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Wird aus Big Tobacco bald Big Marihuana? Wenn der Marlboro-Mann zum Joint greift

von von Angela Göpfert

Stand: 17.10.2018, 06:45 Uhr

Heute legalisiert Kanada als erste G7-Nation Marihuana als Genussmittel. Produkte rund um die Droge sind ein boomendes Milliardengeschäft. Nun wittern auch die großen Tabakkonzerne ihre Chance.

Kanada kifft – und das ganz legal. Als erstes großes Industrieland gibt Kanada ab dem heutigen Mittwoch Cannabis als Genussmittel frei. Nun darf also im ganzen Land zum reinen Vergnügen gekifft werden.

Experten zufolge winkt der Marihuana-Branche alleine durch diesen Schritt ein zusätzlicher Jahresumsatz von mehr als fünf Milliarden US-Dollar. Kanada und die USA sind der größte Markt für legales Marihuana.

Unglaubliche Wachstumsraten

Marihuana-Plantage

Marihuana - ein Milliardengeschäft. | Quelle: picture-alliance/dpa

Es ist ein Markt mit irren Wachstumsraten. Allein im vergangenen Jahr stieg der legale Cannabis-Umsatz in Nordamerika auf 9,7 Milliarden US-Dollar. 2021 könnte er sich laut Schätzungen des renommierten Marktforschungsinstituts ArcView bereits auf 24,5 Milliarden Dollar belaufen.

Der grüne Goldrausch ist im vollen Gange. Kein Wunder, dass sich da manch einer ein Stück vom Kuchen, Verzeihung: Hasch-Keks, ergattern will.

Initialzündung durch Constellation Brands

So sicherte sich der Spirituosen-Konzern Constellation Brands, zu dem auch die Biermarke Corona gehört, bereits 2017 einen Anteil an dem kanadischen Marihuana-Produzenten Canopy Growth.

Laut Medienberichten soll auch der weltgrößte Getränkekonzern Coca-Cola mit dem kanadischen Marihuana-Hersteller Aurora Cannabis über einen Einstieg sprechen.

Greift der Zigarettenkönig Altria nach Aphria?

Marlboro von Philip Morris

Marlboro und L&M sind nur einige von vielen Altria-Marken. | Bildquelle: colourbox.de

Nach dem Vorstoß der Getränkeindustrie wagt sich nun auch Big Tobacco aus der Deckung. Vor kurzem wurde bekannt, dass der Tabak-Riese Altria an dem kanadischen Cannabis-Produzenten Aphria interessiert ist.

Altria kommt auf eine Marktkapitalisierung von 116 Milliarden Dollar. Das Unternehmen vertreibt unter anderem die Marke Marlboro in den USA.

Das hat Zukunft!

"Das hervorragende Vertriebsnetz und die Erfahrung des Unternehmens könnten Altria zu einem der ganz großen Spieler in der Marihuana-Industrie machen", sind die Experten von Seeking Alpha überzeugt.

Tatsächlich scheint ein großer Deal in der Tabak-Marihuana-Branche naheliegend. Das sind die drei wichtigsten Gründe.

1. Sinkender Tabak-Absatz

In den entwickelten Ländern sind die Raucher auf dem Rückzug. Allein in den USA sank der Anteil der Raucher von 42 Prozent in den 1960ern auf 16 Prozent im Jahr 2016. In Deutschland ging die Raucherquote von 31,5 Prozent im Jahr 2000 auf 26,2 Prozent 2017 zurück. Bis 2025 dürfte sie weiter fallen auf 23,1 Prozent.

Zudem sieht sich die Branche zahlreichen Werbeverboten und Beschränkungen des Gesetzgebers gegenüber – man denke nur an die Schockbilder auf Zigarettenpackungen, wie sie die EU vor fünf Jahren beschlossen hatte.

Hand mit qualmender Zigarette

Raucher sind in vielen Industrieländern nicht mehr so gern gesehen. | Bildquelle: picture alliance / dpa

2. Big Tobacco hat das Geld

Die großen Tabakkonzerne haben jede Menge Cash, um einen Mega-Deal zu stemmen. So konnte etwa Philip Morris International trotz eines um 3,3 Prozent gesunkenen Zigarettenabsatzes im ersten Halbjahr seinen Gewinn um 11,4 Prozent steigern.

Hintergrund sind die kontinuierlichen Preiserhöhungen der Tabakkonzerne. Das sicherte ihnen in der Vergangenheit trotz sinkender Verkaufszahlen eine hohe Profitabilität – und eine blitzsaubere Bilanz.

Altria etwa dürfte 2018 einen freien Cash-Flow von 7,6 Milliarden Dollar erzielen. Nach Abzug von Dividenden-Zahlungen blieben Altria laut Schätzungen rund 1,6 Milliarden Dollar übrig. Das reicht locker, um sich einen großen Anteil an einem Unternehmen wie Aphria (Börsenwert 3,8 Milliarden Dollar) zu sichern, ohne auch nur einen müden Dollar Schulden zu machen.

US-Dollars

Große Übernahmen? Das bezahlen große Tabakkonzerne doch (fast) aus der Portokasse. | Quelle: colourbox

3. Big Tobacco hat die Infrastruktur

Die großen Tabakkonzerne verfügen über ein hervorragendes globales Vertriebsnetz. Es wäre für sie ein Leichtes, Cannabis-Produkte hinzuzufügen. Aktuell stehen dem in vielen Ländern noch Vorgaben des Gesetzgebers gegenüber.

Doch Big Tobacco ist bekanntermaßen ein Experte im Umgang mit regulatorischen Beschränkungen – und in Sachen Lobbyarbeit.

Das ist nur logisch

Unterm Strich braucht die Branche also ganz dringend neue Märkte und neue Zielgruppen. Zugleich haben Konzerne wie Altria, Philip Morris und British American Tobacco das Geld und die Mittel, um sich neue Geschäftsfelder anzueignen.

Der aggressive Einstieg ins Marihuana-Geschäft ist vor diesem Hintergrund ein logischer Schritt, gewissermaßen die nächste Evolutionsstufe für die Tabak-Industrie. Die erste Big-Tobacco-Marihuana-Hochzeit ist daher wohl nur noch eine Frage der Zeit.