Frankfurter Banken-Skyline bei Sonnenuntergang, im Vordergrund eine Brücke

Teil der Lösung oder Teil des Problems? Warum die Banken in der Corona-Falle sitzen

von Lothar Gries

Stand: 15.04.2020, 13:07 Uhr

Eigentlich sollen die Banken in der Krise die Wirtschaft stützen und bereitwillig Kredite gewähren. Doch die Geldhäuser stecken in einem Dilemma, leiden selbst unter dem Wirtschaftseinbruch und den niedrigen Zinsen. Dabei gelten die deutschen Institute als besonders fragil.

Mit welcher Wucht die Coronakrise bereits jetzt auf die Bilanzen der Banken durchschlägt, zeigen die jüngsten Quartalszahlen der großen amerikanischen Häuser. So musste allein der US-Branchenprimus JPMorgan in den ersten drei Monaten dieses Jahres einen Gewinneinbruch um rund 70 Prozent hinnehmen – vor allem wegen der drastisch gestiegenen Risikovorsorge für faule Kredite.

Und das ist vermutlich erst der Anfang. So seien die Auswirkungen im ersten Quartal noch nicht ganz so stark gewesen, weil sich die Krise in den USA erst in der zweiten Märzhälfte wirklich bemerkbar gemacht habe, erklärt Analyst Brian Kleinhanzl von der Investmentbank Keefe Bruyette & Woods. Richtig dramatisch dürfte es erst im laufenden zweiten Quartal werden, vor allem dann, wenn sich der allgemeine Shutdown der Wirtschaft bis weit in den Mai hinein hinziehe. Kleinhanzl rechnet damit, dass die Gewinne für die amerikanischen Universalbanken wie JPMorgan und Bank of America in diesem Jahr um 58 Prozent einbrechen werden. Für 2021 erwartet er ein Minus von 50 Prozent.

Banken sind dreifach belastet

Tatsächlich sind die Banken, sowohl in Amerika als auch in Europa, gleich drei Belastungen gleichzeitig ausgesetzt: Sie leiden unter dem Einbruch der Wirtschaft, die in weiten Teilen praktisch zum Stillstand gekommen ist. Dadurch gibt es über alle Branchen hinweg massive Probleme - ungeachtet der staatlichen Hilfsprogramme. In den USA sind zudem sind die sozialen Netze deutlich dünner als in Europa, und viele Haushalte haben kaum Ersparnisse.

In der Folge drohen rasch hohe Kreditausfälle und entsprechend hohe Rückstellungen, die die Banken dafür zurücklegen müssen. Hinzu kommt als dritte Belastung die Nullzinspolitik der Notenbanken. Nach der EZB hat inzwischen auch die US-Notenbank, Fed, den Leitzins auf eine Spanne zwischen 0 bis 0,25 Prozent herabgesetzt.

Angesichts dieser Gemengelage können auch die Banken nicht immun sein gegen die Folgen der Pandemie, warnte bereits vor Wochen der Chef von Amerikas größter Bank, Jamie Dimon. Durch die gestiegene Kreditvergabe setze sich JPMorgan Kreditausfällen in Milliardenhöhe aus.

Robuste US-Banken

Dennoch hält Dimon, der am längste amtierende Bankchef an der Wall Street, eine von den Banken ausgelöste Finanzkrise für unwahrscheinlich. Die meisten US-Banken seien nach einem starken vergangenen Jahr gut positioniert, um die Folgen der Krise abzufedern, so Dimon. JPMorgan machte 2019 einen Nettogewinn von gut 36 Milliarden Dollar – so viel hatte noch nie eine Bank zuvor in einem Jahr verdient.

Zudem verwies Dimon auf die Stresstests der US-Notenbank. Die waren im schlimmsten Fall davon ausgegangen, dass die Arbeitslosigkeit auf zehn Prozent steigt und die Aktienmärkte um 50 Prozent einbrechen. Selbst dann wäre JPMorgan in jedem Quartal dieses Jahres noch profitabel, selbst wenn die Bank weiter eine Dividende zahlte. Ähnlich robust stehen die meisten anderen US-Banken da.

Druck auf EU-Banken ist größer

Der Druck auf Europas Banken ist noch größer. Neben den Sorgen vor Kreditausfällen ächzt die Branche bereits seit Jahren unter der Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank. Zwar erwirtschafteten die großen Geldhäuser in Frankreich und Spanien zuletzt wieder Gewinne in Milliardenhöhe, doch hat die Pandemie diese Länder besonders heftig getroffen. Entsprechend entsetzt reagierten die Investoren. Allein die größte Bank der Eurozone, die Pariser BNP Paribas, hat in den letzten Wochen über die Hälfte ihres Wertes verloren, gut 35 Milliarden Euro. Ähnlich hart hat es die italienische UniCredit erwischt.

Schon hat die Ratingagentur Moody’s den Ausblick für die Banken in der Eurozone auf negativ gesenkt. Die Bonitätswächter erwarten, dass sich das Umfeld für die Finanzbranche in der EU trotz der massiven Hilfsprogramme "deutlich verschlechtert". Corona bremse die gesamte Wirtschaft aus, das werde die Bankbilanzen belasten.

Deutsche Banken leiden besonders

Besonders hart dürfte die Krise die deutschen Geldhäuser treffen - allen voran die Deutsche Bank und die Commerzbank. Beide Institute kämpfen noch immer mit den Folgen der letzten Finanzkrise vor 13 Jahren. Auch ist ihre Ertragslage nach wie vor nicht zufriedenstellend, die Kosten branchenweit zu hoch, wie Felix Hufeld, Präsident der deutschen Finanzaufsicht BaFin jüngst monierte.

Brauchen die deutschen Banken also erneut staatliche Garantien und Liquiditätshilfen in Milliardenhöhe wie während der letzten Finanzkrise? Derartige Überlegungen weisen die Vorstände weit von sich. Deutsche Bank-Chef Christian Sewing sagte Mitte März der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", strukturell werde die Corona-Krise die Bank nicht zurück. "Wir haben die richtige Strategie und verfügen über eine Eigenkapital­quote von mehr als 13 Prozent, haben 200 Milliarden Euro Liquidität, haben ein sauberes Kreditbuch und sind gut ins Jahr gestartet".

Mögliche Hilfsszenarien

Zudem berichtete die Agentur Reuters unter Berufung aus Insider, dass im Bundesfinanzministerium sehr wohl über mögliche Optionen gesprochen worden sei, wie notleidenden Banken geholfen werden könnte. Dazu gehörten mögliche Staatsgarantien ebenso wie die Gründung einer Art Behörde, die Anteile an den Banken übernehme im Gegenzug für staatliche Kapitalspritzen. Schon während der weltweiten Finanzkrise 2008/09 gab es in Deutschland den Finanzmarktstabilisierungsfonds (FMS), der zur Stützung illiquider Banken ins Leben gerufen wurde.

Ein anderes Szenario, das diskutiert werde, sei ein Einstieg des Bundes bei den Banken, ähnlich wie einst bei der Commerzbank. Das Finanzministerium erklärte, keine dieser Optionen stehe zur Debatte. "Nichts von all dem passiert", sagte ein Sprecher.

Dennoch ist die Lage ernst. So hat die BaFin die Banken mit Wirkung zum ersten April von zusätzlichen Kapitalauflagen entlastet. Es handele sich um eine präventive Maßnahme, die die Kreditvergabekapazität des deutschen Bankensektors stärken solle, so BaFin-Präsident Hufeld.