Strand bei Binz auf Rügen

Rügen statt "Malle"? Reisebranche bereitet sich auf "Corona-Urlaub" vor

von Notker Blechner

Stand: 13.05.2020, 06:45 Uhr

Was wird aus den schönsten Wochen des Jahres? Noch immer bleibt unklar, ob in diesem Jahr ein Sommerurlaub außerhalb Deutschlands möglich ist. Die Tourismus-Branche hofft auf eine Öffnung der Grenzen und rüstet sich für das Comeback. Doch eins ist sicher: Der Urlaub wird 2020 ganz anders sein.

Abstand halten statt Flirten, Mundschutz statt Bikini, Einzelfitness statt gemeinsamem Beachvolleyball, isoliertes Sonnenbaden in der Plexiglasbox - so könnte der Corona-Urlaub 2020 aussehen. Derzeit tüfteln Hoteliers und Reiseveranstalter an Hygiene-Vorkehrungen, um die Gefahr von Ansteckungen zu vermeiden. Sie müssen Tische so platzieren, dass ein Mindestabstand von eineinhalb Metern gewahrt wird. Buffets soll es nicht geben. Stattdessen soll der Gast sein Essen auf dem Smartphone vorher aussuchen.

Tui-Chef Friedrich Joussen

Friedrich Joussen. | Bildquelle: picture alliance / Peter Steffen / dpa

"Urlaub wird dieses Jahr anders", sagt Friedrich Joussen. Er steuert den größten europäischen Touristik-Konzern, die Tui. Spüren werden die Touristen die Corona-Einschränkungen schon beim Abflug. Beim Boarding und im Flugzeug dürfte das Tragen von Gesichtsmasken zur Pflicht werden. "Der Einstieg wird in kleinen Gruppen durchgeführt, es wird keine langen Warteschlangen geben."

Kein Buffet und Sonnenliegen auf Abstand

Im Hotel werden dann die Sonnenanbeter auf Abstand liegen. Die Animation wird auf dem weitläufigen Außengelände stattfinden. Discos sind tabu. Und in den Restaurants wird es Service am Tisch statt Selbstbedienungsbuffet geben. Die Zahl der Tische wird reduziert, und die Sitzplätze dürften vorrangig unter freiem Himmel aufgestellt werden.

Strand in Griechenland am ersten Wochenende nach der Lockerung der Corona-Einschränkungen

Strand in Griechenland. | Bildquelle: picture alliance / ANE

Der Veranstalter FTI hält es für denkbar, Hotels in der Anlaufphase nur zu etwa zur Hälfte zu füllen. Das würde große Menschenansammlungen zu den Essenszeiten oder am Pool verhindern. Der Restaurantbetrieb ließe sich über neue Hygiene- und Abstandskonzepte gut organisieren, meint FTI-Geschäftsführer Ralph Schiller.

Milliarden-Einbußen seit Mitte März

Mit diesen Einschränkungen hoffen Tui, FTI & Co, doch noch die diesjährige Reisesaison retten zu können, nachdem das Ostergeschäft bereits ausgefallen ist. Die Buchungen sind dramatisch eingebrochen. Von Mitte März bis Ende April verzeichnete die Branche Umsatzeinbußen von 4,8 Milliarden Euro, hat der Deutsche Reiseverband (DRV) in einer Umfrage ermittelt. Der Bundesverband der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW) rechnet bis Mitte Juni mit Umsatzausfällen von fast elf Milliarden Euro. Zwei von drei Reisebüros und Reiseveranstaltern sehen sich kurz- bis mittelfristig von Insolvenz bedroht.

Gesperrter Strand an der französischen Atlantikküste

Gesperrter Strand an der französischen Atlantikküste. | Bildquelle: picture alliance / abaca

Noch dramatischer ist die Situation in Ländern wie Griechenland und Spanien, die auf den Tourismus angewiesen sind. Europaweit schätzt die EU-Kommission die Einnahmeverluste auf 50 Prozent für Hotels und Restaurants, 70 Prozent für Reiseveranstalter und 90 Prozent für Kreuzfahrten und Fluggesellschaften. Der Tourismus macht rund elf Prozent der Wirtschaftsleistung in der EU aus.

Tui hofft auf Urlaub in Mallorca und Griechenland

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Die Tui ist mit den Regierungen vieler Ferienländer im Gespräch, die alles versuchen, damit die Urlauber bald wieder kommen können. Gut vorbereitet seien Mallorca, Österreich, Griechenland, Zypern und Kroatien. Sobald grünes Licht kommt, könnten sie rasch loslegen und Gäste aufnehmen. "Wir können relativ schnell in wenigen Tagen Vorlauf Hotels und Ferienclubs startklar machen", heißt es bei der Tui.

Bis Mitte Juni gilt noch die weltweite Reisewarnung des Auswärtigen Amtes. Danach könnten die Grenzen schrittweise geöffnet werden. "Es darf keine Europäer erster oder zweiter Klasse geben, alle müssen gleich behandelt werden", fordert CSU-Politiker Manfred Weber, Vorsitzender der EVP im Europaparlament. Er plädiert für gemeinsame europäische Hygiene- und Schutzstandards, eine Art Reise-Zertifikat für Transport und Unterbringung. Eine Vereinbarung auf europäischer oder auch bilateraler Ebene wäre wichtig, denn ab 22. Juni beginnen die Schulferien in den ersten Bundesländern.

Urlaub in Deutschland ist sicher

Baumwipfelpfad im Schwarzwald

Baumwipfelpfad im Schwarzwald. | Bildquelle: Erlebnis Akademie AG

Ansonsten droht Urlaub auf den "Dahamas", also Rügen statt "Malle" oder Schwarzwald statt Kreta. Die Touristiker rechnen mit einem Ansturm auf deutsche Urlaubsziele an der Küste und in den bayerischen Voralpen. Es könnte voll werden. "Zu bestimmten Zeiten und in sehr beliebten Regionen sind Engpässe nicht auszuschließen", sagt FTI-Geschäftsführer Ralph Schiller. Der Tourismus-Beauftragte der Bundesregierung, Thomas Bareiß, will bei beliebten Zielen wie Schloss Neuschwanstein oder dem Kölner Dom die Besucherströme steuern.

Verschiebung des Urlaubs auf den Spätsommer?

Touristik-Experten und Reiseveranstalter rechnen damit, dass viele Bürger ihren Urlaub um einen oder mehrere Monate auf den Spätsommer verschieben. "Die Deutschen sind und bleiben Reiseweltmeister - sie verschieben lieber mal die Anschaffung eines neuen Autos als ihren Jahresurlaub", glaubt Tui-Chef Joussen. Die Branche stellt sich auf Nachholeffekte ein. Gerade nach dem Stress mit Home Schooling und Kinderbetreuung zu Hause brauchen gerade Familien eine Erholungszeit, prophezeit Tourismusforscher Professor Torsten Kirstges.

Darauf deutet unter anderem auch der "Deutschland-Trend" im "ARD-Morgenmagazin" von Mitte April hin. Demnach halten 28 Prozent der Deutschen an ihren Reiseplänen fest.

Gutschein-Lösung oder Rettungsfonds für die Branche

Bei abgesagten Pauschalreisen müssen nach EU-Recht eigentlich die Reisekosten erstattet werden. "Wer seinen Urlaub bei einem deutschen Reiseveranstalter gebucht hat und ihn dann wegen einer Reisewarnung des Auswärtigen Amtes nicht antreten kann oder will, hat Anspruch auf Kündigung oder Rückerstattung von bereits geleisteten Zahlungen", erklärt Professor Kirstges. Das würde aber die deutsche Reisebranche noch härter treffen. Deshalb hat der Tourismusbeauftragte der Bundesregierung, Thomas Bareiß, eine Gutscheinlösung vorgeschlagen.

Falls die Gutscheinlösung aber nicht klappt - wegen des Vetos aus Brüssel -, erwägt Berlin einen Rettungsfonds für die angeschlagene Reisebranche. "Der Druck in der Reisebranche wächst von Tag zu Tag, die Lage ist mehr als angespannt", weiß Tourismus-Beauftragter Bareiß.