Nespresso Vertuo

Der Trend geht zum Pott Nestlé: Alter Kaffee in neuen Kapseln?

Stand: 18.10.2018, 06:45 Uhr

Im Kaffeekrieg setzt Nestlé-Boss Mark Schneider auf die Riesenkaffeekapsel Vertuo. Der Clou: Es wird einige Jahre dauern, bis die ersten Nachahmerkapseln auf den Markt kommen. Was Nestlé jubeln lässt, sorgt bei Umweltschützern für Entsetzen.

Der Wachstumsmarkt Kaffee ist schon seit geraumer Zeit weltweit in Bewegung geraten. Neue Allianzen werden geschmiedet, selbst Unternehmen aus der Limo-Branche versuchen im Markt Fuß zu fassen: Vor wenigen Wochen kaufte der US-Getränkegigant Coca-Cola den britischen Starbucks-Konkurrenten Costa für fünf Milliarden Euro. Kaffee sei eine der am schnellsten wachsenden Getränke-Kategorien der Welt, unterstrich Coca-Cola-Chef James Quincey.

Auch für Nestlé soll das Kaffeegeschäft ein Schlüssel zu starkem Wachstum sein. Der Nahrungsmittelgigant ist nach Daten des Forschungsinstituts Euromonitor mit einem Marktanteil von 23 Prozent der größte Kaffeeanbieter der Welt. Damit das so bleibt, hat Nestlé mit der Kaffeekette Starbucks einen Milliardendeal abgeschlossen. Es ist der dritte Zukauf in den USA binnen kurzer Zeit.

Der Schweizer Nahrungsmittelkonzern hat sich für gut sieben Milliarden US-Dollar das Recht auf die weltweite Vermarktung sämtlicher Konsum- und Gastronomieprodukte von Starbucks gekauft, mit Ausnahme der Starbucks-Cafés. Der Hintergrund: Nestlé will sein Kaffeeangebot in Nordamerika weiter ausbauen. Natürlich geht der Blick zudem in Richtung Schwellenländer, auch China wird anvisiert. Nicht zuletzt Im Kampf mit dem größten Rivalen, der JAB Holding, die Beteiligungsgesellschaft der deutschen Unternehmerfamilie Reimann, soll der Starbucks-Deal Nestlé Rückenwind verleihen.

Die Riesenkapsel ist gelandet

Aber nicht nur mit Zukäufen will Nestlé die Spitze halten, auch mit neuen Produkten möchte der Konzern bei den Verbrauchern punkten. Ein neues Kapselsystem namens Vertuo soll das Nespresso-System wieder in Schwung bringen. Seit Anfang September ist es hierzulande erhältlich. Denn rund 30 Jahre nach der Nespresso-Markteinführung kosten längst viele Nachahmerprodukte Marktanteile. Es war also Zeit für etwas Neues, meinten die Produktstrategen von Nestlé. Vertuo wird deren Expertise zufolge ganz auf die Bedürfnisse des modernen deutschen Kaffeetrinkers zugeschnitten sein. Und der will in der Mehrzahl den Pott: Mehr als 70 Prozent bevorzugen die große Tasse, haben Marktforscher herausgefunden. Und da setzt Vertuo an.

Nestlé-Chef Ulf Mark Schneider

Nestlé-Chef Ulf Mark Schneider. | Bildquelle: Nesté

414 Milliliter beträgt das größte Format, das gab es bei Kapselsystemen bislang nicht. Aber auch einen Espresso mit einer Größe von 40 Millilitern wird man sich genehmigen können. „Wir sehen hier ein wichtiges neues Marktsegment“, sagte der Nespresso-Deutschland-Chef Mark Ruijgrok im Gespräch mit der „FAZ“.

Welches Kapserl hätten's denn gern?    

Die neue Technologie, die für Vertuo entwickelt wurde, soll Nestlé wieder den Vorsprung verschaffen, den das herkömmliche Kapselsystem nicht mehr hat, lautet der Plan. Der Schweizer Nahrungsmittelriese hält mehrere Patente auf das Vertuo-System, die unter anderem die Brühmethode betreffen. Wer sich für Vertuo entscheidet, kann künftig mit Hilfe von 25 verschiedenen Geschmacksrichtungen versuchen, die Wucht des Lebens am frühen Morgen irgendwie abzufangen. Dass sich Verbraucher intensiv und zum Teil sehr ernsthaft etwa mit Kaffee-, Wasser-, Brot oder Biersorten befassen, ist schließlich längst Normalität. Eine entsprechende Auswahl wird erwartet.

In den USA hat sich das Vertuo-Kapselsystem offenbar bewährt. Dort ist es schon seit längerem erhältlich. CFO Francois-Xavier Roger hatte sich im Februar gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg dazu geäußert: Vertuo habe im Jahr 2017 fast ein Drittel zum organischen Wachstum der Nespresso-Sparte beigetragen. Man gewinne deutlich Marktanteile hinzu, es laufe extrem gut in den USA, teilte Roger im September mit.

„Abstruser Kapselwahnsinn“

Was den Zahlenmenschen Roger ins Schwärmen bringt, ist für Umweltschützer ein Szenario des Grauens. Der Kapselwahnsinn nehme immer abstrusere Formen an und werde mit dem neuen System von Nestlé auf die Spitze getrieben, teilt die deutsche Umwelthilfe (DUH) mit. In Deutschland seien im Jahr 2016 rund 3,1 Milliarden Kaffeekapseln verbraucht worden, das entspreche einem Müllberg von 8.000 Tonnen Verpackungen aus Aluminium und Kunststoff sowie zusätzlich 5.000 Tonnen Papier, so die DUH weiter.

Die Nestlé-Tochter Nespresso verweist darauf, dass Aluminium recycelbar ist: Der Erfolg des Recyclings hänge stark vom Mitwirken der Verbraucher ab, deshalb würden Verbraucher  regelmäßig in Mailings oder über Infomaterial in den Boutiquen über die verschiedenen Recyclingmöglichkeiten informiert, heißt es dazu auf der Nespresso-Homepage.

Ob Kapseln mit Geschmacksrichtungen wie „Alto Dolce“, „Diavolitto“ oder das „blumige und delikate Aflorazio“ tatsächlich recycelt werden oder im Hausmüll landen - wer soll das wissen? Für die Ökobilanz ist das aber der entscheidende Faktor.

ts

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Vom Wohltäter zum Lebensmittel-Multi Die Nestlé-Geschichte

Unternehmensgründer Henri Nestlé

Unternehmensgründer Henri Nestlé: Der eigentliche Gründungsvater des Schweizer Nahrungsmittelkonzerns war… ein Deutscher. Der Frankfurter Apotheker Heinrich Nestle wanderte Mitte des 19. Jahrhunderts in die Schweiz aus. In Vevey am Genfer See tüftelte er an einem Mittel für Säuglinge, die nicht gestillt werden konnten. So erfand er das "farine lactée", das so genannte Kindermehl, eine Kombination aus Kuhmilch, Weizenmehl und Zucker.