Fracking-Anlage in Wyoming, USA

Ölpreise steigen weiter Steht die Fracking-Branche vor dem Comeback?

von Till Bücker

Stand: 08.06.2020, 14:38 Uhr

Nach der Opec-Entscheidung steht fest: Auch im Juli bleibt die Ölförderung gedrosselt. Bei der derzeitigen Preiserholung wird die Schieferölproduktion für immer mehr Fracking-Firmen lukrativ. Sorgt die Kürzungspolitik für eine Wiederbelebung der umstrittenen Branche?

Mit der nun verlängerten Förderbremse wollen die in der Opec+ zusammengeschlossenen Ölförderer das Angebot weiter begrenzen. Damit soll der Preis gestützt werden, der durch das Überangebot in Folge des Nachfrageeinbruchs in der Corona-Krise gedrückt worden war.

Auch im Juli soll die Produktion um knapp zehn Millionen Barrel (je 159 Liter) pro Tag gedrosselt werden. Die Organisation Erdöl produzierender Staaten (Opec) und die Kooperationspartner rechnen wegen der wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie mit einem drastischen Einbruch des Ölverbrauchs.

Öl (Brent): Kursverlauf am Börsenplatz Deutsche Bank für den Zeitraum 6 Monate
Kurs
40,49
Differenz relativ
-2,69%
Öl (WTI): Kursverlauf am Börsenplatz Deutsche Bank für den Zeitraum 6 Monate
Kurs
38,59
Differenz relativ
-2,70%

Man habe bereits mit der Vereinbarung im April zu einer "vorläufigen Erholung der Weltwirtschaft und des Ölmarktes" beigetragen. Tatsächlich konnte der Preisverfall gestoppt werden: Seit dem Mitte April erreichten Tief ist der Preis für ein Barrel der Nordseesorte Brent um etwa 170 Prozent in die Höhe geschossen. Und auch der Preis für die amerikanische Sorte West Texas Intermediate (WTI) verteuerte sich allein seit Anfang Mai um fast 100 Prozent.

Russland zögert - zurecht?

Doch nicht umsonst überraschte der schnelle Durchbruch am Samstag viele Beobachter. Schließlich waren die Gespräche im Frühjahr zunächst ohne Einigung verschoben worden und auch dieses Mal hatte es von russischer Seite geheißen, es werde eine "lange und schwierige Nacht".

Auch wie es über den Juli hinausgeht, steht noch in den Sternen. Offenbar zögere die russische Regierung, die Maßnahmen darüber hinaus weiterlaufen zu lassen, wie mit den Gesprächen vertraute Personen gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters berichten. Saudi-Arabien hatte eine Laufzeit von mindestens drei Monaten favorisiert. "Der Plan ist, an den Preisen von 40 bis 50 Dollar pro Barrel festzuhalten", sagt ein Insider von russischer Seite, der mit den Gesprächen in der Opec+ vertraut ist.

Und das nicht ohne Grund: Steigen die Ölpreise zu sehr, kommt die Schieferölproduktion in den Vereinigten Staaten wieder auf Hochtouren. Mit der zusätzlichen Produktion käme der Ölpreis erneut unter Druck - der Erfolg bei dessen Stützung könnte zunichte gemacht werden. Schon 2017 hatte die Opec+ mit Kürzungen eine Wiederbelebung des sogenannten Fracking eingeleitet.

Fracking-Anlage in Lancashire, UK

Die Fracking-Technologie ist weltweit umstritten. | Bildquelle: imago images / ZUMA Press

Beim Fracking wird das Öl und Erdgas anders als bei der konventionellen Förderung mithilfe von Wasser, Chemikalien und Quarzsand aus dem Boden gepresst. Besonders die USA setzen darauf, um unabhängig von Importen zu sein. Die umweltschädliche Methode hatte der Branche einen Boom beschert und Amerikas Ölindustrie groß gemacht. Kritiker sehen in Fracking große Risiken für Mensch und Umwelt mit einer möglichen Verseuchung des Grundwassers, Gefahr von Erdbeben und hohem Wasser- sowie Flächenverbrauch. Auch die Wirtschaftlichkeit und Produktivität ist umstritten.

Viele US-Schieferölfirmen in Turbulenzen

Nach einer Untersuchung der Federal Reserve Bank of Dallas lohnt sich die Technologie erst ab einem Ölpreis zwischen 46 und 52 Dollar pro Barrel. Den Frackern läuft daher die Zeit davon. Die Methode ist vergleichsweise aufwändig und teuer, auch wenn der technische Fortschritt die Kosten sinken lässt. Viele Firmen hatten sich hoch verschuldet, um neue Lagerstätten zu erschließen.

Zuletzt forderte der Ölpreis-Crash mit Preisen unter 20 Dollar die ersten Opfer. Nach Whiting Petroleum stellte auch Diamond Offshore Ende April einen Insolvenzantrag. Das Bohrunternehmen hatte nach eigenen Angaben Ende 2019 Schulden von 2,6 Milliarden Dollar.

Laut einer Umfrage der Fed von Kansas könnten fast zwei Fünftel der Energiefirmen binnen eines Jahres pleite gehen, wenn der Ölpreis bei etwa 30 Dollar je Barrel liegt. Zeitweise war der WTI-Preis nach dem Nachfrage-Einbruch im Zuge der Corona-Krise gar ins Minus gerutscht. Nach Angaben der "Financial Times" haben in diesem Jahr bereits 17 Produzenten Insolvenz angemeldet. Bis Ende des Jahres könnte es gar 250 Unternehmen treffen.

Comeback nur eine Frage der Zeit

Carsten Fritsch, Rohstoff-Analyst Commerzbank

Carsten Fritsch, Rohstoff-Analyst bei der Commerzbank. | Bildquelle: Commerzbank

"Die Entscheidung der Opec+ wird das Comeback der Fracking-Branche befördern", meint Carsten Fritsch, Rohstoff-Analyst bei der Commerzbank, im Gespräch mit boerse.ARD.de. Erstmals seit Anfang März sei der WTI-Preis am Montagmorgen über 40 Dollar gestiegen. Damit sei es für mehr und mehr Produzenten wieder lukrativ, ihre Produktion hochzufahren.

Bereits in der vergangenen Woche hatten zwei US-Schieferölunternehmen gemeldet, ihre eingestellte Produktion wieder aufnehmen zu wollen. Darunter auch einer der größten Produzenten, EOG Resources. Die Zahlen belegten das zwar noch nicht, so Fritsch. Demnach liege die Anzahl der Bohrungen auf dem tiefsten Stand seit elf Jahren. Ein Anstieg sei aber nur eine Frage der Zeit. "Es gibt immer noch eine große Zahl angefangener Bohrungen", sagt der Experte. Diese dürften jetzt weitergeführt werden.

Zwischen April und Juni meldete die US-Energiebehörde EIA einen Rückgang der Schieferöl-Produktion um 1,2 Millionen Barrel am Tag. Auch im Juni soll sie weiter um 200.000 Barrel fallen. "Spannend wird es am Dienstag, wenn die EIA ihre Prognose bis 2021 veröffentlicht", sagt Fritsch. Dass die Produktion weiter absackt - wie bisher erwartet - sei äußerst fraglich.

Welche Rolle dabei auch Saudi-Arabien mit der Veröffentlichung der offiziellen Verkaufspreise im Juli spielt, sei noch unklar. Der Staat habe am Sonntag bekanntgegeben, die Preise für Europa und Asien deutlich zu erhöhen. Für US-Abnehmer gelte das nicht, ihnen werde das Öl weiter günstig angeboten. "Das könnte eine Taktik sein, das Fracking weiter zurückzuhalten", so der Rohstoff-Analyst. Die USA könnten jedoch im Gegenzug das Interesse haben, mit den Frackern gerade Europa und Asien günstiger zu beliefern.

"Fracking im Auge behalten"

Zwar wird die Nachfrage, die im April um ein Drittel eingebrochen war, mit Lockerungen der Pandemie-Beschränkungen wohl erstmals im Juni wieder das Angebot übersteigen. Die weltweiten Vorräte sind aber nach wie vor prall gefüllt. Der Lagerbestand der Opec ist in der Krise auf rund eine Milliarde Barrel angewachsen.

Ein Überangebot sei von heute auf morgen allerdings nicht mehr zu erwarten, sagt Fritsch. Die Produktionskürzungen sollen bis zum Frühjahr andauern. Ursprünglich sollte die Drosselung ab Juli wieder schrittweise auf 7,7 Millionen Barrel bis Dezember gelockert werden. Davon wich die Opec nun ab - und will Monat für Monat neu entscheiden.

"Das Fracking sollte dabei definitiv weiter im Auge behalten werden", betont Fritsch. Denn sonst bestehe für das Kartell die Gefahr, dass man die unliebsame Konkurrenz in den USA wieder hochzüchte.