der weltweiten Konjunktur die Branche trifft, zeigen die Zahlen vom August, dem letzten verfügbaren Monat. Danach sind die Bestellungen aus dem Ausland um 19 Prozent gefallen. Dies betreffe vor allem die Schwellenländern wie die Türkei, Russland oder Mexiko. Aber auch die Verkäufe nach Italien und Großbritannien (Stichwort Brexit) waren zuletzt rückläufig.

Und insgesamt gilt: Geht es den Autoherstellern schlecht, bekommt dies auch der deutsche Maschinenbau zu spüren. Nach Ansicht von Jörg Krämer und Ralph Solveen, den leitenden Volkswirten bei der Commerzbank, leidet der Maschinenbau wie die gesamte deutsche Industrie nicht nur unter dem Abschwung und den Verwerfungen der Autoindustrie.

Bröckelnde Infrastruktur

Als wesentlichen Belastungsfaktor haben sie auch die zunehmenden strukturellen Defizite des Standorts Deutschlands ausgemacht. Teile der Auto- und der Chemiebranche, auch der Pharmaindustrie hätten dem Land deshalb bereits den Rücken gekehrt. Folgen demnächst auch die Maschinenbauer?

Die Experten monieren, dass deutsche Unternehmen in der EU mit Abstand die höchsten Strompreise zahlen - fast doppelt soviel wie im Durchschnitt der EU. Massive Mängel gibt es auch bei der Infrastruktur. Verfügte Deutschland nach einer Umfrage der Weltbank vor zehn Jahren noch über das zweitbeste Straßensystem des Euroraums nach Frankreich, ist es mittlerweile auf die hinteren Ränge zurückgefallen. Der schlechte Zustand von Straßen, Schienen und Wasserwegen erweist sich zunehmend als Belastung für die auf pünktliche und planbare Lieferungen angewiesene Industrie.

Die Top-5 im Maschinenbau

Die Top-5 im Maschinenbau. | Bildquelle: VDMA, Grafik: boerse.ARD.de

Hohe Steuern, unqualifizierte Bewerber

Hinzu kommt die hohe steuerliche Belastung. Selbst unter Berücksichtigung von Freibeträgen und sonstigen Abzügen führen deutsche Unternehmen der Weltbank zufolge 23 Prozent ihrer Gewinne an den Fiskus ab - doppelt soviel wie im EU-Durchschnitt und 5,5 Prozentpunkte mehr als 2009.

Zu einem echten Standortnachteil hat sich auch der Fachkräftemangel entwickelt. Einer Umfrage der Commerzbank zufolge, können derzeit 83 Prozent der Unternehmen Ausbildungsstellen nicht besetzen, weil sie keine geeigneten Bewerber finden. Das liege vor allem an mangelnden Rechen- und Rechtschreibkenntnissen - eine Folge der Mängel an deutschen Schulen, so die Aussage.

Die Erwartungen an Bundeskanzlerin Angela Merkel, die als Gastrednerin auf dem Gipfeltreffen der Maschinenbauer auftreten wird, dürften also hoch sein. Doch die Unternehmens wissen, dass sie auch selbst gefordert sind. "Wir müssen innovieren", fordert VDMA-Volkswirt Ralph Wiechers.