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Kontroverse in Cannes Netflix: Der Kampf um das Kino der Zukunft

von Thomas Spinnler

Stand: 16.04.2018, 14:56 Uhr

Die Art wie wir fernsehen, hat Netflix bereits verändert. Jetzt zittert die Kinobranche vor dem Streaming-Dienst: Was wird aus der großen Leinwand, wenn Netflix im großen Stil in die Filmbranche einsteigt? Ein kleines Dorf in Frankreich wehrt sich.

Wer in Cannes über den roten Teppich schwebt, der ist in der Filmbranche oben angekommen - und nicht nur dort. Seit Jahrzehnten produziert das Kino Stars, die auf der ganzen Welt bewundert werden. Die Filme vor ihren Kino-Starts beim Schaulaufen auf den großen Festivals zu präsentieren, gehörte bislang zu den angenehmsten Pflichten der Branche.

Das könnte sich bald dramatisch ändern. Das Kino wandelt sich, seit Streaming-Dienste wie Netflix sich stärker in der Filmbranche engagieren und Filme ohne Kinoverwendung direkt gestreamt werden.   

Wir gegen die da oben!

Thierry Frémaux, künstlerischer Leiter des Festival de Cannes

Thierry Frémaux. | Bildquelle: dpa

Aber ein von unbeugsamen Galliern bevölkertes, ehemaliges Dorf hört nicht auf, Widerstand zu leisten. Anders ausgedrückt: Die Kinonation Frankreich wehrt sich. Dass der Kampf in vollem Gange ist, zeigt die Kontroverse um Netflix-Filme beim Festival in Cannes. Festivalleiters Thierry Frémaux wählt nur Filme für den Wettbewerb aus, die vor dem Streaming in französischen Kinos gezeigt werden. Zwischen Vorführung und Streaming müssen drei Jahre liegen. Netflix wird deshalb das Festival boykottieren.

Der Streit hatte sich im vergangenen Jahr angedeutet. Der damalige Jury-Präsident Pedro Almodóvar hatte gefordert, dass der Gewinner der Goldenen Palme in den Kinos zu sehen sein müsse. Reed Hastings reagierte: Das Establishment schließe die Reihen gegen uns: Der Netflix-Boss verkaufte sich als Underdog.  

Das Establishment wechselt zu Netflix

Das ist rührend, wenn man sich die Finanzkraft des Konzerns ansieht. „Die Kunst geht nach Brot“, heißt es in Lessings Bühnenstück „Emilia Galotti“. So ist es auch in  der Filmbranche, sie wandert dorthin, wo das Kapital ist. Und davon hat Netflix genug: In diesem Jahr sollen 7,5 bis 8 Milliarden Dollar in sogenannte "Originals" fließen. 80 Filme sollen exklusiv gezeigt werden und dazu noch 700 Serien-Folgen.

Deshalb arbeiten große Namen des Kinos wie Martin Scorsese, das Establishment, längst für Netflix: Zuletzt drehte er den Thriller "The Irishman" mit seiner alten Garde Robert De Niro, Al Pacino, Joe Pesci und Harvey Keitel. Die Liste der Stars und Regisseure, die für Netflix arbeiten wird immer länger. Der Streaming-Dienst ist längst in Hollywood angekommen.

Spiel mir das Lied vom Tod, Nahaufnahme Henry Fonda

Henry Fonda in "Spiel mir das Lied vom Tod": Schon Opas Kino kannte Netflix-gerechte Großaufnahmen . | Bildquelle: Filmdatenbank, Paramount Pictures

Kein Raum für Weite  

Trotzdem gibt es weitere kritische Stimmen. Christopher Nolan, einer der berühmtesten Regisseure Hollywoods, feierte Erfolge mit seiner Batman-Trilogie und Filmen wie „Inception“. Nolan verkündete, er wolle niemals mit Netflix zusammenarbeiten. Die einzige Plattform, die ihn interessiere, sei das Kino. Für manche Ideen ist die Flimmerkiste zu klein. Was bleibt von Ennio Morricones Soundtrack zu "Spiel mir das Lied vom Tod" übrig, wenn wir ihn mit Ohrstöpseln auf dem Tablet sehen? Wird eine bestimmte Art Kino aussterben?  

Netflix: Kursverlauf am Börsenplatz Frankfurt für den Zeitraum Intraday
Kurs
254,64
Differenz relativ
+1,86%

Natürlich hat die Plattform Auswirkungen auf die filmische Ästhetik. Eine Panorama-Aufnahme wirkt nicht auf einem kleinen Bildschirm, sie verlangt nach der großen Leinwand. Deshalb sehen wir deutlich mehr Großaufnahmen bei den Streaming-Produktionen, die im Grunde genommen für das Fernsehen gemacht sind. Selbst der gigantischste Flatscreen-Bildschirm kann kein Erlebnis einer Kinoleinwand bieten. Wer wie Nolan das große Rad drehen will, braucht für seine Visionen das Kino.

Eine andere Verwertungskette

Netflix geht noch einen anderen Weg. „Auslöschung“, der aktuelle Film von Alex Garland mit den beiden Stars Natalie Portman und Oscar Isaac, lief im US-Kino, hier wird er nur bei Netflix gezeigt. Der Konzern kauft auch fertige Filme auf, um sie exklusiv zu verwerten. Wer weiß, ob Netflix-Filme jemals im TV laufen, oder wenigstens auf Disk erhältlich sein werden? Passionierte Kinogänger müssen sich daran gewöhnen, auf Filme zu verzichten, oder ein Netflix-Abo abschließen.

Spiel mir das Lied vom Tod, Bahnhofsszene

Ein Pferd zu wenig oder zwei zu viel? Am besten lässt sich das auf der großen Leinwand erkennen. | Bildquelle: Filmdatenbank, Paramount Pictures

Denn darum geht es. Um der Börse die Wachstumsstory verkaufen zu können, braucht Netflix steigende Abozahlen. Bislang funktioniert es. Ende 2011 waren es noch knapp 22 Millionen zahlende Mitglieder, heute sind es in 180 Ländern 110 Millionen. Das vergangene Jahr war für Netflix ein Rekordjahr. Noch ist es zu früh dafür, dass sich die Veränderungen auch an der Kinokasse bemerkbar machen. 2017 spielten die Kinos weltweit die Rekordsumme von rund 40 Milliarden Dollar ein, in Deutschland blieben die Besucherzahlen ziemlich stabil.       

Wie könnte es weiter gehen? Cannes braucht gute Filme für ein erfolgreiches Festival. Auch Netflix braucht hochwertige Filme und das Prestige, das Erfolge bei Festivals einbringen, um Mitglieder zu locken. Aber da auch Netflix-Konkurrenten wie Amazon bereits äußerst erfolgreich im Filmgeschäft sind, wird die Macht der Digitalkonzerne weiter wachsen. Wie lange kann ein unbeugsames gallisches Dorf widerstehen?

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Netflix: Vom Video-Verleih zum Weltkonzern Die Eroberung der Fernsehwelt

Netflix-Gründer Reed Hastings

Visionär Reed Hastings
Netflix gibt es schon seit 1997. Damals war es noch üblich, sich Filme in einer Videothek auszuleihen. Reed Hastings, ein Software-Programmierer und Geschäftsmann, kam die Idee einer bequemeren Alternative: Ein Online-Filmverleih, über den man Videokassetten und DVDs ausleiht, ohne in den Laden gehen zu müssen.

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