Alter TUI-Reisebus

50 Jahre TUI Vom Ferien-Pionier zum größten Tourismus-Konzern

von von Notker Blechner

Stand: 30.11.2018, 09:30 Uhr

Mitten in der Zeit der Studentenunruhen und der Beatles entstand heute vor 50 Jahren aus vier Reiseveranstaltern die TUI. Sie machte Pauschalreisen zum Massenprodukt. Inzwischen setzen Online-Anbieter dem weltweit größten Touristik-Konzern zu. Wer braucht noch einen Reiseveranstalter?

Die Geschichte der TUI ist auch eine Geschichte über den Wandel der Reisegewohnheiten. Als am 1. Dezember 1968 die Reiseveranstalter Touropa, Scharnow, Hummel und Dr. Tigges sich zur Touristik Union International, kurz TUI, zusammenschlossen, war ein Urlaub auf Mallorca noch Luxus. Heute ist die Ballermann-Insel schon zu Schnäppchenpreisen ab 20 Euro erreichbar.

Der Siegeszug der Pauschalreise

TUI-Plakat 1978

TUI-Plakat 1978. | Bildquelle: TUI

Was Neckermann angestoßen hatte, trieb die TUI weiter. Die "Hannoversche Gemischtwarenhandlung in Sachen Ferienvergnügen", wie eine Wochenzeitung die TUI einst nannte, verhalf dem Massentourismus zum Durchbruch. Viele Bundesbürger, die Urlaub an der deutschen Nord- oder Ostsee machten, reisten nun ins Ausland nach Mallorca, Rimini oder Capri. Die Deutschen wurden zum "Reiseweltmeister". Der Anteil der Pauschalreisen stieg von 13 Prozent Anfang der 1970er Jahre auf 40 Prozent bis Ende der 1980er Jahre.

Für die Anreise zum Urlaubsort aus einer Hand sorgte der TUI-Ferien-Express, den der Konzern in den 70er Jahren aufbaute. Spezielle Nachtreisezüge mit Barwagen beförderten die Gäste in die wichtigsten Urlaubsgebiete in Italien, Österreich und der Schweiz - nach dem Motto "Urlaub ab Bahnsteigkante".

Erste Reiserücktrittsversicherung und FKK-Katalog

TUI-Service-Mitarbeiter 1974

TUI-Service-Mitarbeiter 1974. | Bildquelle: TUI

Der Hannoversche Reiseveranstalter wirbelte die Branche auch mit anderen Innovationen auf. So erfand die TUI die Reiserücktrittsversicherung 1968, bot ab 1996 das erste 24-Stunden-Notfalltelefon in den Urlaubsgebieten  an und druckte einen Katalog für FKK-Reisen. Letzeren gibt es inzwischen nicht mehr.

Doch mit dem Aufstieg des Internets verloren die klassischen Reiseveranstalter an Bedeutung. Online-Konzerne wie Expedia, Booking.com und Priceline machten der TUI, Neckermann & Co zunehmend den Platz streitig. Immer mehr Reisende buchten ihren Urlaub im Internet.

Auf dem Weg zum integrierten Touristik-Konzern

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Die TUI musste sich neu erfinden - vom Reiseveranstalter zum integrierten Touristikkonzern. "Früher waren wir vor allem Reisevermittler", sagt TUI-Chef Fritz Joussen. "Heute betreiben wir Volltouristik: Wir haben mehr als 300 eigene Hotels, 16 Kreuzfahrtschiffe und 150 Flugzeuge." Zur TUI gehören die Urlaubsdampferflotte "Mein Schiff", die Flugzeuglinien TUIFly und TUI Arways, der Club Robinson sowie die Riu Hotels und sechs andere Hotelmarken.

Vor allem das Kreuzfahrtgeschäft boomt. Allein im ersten Halbjahr 2017/18 verdiente der Hannoversche Tourismus-Riese hier 92,4 Millionen Euro - 23 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Das Geschäft sei zu einer tragenden Säule des Konzerns geworden, freut sich TUI-Chef Joussen. Er prophezeit, dass der Anteil der TUI Cruises am Konzerngewinn weiter steigen wird in den nächsten Jahren.

TUI kommt besser durch den Hitzesommer als Thomas Cook

Aufgrund der breiten Aufstellung ist der weltgrößte Touristik-Konzern besser durch die Turbulenzen im Geschäft mit der schönsten Zeit des Jahres gekommen als Konkurrent Thomas Cook (Neckermann, Öger Tours). Während Cook in dieser Woche eine Gewinnwarnung abgeben musste, bestätigte die TUI ihre Jahresziele.

Thomas Cook litt unter dem Hitzesommer in Europa und schrieb im abgelaufenen Geschäftsjahr 2017/18 (bis Ende September) einen Nettoverlust von 184 Millionen Euro. Deutschland-Chefin Stefanie Berk spricht von einem "Rekordsommer der anderen Art". Bis Juni seien die Buchungen noch gut gewesen, danach flauten sie ab. Unterm Strich sei man auf Null herausgekommen. Mit Extra-Services wie die Mein-Zimmer-Option oder dem Late Check Out will der Neckermann-Konzern Kunden (zurück)gewinnen.

TUI-Logo auf dem Dach der Unternehmenszentrale in Hannover

TUI-Logo. | Bildquelle: Unternehmen

Im Vergleich zu Thomas Cook profitiert die TUI von ihrem höheren Anteil an eigenen Kreuzfahrtschiffe und Hotels. Allerdings ganz spurlos ging auch der heiße Sommer nicht an dem Branchenprimus vorbei. Für Pauschalreisen gaben die Urlauber im Sommer nur ein Prozent mehr aus als im Vorjahr.

Das Ende der Pauschalreise?

Den Begriff Pauschalreisen vermeiden inzwischen die Urlaubsmacher. Das Wort gehöre salopp gesagt verboten, meinte unlängst TUI-Chef Joussen. Und auch Thomas-Cook-Managerin Berg hält Pauschalreisen für ein "zweischneidiges Schwert". Einerseits stehe der Begriff für einen starken Verbraucherschutz, andererseits wecke er Assoziationen an die Siebziger-Jahre-Standardabfertigung, die es so nicht mehr gebe.

Nach dem rekordverdächtigen Hitzesommer steht den Reiseveranstaltern nun die nächste Herausforderung vor der Tür: der drohende harte Brexit. Sowohl die TUI als auch Thomas Cook machen einen großen Teil ihres Umsatzes mit britischen Touristen. Diese leiden unter der starken Abwertung des Pfunds. Die TUI hat noch ein zusätzliches Problem: Die Mehrheit der Aktien gehört britischen Investoren und dem Russen Alexej Mordaschow. Das könnte nach derzeitigem Stand ein Problem werden. Denn nach einem EU-Austritt Großbritanniens befänden sich die TUI-Fluggesellschaften TUI Fly und TUI Airways nicht mehr mehrheitlich im Besitz von EU-Aktionären. Damit könnten die Start- und Landerechte der Airlines in Gefahr geraten. Es bleibt schön turbulent in der bunten Reisebranche.