Blockchain

Entwicklung in der Industrie verlangsamt Wie steht es eigentlich um die Blockchain?

von Till Bücker

Stand: 12.08.2020, 15:11 Uhr

Sie galt einst als Hoffnungsträger, die sowohl die Finanzwelt als auch die Industrie maßgeblich verändern würde: die Blockchain. Mittlerweile ist es ruhiger geworden um die angeblich so revolutionäre Technologie. Doch bleibt das auch so?

Ende 2017, als der Preis der bekanntesten digitalen Währung und des Aushängeschilds der Kryptowelt, des Bitcoin, auf knapp 20.000 Dollar kletterte, sprachen Unterstützer des Hypes von einer Revolution der Wirtschaft - durch die Blockchain.

Die Blockchain ist wie ein digitales Logbuch, in dem Daten sicher, aktuell und transparent übermittelt werden können. Der Vorteil: Auf dem Server werden die Informationen zentral gespeichert und können nicht geändert werden, ohne dass es auffällt. Fälschungen sind auf der Blockchain nicht möglich.

Hände tippen auf Schlüsselsymbole
Video

Blockchain - was ist das?

So können Unternehmen auf ineffiziente zwischengeschaltete Instanzen verzichten sowie Lieferketten schneller steuern und überwachen. Beim Kunden schafft das System Vertrauen. Sie können die Produktionsbedingungen nachverfolgen und die Echtheit prüfen.

Erster Hype ist vorbei

Der Durchbruch lässt jedoch weiter auf sich warten, der erste Hype ist vorüber. Investitionen in Startups, die sich mit der Blockchain befassen, sind zuletzt stark gesunken. 2018 hatte es nach Angaben des Marktforschers CB Insights 800 Deals mit einer Gesamtsumme von mehr als vier Milliarden Dollar gegeben. 2019 wurden die Investoren vorsichtiger und pumpten nur noch 1,6 Milliarden Dollar in junge Unternehmen aus der Kryptowelt.

"Innerhalb der Szene gab es zuletzt viele Neuerungen, doch in der Außenwirkung hat sich das Thema abgekühlt", bestätigt Philipp Sandner, Leiter des Blockchain-Centers an der Frankfurt School of Finance & Management, im Gespräch mit boerse.ARD.de. Gerade in der Industrie habe sich die Entwicklung verlangsamt. Es gebe mit Unternehmen wie Daimler, Bosch, Evonik oder BASF zwar positive Beispiele, die auf Blockchain-Projekte setzen, doch das sei noch lange kein Hype.

Dazu fehle in Deutschland das nötige Budget, ein zentraler Akteur wie in China, wo der Staat die Strategie vorgibt sowie das Verständnis für die Technologie. "Die Entscheider beschäftigen sich zu wenig mit dem Thema und dafür gibt es keine Entschuldigung", so der Finanzprofessor. Ein paar Seminare hier und da seien zu wenig.

Weiter viel Potenzial

Trotzdem prognostizieren die Experten des Analysehauses Markets and Markets Research, dass der globale Markt mit Blockchain-Anwendungen von aktuell drei Milliarden Dollar auf 39,7 Milliarden Dollar im Jahr 2025 wachsen wird. Das wäre eine Jahreswachstumsrate von mehr als 67 Prozent.

Walmart: Kursverlauf am Börsenplatz Frankfurt für den Zeitraum Intraday
Kurs
116,88
Differenz relativ
+0,95%

Besonders im Einzelhandel rechnen Experten mit Erfolgen. Das Analysehaus Juniper Research geht bis 2023 von einem Umsatzwachstum durch effizientere Lieferketten von etwa 4,5 Milliarden Dollar aus. Bereits jetzt nutzt etwa die größte Supermarktkette der Welt, Walmart, die Blockchain.

Gerade in der Corona-Krise könnte die Blockchain wichtiger werden denn je. Die Technologie hat nach Ansicht einiger Forscher durch Transparenz, Effizienz und einfachere Überprüfung im Waren- und Güterverkehr das Zeug dazu, die Pandemie auszubremsen. Ende März schloss sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit Konzernen wie IBM, Microsoft oder Oracle zusammen, die die Blockchain bereits nutzen, um eine Datenplattform zur Bekämpfung des Virus zu entwickeln.

Prof. Philipp Sandner

Prof. Philipp Sandner. | Bildquelle: Marcus Pfeiffer

"Eine intelligente Infrastruktur macht in der Corona-Krise tatsächlich viel Sinn", meint auch Sandner. Allerdings litten die Konzerne aktuell unter den Folgen der Pandemie und würden daher Blockchain-basierte Projekte häufig verwerfen.

Vorreiter China

In China läuft das Ganze wesentlich schneller. Nach Angaben des Daten-Analysedienstes Longhash Data ist die Anzahl der Firmen mit dem Zusatz Blockchain im Namen allein in diesem Jahr trotz Corona um 10.000 gestiegen. Der Staat setzt voll und ganz auf die Technologie und will unter anderem mithilfe des E-Yuans weltweiter Marktführer werden.

"Dort suchen Hunderte Firmen Dutzende Mitarbeiter aus dem Bereich", sagt Sandner. In Deutschland sei das kaum vorstellbar - noch. Denn auch hierzulande sei man lediglich ein halbes bis ein Jahr vom Durchbruch entfernt. "Ich bin der festen Überzeugung, dass wir vor einem neuen Hype stehen, der den alten in den Schatten stellt", betont der Experte.

Bitcoin in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum Intraday
Kurs
10.490,50
Differenz relativ
-0,10%

Und damit sind nicht nur die Kryptowährungen gemeint. Diese könnten allerdings mit einem neuen Aufschwung und der damit verbundenen medialen Präsenz zum öffentlichen Interesse für die Blockchain beitragen. Zuletzt nahm etwa der Bitcoin wieder Fahrt auf.

Damit der Durchbruch gelingen kann, müssen noch einige Hindernisse überwunden werden. Neben dem mangelnden Verständnis ist das laut Sandner vor allem die Infrastruktur. Gesetze und Regulierung seien nötig, um die nächste Runde von Geschäftsmodellen einzuläuten und das Fundament für digitale und zukunftsträchtige Ideen zu schaffen.

Gesetz für elektronische Wertpapiere

Mittlerweile scheint die Politik die Bedeutung der Technologie erkannt zu haben. So stellte die Große Koalition im vergangenen September ihre Blockchain-Strategie vor. Deutschland soll demnach als Marktführer ein attraktiver Standort für die Entwicklung von Anwendungen und Investitionen sein - besonders im Finanzsektor.

Denn genau da steckt noch viel Potenzial: Laut dem Vermögensverwalter Fidelity bewerten 80 Prozent von 800 institutionellen Anlegern in Europa und in den USA Krypto-Anlagen als spannend. 60 Prozent sehen sie als möglichen Teil ihres Portfolios, 36 Prozent sind bereits eingestiegen. Der Blockchain-ETF von Invesco Elwood kletterte seit Jahresbeginn um knapp 36 Prozent nach oben.

Nachdem zu Jahresbeginn das neue Gesetz zum Kryptoverwahrungsgeschäft in Kraft trat, ist nun auch der erste Schritt hin zu elektronischen Wertpapieren gemacht worden. Nach mehreren Verschiebungen haben sich Bundesfinanz- und Justizministerium auf einen Referentenentwurf geeinigt.

Der Gesetzesentwurf, über den noch in diesem Jahr abgestimmt werden soll, sei die Transformation des bestehenden Systems in die digitale Welt, betont Sandner. Es biete die Rechtssicherheit für elektronische Anleihen und die Emission sowie Verwahrung der Wertpapiere auf Blockchain-Systemen.

FinTechRat fordert digital programmierten Euro

Doch das ist den Experten nicht genug. Der FinTechRat des Finanzministeriums, dem Sandner angehört, fordert einen digital programmierten Euro. Das fördere die Effizienz im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr, die Automatisierung, die Integration von Leistung und Gegenleistung sowie das Ermöglichen von Micro Payments, sprich Zahlungen von Kleinstverträgen.

Mit dem Blockchain-basierten Euro seien Transaktionen binnen Sekunden abgeschlossen und es reiche ein System sowohl für Rechtevergabe als auch für die Bezahlung aus. Wenn Europa diese Infrastruktur nicht bereitstelle, würden sich Unternehmen mit digitalen Geschäftsmodellen für den europäischen Zahlungsverkehr ausländische Systeme suchen und abwandern.

"Und auf die Europäische Zentralbank, die für einen digital programmierbaren Euro sechs oder acht Jahre braucht, kann man nicht warten", sagt Sandner. Schon nächstes Jahr könnten die ersten Lösungen auf den Markt kommen. Dann sei der Durchbruch der Blockchain möglich - sowohl auf dem Kapitalmarkt als auch in der Industrie.