Canopy Growth-CEO Bruce Linton

Medizinisches Cannabis wird immer beliebter Canopy Growth-Chef: "The sky is the limit"

Stand: 29.01.2019, 16:06 Uhr

Seit 2017 ist medizinisches Cannabis in Deutschland erlaubt. Von dem rasanten Anstieg der Patientenzahl profitierten vor allem ausländische Cannabisunternehmen wie der kanadische Riese Canopy Growth. Wir haben mit dem CEO Bruce Linton über Legalisierung, Tiermedizin und die Zukunft gesprochen.

boerse.ARD.de: Ihr Unternehmen ist seit 2016 auf dem deutschen Markt tätig. Welche Veränderungen haben Sie in den letzten Jahren festgestellt?

Bruce Linton: Der deutsche Markt hat sich in den letzten Jahren rasant entwickelt. Die Zahl der Patienten stieg von nur 1.000 vor dem Cannabisgesetz Anfang 2017 auf nun etwa 40.000 Patienten, und das Potential liegt bei einer Million Patienten in naher Zukunft. Krankenkassen erstatten medizinisches Cannabis immer häufiger, allgemein steigt die Akzeptanz in Fachkreisen. Wir sehen immer mehr Ärzte, die etwas über Cannabis lernen und es ihren Patienten als alternative Behandlung empfehlen. Wir sehen Cannabis auch in mehr deutschen Apotheken und das Interesse von Apothekern an unseren Aus- und Weiterbildungsprogrammen wächst.

Canopy Growth Cannabis-Produktion

Canopy Growth. | Bildquelle: Canopy Growth

boerse.ARD.de: Der deutsche Cannabismarkt wird momentan von ausländischen Unternehmen wie Canopy dominiert. Warum sind nicht mehr deutsche Unternehmen in der Branche tätig?

Linton: Es gibt deutsche Unternehmen, die in der Cannabisindustrie tätig sind, nur nicht bei der Produktion und dem Anbau von Cannabis. In Deutschland gibt es derzeit keine Rechtsgrundlage für die Produktion, daher liegt der Schwerpunkt deutscher Unternehmen nicht auf dem Anbau von Cannabis, sondern auf der Entwicklung neuer Technologien.

boerse.ARD.de: Was meinen Sie konkret mit diesen neuen Technologien?

Linton: Nehmen wir Storz & Bickel – das technologisch fortschrittlichste Verdampferunternehmen, das wir gerade übernommen haben. Mit einer 22-jährigen Erfolgsgeschichte bahnbrechender Innovationen ist Storz & Bickel aus Tuttlingen mit seinen medizinisch zugelassenen Produkten einzigartig in Deutschland und gilt als weltweit führend in der Entwicklung und Herstellung von Vaporisatoren (Verdampfern). Der deutsche Standort verfügt über die Kapazität, um die wachsende Produktionsnachfrage zu befriedigen. Basierend auf der bestehenden internationalen Präsenz von Canopy Growth und dem Zugang zu Storz & Bickels Produktionskompetenz ist das Unternehmen nun gut positioniert, um das Segment rund um Vaporisatoren voranzutreiben.

boerse.ARD.de: Eine Legalisierung wird in Deutschland heiß diskutiert. Halten Sie es für realistisch, dass Cannabis in Deutschland bald legalisiert wird?

Linton: Das ist schwer zu sagen, weil es von der deutschen Regierung abhängt. Wir werden weiterhin Cannabis für medizinische Zwecke nach Deutschland importieren, unter Beachtung der deutschen Vorschriften. Ziel ist aber, die Versorgung über unsere dänischen Produktionskapazitäten auszubauen, um eine autarke europäische Versorgung mit medizinischem Cannabis in Europa zu schaffen.

boerse.ARD.de: Im vergangenen Jahr wurde Cannabis in Kanada legalisiert. Was hat sich seitdem verändert?

Canopy Growth: Kursverlauf am Börsenplatz Frankfurt für den Zeitraum 1 Jahr
Kurs
42,90
Differenz relativ
+7,29%

Linton: Vieles hat sich in Kanada verändert. Die Marktgröße ist exponentiell gestiegen und hat sich für erwachsene Freizeitnutzer geöffnet. Laut eines Berichts von Deloitte Canada wird erwartet, dass der gesamte Cannabismarkt in Kanada - einschließlich medizinischer, illegaler und legaler Anwendung - im Jahr 2019 einen Umsatz von bis zu 7,17 Milliarden US-Dollar generieren wird. Darunter entfallen rund 4,34 Milliarden US-Dollar auf den legalen Freizeitmarkt. Es wird erwartet, dass medizinisches Cannabis zusätzliche 0,77 bis 1,79 Milliarden US-Dollar generiert, wobei der illegale Markt weitere 0,51 bis 1,04 Milliarden US-Dollar einbringt. Wir erwarten, dass der Gesamtkonsum auf legalen Wegen um bis zu 35 Prozent steigen wird. Das liegt vor allem daran, dass sich neue Verbraucher eher nicht für den illegalen, sondern den legalen Konsum entscheiden werden.

boerse.ARD.de: Glauben Sie, dass auch andere Länder mit der Erlaubnis von medizinischem Cannabis oder gar einer Legalisierung nachziehen werden?

Linton: In den kommenden Jahren werden wir eine Öffnung rund um den Globus beobachten. Aktuell operieren wir in 15 Ländern auf fünf Kontinenten. Jüngstes Beispiel ist Polen mit seinen 38 Millionen Einwohnern –  ein Markt von ähnlicher Größe wie Kanada, wo über 300.000 Kanadier über das staatlich regulierte System auf medizinisches Cannabis zugreifen. In Polen haben wir mit der Versorgung über unsere Tochter Spectrum Cannabis Polen begonnen, auch dies ist Teil unserer Bemühungen, eine pan-europäische Versorgung aufzubauen.

boerse.ARD.de: Der Cannabismarkt hat sich in den vergangenen Jahren in kurzer Zeit sehr schnell entwickelt. Ist Cannabis ein dauerhaftes Standbein?

Linton: Die Cannabisindustrie ist mit zunehmender Legalisierung in den Mainstream vorgedrungen und ist daher ein absolut dauerhaftes Standbein. Da wir Menschen sehen, die von medizinischem Cannabis profitieren, wäre es für die Regierung nicht sinnvoll, Vorschriften aufzunehmen, die den Cannabiskonsum verbieten. Cannabis wird seit Jahrtausenden aus therapeutischen Gründen verwendet und trotz Verbote wurde es weiterhin aus gesundheitlichen Gründen oder zur Unterhaltung verwendet. Als wir das Marktpotenzial für Hanf und CBD-Produkte auf Hanfbasis erkannt hatten, begannen wir mit Investitionen in Feldaktivitäten in Kanada und vor kurzen in einem Hanf-Industriepark in den USA. Aus einem Naturprodukt ist High Tech geworden.

Canopy Growth Cannabis-Stecklinge

Stecklinge in der Produktionsstätte von Canopy Growth. | Bildquelle: Canopy Growth

boerse.ARD.de: Neben der eigentlichen Cannabispflanze gibt es viele weitere Produkte. Welche werden sich durchsetzen?

Linton: In Kanada liefern wir auch Cannabisöle und Softgelkapseln. Die Aufnahme von Cannabisöl aus einer oralen Dosierspritze oder verpackt in Softgels gewährleistet eine genaue Dosierung und eine lange Wirkungsdauer und ist für die Patienten eine gute Ergänzung zur Vaporisation (Verdampfung). Wir prüfen auch das Potenzial mit anderen infundierten Cannabinoid-basierten Produkten, einschließlich Getränken. Ein weiterer schnell wachsender Markt ist die Tiergesundheit. Canopy Animal Health konzentriert sich auf die Entwicklung von Gesundheitsprodukten auf Cannabisbasis für Haustiere.

boerse.ARD.de: Viele Schmerzpatienten ersetzen schon jetzt Opioide durch Cannabis. Welche Auswirkungen wird das Wachstum des Cannabismarktes auf die Opioid-Industrie haben?

Linton: Wir gehen davon aus, dass der Cannabismarkt erhebliche Auswirkungen auf die Opioid-Industrie haben wird. Frühere Daten deuten daraufhin, dass medizinische Cannabisprogramme die Zahl der Opioid-Tode um fast 25 Prozent senken können. Es ist allerdings noch zu früh, um zu sagen, was diese Daten für die gesamte Branche bedeuten können. Es ist aber so oder so ein großartiges Ergebnis für die öffentliche Gesundheit.

boerse.ARD.de: Im Jahr 2017 erzielten Sie einen Umsatz über 40 Millionen kanadische Dollar. Was sind Ihre Umsatzerwartungen für die Zukunft?

Linton: The sky is the limit.

boerse.ARD.de: Was glauben Sie: Wie wird der Cannabismarkt in zehn Jahren aussehen?

Linton: In zehn Jahren wird der Cannabismarkt ein ganz anderer sein. Medizinisches Cannabis wird immer beliebter werden, weil klinische Studien bis dahin den Nutzen bei Angstzuständen, Schmerzbehandlung bis hin zu verschiedenen Anwendungen der Tiergesundheit belegen werden. Cannabis wird mit zunehmender weltweiter Akzeptanz bei Fachleuten einen Platz in den Gesundheitssystemen rund um den Globus einnehmen. Innerhalb von zehn Jahren wird sich auch der Freizeitmarkt ändern, da andere G20-Länder dem kanadischen Beispiel folgen, wenn sie die wirtschaftlichen Auswirkungen eines gut regulierten Marktes sehen, der das derzeitige Cannabisverbot ersetzt.

Das Gespräch führte Michelle Goddemeier.

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Cannabis-Produktpalette Canopy Growth

Canopy Growth, Börsenwert: 11,6 Milliarden Dollar
Das kanadische Unternehmen hat sich schon Ende 2016 durch den Kauf der Firma Spektrum Cannabis in den deutschen Markt eingekauft. Spektrum Cannabis aus St. Leon-Rot war das erste Unternehmen, das hierzulande eine Importgenehmigung für medizinisches Cannabis aus Kanada erhielt. Im August hat der Alkohol-Gigant Constellation Brands (Corona) 3,8 Milliarden Dollar in Canopy Growth investiert und sich so einen Anteil von 38 Prozent an dem kanadischen Marihuana-Produzenten gesichert.