Chemie 2017

Ausblick 2017 Chemie

Ernüchterndes Signal "Ohne nennenswerte Dynamik"

Stand: 19.12.2016, 16:15 Uhr

Rückläufige Preise und eine schwächelnde Nachfrage haben der deutschen Chemieindustrie in diesem Jahr einen Umsatzrückgang beschert. 2017 sei keine Besserung in Sicht, klagt der Verband. Doch die Ergebnisse einzelner Unternehmen sprudeln mehr denn je. Ein Widerspruch?

Die deutsche Chemieindustrie rechnet auch im kommenden Jahr nicht mit viel Schwung. "Das Chemiegeschäft dürfte 2017 ohne nennenswerte Dynamik bleiben", sagte der neue Präsident des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI), Kurt Bock, der im Hauptberuf Vorstandschef des noch immer größten Chemiekonzerns der Welt ist. Zwar sei zum Ende dieses Jahres der Umsatz in der Branche wieder etwas gestiegen. "Aber eine Trendwende können wir darin noch nicht erkennen", so Bock.

Für das laufende Jahr hatte der Verband seine Umsatzprognose bereits mehrfach gesenkt. Danach dürfte der Umsatz 2016 wegen der gefallenen Preise um 3,0 Prozent sinken. Im Inland sollen die Erlöse sogar um vier Prozent zurückgehen.

Erhebliche politische und konjunkturelle Risiken

2017 dürften die Chemikalienpreise wieder leicht steigen, um 0,5 Prozent. Auch erwartet der Verband eine Umsatzsteigerung um 1,0 Prozent auf deutschlandweit 185 Milliarden Euro. Dieses Wachstum soll vor allem vom Auslandsgeschäft kommen, während das Inlandsgeschäft weiter schwächeln dürfte. Allerdings seien diese Prognosen mit erheblichen Unsicherheiten behaftet, weil die politischen und konjunkturellen Risiken besonders auf den Auslandsmärkten rund um den Globus zugenommen hätten, warnt Bock.

So könne derzeit niemand sagen, welche Wirtschaftspolitik der neue amerikanische Präsident Donald Trump tatsächlich verfolgen werde und wie sich die Maßnahmen auf die Weltwirtschaft auswirkten. Insgesamt dürfte das Chemiegeschäft also ohne nennenswerte Dynamik bleiben, befürchtet der Verbandspräsident. Den Ölpreis sieht Bock im kommenden Jahr in einer Bandbreite zwischen 40 und 60 Dollar je Barrel (159 Liter) schwanken.

Hoffnung auf Stabilisierung der Schwellenländer


Die deutsche Chemieindustrie, die mehr als 446.000 Menschen beschäftigt, leidet seit längerem unter der mauen Weltkonjunktur und der Schwäche wichtiger Absatzmärkte wie China und Brasilien - auch wenn sich das gerade in den letzten Wochen etwas gebessert hat. Zu schaffen macht der Branche zudem der niedrige Ölpreis, der für Preisdruck bei Chemieprodukten sorgt. Zwar kann die Branche den wichtigen Produktionsgrundstoff Öl etwa für Kunststoffe, Arzneimittel und Farbstoffe günstig einkaufen, muss Kostenvorteile aber teilweise an Kunden weiter geben.

Ausblick 2017 Chemie

Ausblick 2017 Chemie. | Bildquelle: colourbox.de

Neben der Hoffnung auf eine Stabilisierung der Lage in China und anderen großen Schwellenländern erwartet Bock neue Impulse für die Branche aus der Digitalisierung. Die Auswertung großer Datenmengen erlaube etwa eine bessere Forschung und Entwicklung, den effizienteren Einsatz von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln in der Landwirtschaft und eine noch präzisere Produktion und Logistik. "Ich bin überzeugt, dass wir vor einer Weichenstellung stehen", sagte Bock. Es gelte, mit Innovationen die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Branchen gegenüber starken Konkurrenten wie China zu wahren.

Unternehmen steigern Ergebnisse

Während die Verbände also ein weiterhin trübes Bild zeichnen, ergeben die Neun-Monats-Berichte vieler börsennotierter Chemiekonzerne ein differenzierteres und insgesamt hoffnungsvolleres Bild. Zwar sind die Erlöse durchweg geschrumpft, die große Mehrzahl der Firmen konnte aber gleichzeitig die Erträge steigern.

Grund sind neben gesunkenen Rohstoffkosten die in einigen Bereichen gestiegenen Absatzmengen, was zu höheren Margen beigetragen hat. Auch haben sich einige Auslandsmärkte, allen voran China, zuletzt besser entwickelt als gedacht. Covestro etwa meldete für die Region 25 Prozent Wachstum im dritten Quartal. Zudem profitieren die Unternehmen von den Umstruktierungen und Kosteneinsparungen der letzten Jahre.

Höhere Ebit-Marge

In der Summe konnten die zehn führenden Chemiekonzerne Europas, darunter fünf Firmen aus Deutschland, nach Berechnungen des "Handelsblatts" in den ersten neun Monaten ihre operativen Ergebnisse um fünf Prozent steigern, während die Umsätze um den gleichen Prozentsatz schrumpften. Die durchschnittliche Ebit-Marge der Großkonzerne verbesserte sich damit um gut einen Punkt auf knapp zwölf Prozent. Die Branche steuert also auf relativ solide Geschäftsabschlüsse im Jahr 2016 zu.

Der Leverkusener Spezialchemiekonzern Lanxess, den Bayer bereits vor elf Jahren in die Eigenständigkeit entließ, überraschte sogar mit 15 Prozent Ebit-Steigerung. Zudem hat Lanxess im November zum dritten Mal in diesem Jahr seine Prognose für das Gesamtjahr angehoben. Auch der Kunststoffhersteller Covestro hat die Aussichten für das laufende Jahr erhöht.

Branchenführer BASF musste im dritten Quartal zwar einen Rückgang von Umsatz und Ergebnis verbuchen. Verantwortlich dafür war aber in erster Linie der starke Einbruch im Öl- und Gas-Geschäft der Tochter Wintershall. Die Chemiesparten des Ludwigshafener Konzerns steigerten ihre Erträge dagegen noch um rund sieben Prozent – bei acht Prozent Umsatzrückgang.

Ist die Lage besser als die Stimmung?

Ist die Lage also besser als die Stimmung? Tatsächlich sind die meisten Chemiekonzerne derzeit eher vorsichtig. Sie vermeiden einen konkreten Ausblick auf das kommende Jahr. Patrick Thomas, Chef des Kunststoffherstellers Covestro, erwartet zwar langfristig eine wachsende Nachfrage. Doch das Geschäft sei volatil. Auch BASF spricht von einem "zunehmend herausfordernden“ Umfeld. Vieles wird davon abhängen, wie sich die Wirtschaft in den großen Schwellenländern wie China, Brasilien oder Indien entwickelt. Den Auftakt zu einem längerfristigen Aufschwung wird 2017 aber wohl nicht bringen.

Deshalb wird nach Auffassung von Fachleuten der von DuPont und Dow Chemical angestoßene Trend zu Übernahmen und Fusionen in der Chemie weitergehen oder sich sogar noch verstärken. Fast 60 Prozent der Unternehmen aus Chemie und Pharma waren in letzter Zeit bereits an Übernahmen und Fusionen beteiligt, zeigt eine Studie der Unternehmensberatung Bearing Point. Ein Hauptargument: Sie wollten in Wachstumsmärkten wie USA und Asien expandieren und zugleich ihre Innovationskraft stärken, heißt es in der Studie.

lg

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