Großlager der Shop-Apotheke

Digitalisierung & Gesundheitswesen Online-Apotheken boomen - nicht nur wegen Corona

Stand: 22.04.2020, 06:45 Uhr

Die Corona-Pandemie lässt die Kassen der Internet-Apotheken klingeln. Aber auch jenseits des womöglich eher kurzfristigen Schubs dürften Online-Apotheken langfristig von der Einführung des E-Rezepts profitieren.

Wer gedacht hat, dass der Onlinehandel angesichts geschlossener Geschäfte, Kontaktbeschränkungen und Ausgangssperren insgesamt von der Coronakrise profitieren würde, liegt daneben. Aber einige Branchen sind tatsächlich kräftig gewachsen und damit klare Gewinner der aktuellen Lage. Das trifft vor allem auf Online-Apotheken zu. Schließlich ist beispielsweise der Bedarf nach Produkten wie Hygieneartikeln, Desinfektionsmitteln oder Gesichtsmasken explodiert.

Hinzu kommt, dass Verbraucher sich in Zeiten wie diesen ganz besonders um ihre Gesundheit sorgen und vermehrt zu Vitaminpräparaten, Hustensäften oder Immunstärkern greifen. Und wer möchte, während die Pandemie den Alltag bestimmt, ausgerechnet vor der Apotheke in einer Schlange stehen?

Andrang vor einer Apotheke

Apotheke. | Bildquelle: picture alliance / Julian Stratenschulte / dpa

Im ersten ersten Quartal wuchs der Online-Umsatz der Apotheken nach Daten des Bundesverbands E-Commerce und Versandhandel (bevh) deshalb im Vergleich zum Vorjahr um 25 Prozent auf 200 Millionen Euro - das ist schon ein stattlicher Anstieg. Aber alleine im März, der schon zu einem wesentlichen Teil von der Coronakrise bestimmt war, betrug der Anstieg 88,2 Prozent. Damit sind Online-Apotheken einsamer Spitzenreiter. Mit einem Plus von 55,8 Prozent belegt der Online-Lebensmittelhandel den zweiten Rang.

Umsatz- und Nachfrageschub

In den jüngsten Quartalsergebnissen der größten Branchenvertreter für die Monate Januar bis März lässt sich der Trend ebenfalls klar erkennen. Der niederländische Konzern Shop Apotheke berichtete jüngst von einem Umsatz- und Nachfrageschub in Verbindung mit der Pandemie. "Wir eilen derzeit von Auftragsrekord zu Auftragsrekord und operieren nahe an unserer Kapazitätsgrenze", zitiert das Anlegermagazin "Euro am Sonntag" den Vorstandschef Stefan Feltens.

Der Schweizer Konkurrent und DocMorris-Mutter Zur Rose berichtet im ersten Quartal ebenfalls über eine hohe Nachfragezunahme im Versandgeschäft: "Seit Ausbruch der Covid-19-Pandemie nutzen Kunden und Patienten den Versandkanal vermehrt: Die Nachfrage nach Medikamenten und Gesundheitsprodukten hat innerhalb der Gruppe deutlich zugenommen", heißt es im Geschäftsbericht.

Zur Rose Group - Versandlager

Zur Rose Group. | Bildquelle: Unternehmen

Große Hoffnungen ruhen auf dem E-Rezept

Aber das Geschäftsmodell der Internetapotheken könnte auch nach der Corona-Zeit glänzend funktionieren, denn die Digitalisierung des Gesundheitswesens schreitet voran. Das elektronische Rezept, das sogenannte E-Rezept, soll nach dem Willen der Bundesregierung ab dem 1. Januar 2022 bundesweit verpflichtend sein, wie vor einigen Tagen bekannt wurde.

Per E-Rezept auf der Handy-App kann der Kunde sich dann entscheiden, ob er das Rezept wie gewohnt bei der Apotheke seines Vertrauens einlöst, oder den Versandweg per Online-Apotheke wählt und sich das gewünschte Medikament einfach per Boten zusenden lässt. Für sämtliche Internet-Apotheken sind das erfreuliche Nachrichten.

So sehen das auch Branchenbeobachter. Gerhard Orgonas, Analyst bei der Privatbank Berenberg, hält die Einführung des elektronischen Rezepts neben dem Nachfrageboom wegen der Coronakrise als einen möglichen Geschäfts- und Kurstreiber für Shop Apotheke. Seine Kollegin Alvira Rao von der britischen Barclays Bank teilt seine Einschätzung.

Bundesminister für Gesundheit Jens Spahn

Bundesminister für Gesundheit Jens Spahn: Ein Verfechter des E-Rezepts. | Bildquelle: imago images / Christian Spicker

Wachstum kostet Geld

Und Christian Buse, Vorstand des Bundesverbands Deutscher Versandapotheken (BVDVA) und Vorstand der Versandapotheke MyCare, freut sich: "Ein flächendeckendes E-Rezept wäre schon in der aktuellen Pandemie hilfreich und würde dazu beitragen, ungewollte Kontakte, und damit die Ansteckungsgefahr, weiter zu minimieren." Dass die Patienten einen digitalen Bestellweg intensiv in Anspruch nehmen, zeige laut Buse die gestiegene Nutzung von Versandapotheken in den letzten Wochen. Für die gewöhnlichen Apotheken könnten schwierigere Zeiten anbrechen.

Kein Wunder also, dass sich die Konzerne auf Wachstum einstellen - aber das kostet. Um es zu finanzieren, haben sich sowohl Shop Apotheke als auch Zur Rose unlängst am Kapitalmarkt frisches Geld besorgt. Shop Apotheke sammelte durch eine Kapitalerhöhung samt Ausgabe neuer Aktien 65 Millionen Euro ein. Zur Rose will sich über eine Wandelanleihe 175 Millionen Schweizer Franken sichern.

Apothekerin an der Kasse

Für gewöhnliche Apotheken könnten schwere Zeiten anbrechen. | Quelle: picture-alliance/dpa

Der Schritt sei eine Reaktion auf das beschleunigte Wachstum aufgrund von Covid 19 und die Klarheit in Bezug auf den Zeitpunkt der Einführung des elektronischen Rezepts in Deutschland, heißt es bei Shop Apotheke. Ganz ähnlich klingt die Begründung von Zur Rose. Es dürfte deshalb interessant sein zu sehen, wie sich die gewöhnlichen Apotheken angesichts der großen Konkurrenz in den kommenden Monaten positionieren werden.

ts