Ratingagenturen

Moody's, S&P und Co. Ratingagenturen – mächtiger denn je

von Lothar Gries

Stand: 06.12.2019, 06:45 Uhr

Nach der Finanzkrise wollten viele Politiker die Macht der Ratingagenturen brechen. Doch daraus wurde nichts. Heute sind sie dicker im Geschäft als je zuvor.

Tatsächlich hat sich an der Vormachtstellung der drei großen, in New York ansässigen Ratingagenturen Moody's, Standard & Poor's (S&P) und Fitch nichts geändert. Mit einem Marktanteil von 93 Prozent beherrschen sie nach wie vor das Geschäft.

Mehr noch: Sie gehören zur Finanzindustrie wie Banken, Versicherungen und Wirtschaftsprüfer. Wie sehr sie mit ihrer Umgebung verwoben sind, zeigt auch ein Blick auf die Eigentumsverhältnisse: Die Ratingagenturen gehören mehrheitlich Hedgefonds, Beteiligungsgesellschaften und anderen Großinvestoren.

Praktische Immunität

Lässt sich nicht in die Karten schauen: Warren Buffett

Warren Buffett. | Bildquelle: picture alliance / AP Images

So ist etwa der Milliardär Warren Buffett an Moody's beteiligt. Der weltgrößte Vermögensverwalter Blackrock hält große Anteile an S&P. Fitch gehört zu 100 Prozent der US-Mediengruppe Hearst Communications, nachdem sie bis 2018 im mehrheitlichen Besitz des französischen Milliardärs Marc Ladreit de Lacharrière war.

Ein weiteres Merkmal ist ihre praktische Immunität, selbst im Fall eklatanter Falschbewertungen wie vor der Finanzkrise 2007. Zwar haben viele geschädigte Anleger, auch große US-Pensionsfonds, gegen die Agenturen geklagt und Schadensersatz gefordert, doch bislang vergeblich. Die US-Gerichte haben alle Klagen abgewiesen.

Denn für die Juristen sind die Ratings der Agenturen lediglich eine "freie Meinungsäußerung". Und die wird bekanntlich von der Verfassung garantiert. Zu gern bezeichnen die Agenturen deshalb ihre Bewertungen auch selbst als freie Meinungsäußerung statt als Kaufempfehlung für Investoren.

"Grundlegendes Problem"

Werner Rügemer, Buchautor und bekannter Kritiker der Ratingagenturen, zitiert das Beispiel Fitch. Die Agentur behauptet: "Ratings sind keine Fakten und können deshalb nicht als richtig oder unrichtig bezeichnet werden. Ratings stellen keinen finanziellen oder rechtlichen Rat dar, keine Wirtschaftsprüfung, keine Bewertung, keine Schätzung und keine Versicherungsempfehlung. Ein Rating stellt keine Zustimmung der Agentur dar, ihren Namen als den eines Experten zu verwenden."

Für den Ökonom und früheren Wirtschaftsweisen Peter Bofinger ist diese Haltung ein "grundlegendes Problem", sind die Agenturen doch in den letzten Jahren immer mächtiger geworden.

Gegründet wurden sie Anfang des 20. Jahrhunderts als Familienbetriebe, die Informationen über Aktiengesellschaften gesammelt haben und sie interessierten Bürgern verkauften. So prüfte damals John Moody die Eisenbahngesellschaften systematisch auf ihre Kreditwürdigkeit und verkaufte die Analysen an Investoren.

Investoren zahlen selbst

Dieser Bezahlmodus hat sich seit den 1970er Jahre um 180 Grad gedreht: Seitdem zahlen nicht länger die Investoren, sondern der Bewertete selbst. Somit werden die Rating-Agenturen von Banken, Versicherungen und Unternehmen finanziert, die für sich und ihre Wertpapiere Ratings bestellen. Auch öffentliche Unternehmen, Städte und ganze Länder müssen sich heute bewerten lassen.

Denn nach den Ratings richten sich die Kreditkonditionen: Je besser die Note, desto niedriger der Zins. "Aaa" bekommt ein stabiler Schuldner von höchster Qualität - beispielsweise Deutschland. Ab der Note "Ba" wird dagegen von einem Investment abgeraten. Griechenland wurde zeitweise nur noch mit "CCC" bewertet, weil ein Zahlungsausfall des Landes befürchtet wurde. Inzwischen wurde das Land wieder hochgestuft.

Die Ratings werden von Mitarbeitern erstellt, die auf Basis von Kennzahlen, Fragebögen und Gesprächen mit dem Management etwa eines Unternehmens eine Bonitäts-Empfehlung erarbeiten. Diese stellen sie dann einem Komitee vor, das über das Ergebnis abstimmt. Hat sich der Bewertete einmal entschieden, das Rating zu veröffentlichen, ist es dauerhaft zugänglich und wird regelmäßig aktualisiert.

Moody's Chart

Kurs der Moody's-Aktie seit 2015. | Grafik: boerse.ARD.de

Lukratives Geschäft

Wie lukrativ dieses Geschäft ist, zeigt ein Blick auf die Zahlen. So müssen die Bewerteten je nach Umfang und Komplexität der Ratings bis zu einer Million Euro für ein Rating zahlen. Wie sehr sich diese Arbeit auszahlt, zeigt das Beispiel von Moddy's, der größten der drei weltweit agierenden Agenturen.

Moody's hat laut eigenem Geschäftsbericht im Jahr 2018 Einnahmen von 4,4 Milliarden Dollar erzielt, sechs Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Beinahe die Hälfte davon, genau 48 Prozent, wurden als Ergebnis verbucht. Das waren im vergangenen Jahr allein bei Moody's 2,1 Milliarden Dollar.

Kein Wunder, dass Moody's in der Gunst der Anleger ganz oben steht - dank gigantischer Wertsteigerungen. So hat sich der Aktienkurs von Moody's seit einem Tief Anfang 2009, also seit dem Ende der Finanzkrise, von 22 Dollar auf zuletzt 225 Dollar verzehnfacht.

Dabei profitieren die Agenturen auch vom mangelnden Wettbewerb. Noch immer sind es die großen drei, Moody's, S&P und Fitch, die den Ton angeben und den Markt beherrschen. Forderungen, ihre Rolle zu beschneiden und einer Zentralbank zu unterstellen, sind bisher gescheitert. So müssen Unternehmen wie Staaten wohl weiterhin zittern, wenn das Triumvirat aus Amerika den Daumen hebt oder senkt.