VW, BMW, Daimler, Porsche, Audi

Renaissance der Zykliker Lohnen sich jetzt Auto-Aktien wieder?

Stand: 29.04.2020, 16:20 Uhr

In den letzten Wochen haben sich vor allem zyklische Werte vom Corona-Crash erholt. Gerade Autoaktien sprangen wieder an. Ist jetzt die Zeit für Zykliker gekommen? Oder sollte man abwarten?

Die Ausgangssperre für Aktien hat nicht lange gehalten. Nach dem dreiwöchigen Kursverfall von Ende Februar bis Mitte März sind viele Titel wieder zurückgekommen, auch wenn sie noch nicht das Niveau vor dem Crash erreicht haben. Neben defensiven Titeln wie Bayer und Fresenius Medical Care haben vor allem deutsche Auto-Aktien Boden gutgemacht. Die Papiere von VW haben auf Ein-Monats-Sicht über 20 Prozent zugelegt, die Aktien von BMW und Zulieferer Conti gut 15 Prozent.

Die Lockerung der Corona-Restriktionen und das Ende des wirtschaftlichen Stillstands haben die Anleger offenbar wieder mutiger gemacht. Die Autotitel waren zuletzt getragen von der Hoffnung, dass im zweiten Quartal der Tiefpunkt in der Branche erreicht sein könnte, meint Commerzbank-Aktienstratege Andreas Hürkamp gegenüber boerse.ARD.de. Seit Montag fahren Autobauer wie VW und Daimler die Produktion wieder hoch. Zudem sind in Deutschland die Autohäuser wieder geöffnet.

"Guter Lauf könnte noch etwas weitergehen"

Porträt Jürgen Pieper

Jürgen Pieper . | Quelle: picture-alliance/dpa

"Die gute Performance der Autoaktien könnte noch ein bisschen weitergehen", glaubt Autoanalyst Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler. Er verweist auf die politische Unterstützung der Branche. Eine mögliche Kaufprämie "wird die Nachfrage anheizen", ist er überzeugt. Ein weiterer positiver Faktor sei die Erholung auf dem chinesischen Automarkt. Die zweite Märzhälfte sei besser gelaufen als vor einem Jahr. Chinas Autokonjunktur stehe nun wieder da, wo sie Anfang 2020 stand. "Der Corona-Effekt wurde im Reich der Mitte binnen kurzer Zeit aufgeholt."

Autoaktien seien langfristig gesehen nun billig, allerdings werde die Erholungsrally bald ins Stocken geraten. Im Jahresverlauf drohe eine Achterbahnfahrt, warnt Pieper. Vor allem das zweite Quartal dürfte grottenschlecht ausfallen. Daimler und VW haben bereits vor einem Quartalsverlust gewarnt.

Zyklische, also konjunkturabhängige Werte bieten meist die größten Chancen am Ende eines Crashs. So war es in der Finanzkrise 2009, als sich in den ersten drei Monaten der Erholungsrally VW und Conti besonders stark outperformten. Die große Frage ist nun, ob der Crash tatsächlich schon vorbei ist oder ob derzeit eine Bärenmarktrally stattfindet.

Das Schlimmste noch nicht vorbei

Commerzbank-Aktienstratege Hürkamp glaubt letzteres. "Der Bärenmarkt könnte durchaus noch bis zum Frühjahr 2021 dauern", warnt er. Zwar könnte der gute "Move" bei den Zyklikern noch ein bisschen andauern, aber die Erholung nach Ende des Lockdowns im zweiten Halbjahr werde schwächer ausfallen als erwartet. Der Corona-Schock werde lange dauern, bis er von den Konsumenten und Firmen verkraftet wird. So würden die Unternehmen in den nächsten ein bis eineinhalb Jahren mehr auf gesunde Bilanzen achten und auf Aktienrückkäufe, die lange Zeit einer der Treiber des Börsenbooms waren, verzichten. Zudem rechnet Hürkamp mit einer Anpassung der Wertschöpfungsketten, die teuer werden und die Gewinnmargen belasten könnte.

Frank Schwope, Analyst der NordLB

Frank Schwope NordLB. | Bildquelle: Unternehmen

Ganz von Autoaktien rät Frank Schwope, Ökonom und Autoexperte von der NordLB, ab. "Jetzt ist nicht die Zeit zum Wiedereinstieg", sagt er gegenüber boerse.ARD.de. "Autos werden nicht das Erste sein, was die Kunden nach der durchlittenen Viruskrise kaufen." Schwope glaubt, dass das Schlimmste noch nicht unbedingt erreicht ist. Schon in der Lehman-Krise und nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center in New York habe der Dax seinen Tiefpunkt erst Monate später markiert. Das könnte sich nun wiederholen, zumal die Corona-Krise viel schlimmer sei als die Finanzkrise 2008/09.

Zweifel, dass die Autobauer die Kurve bekommen und gut durch die Krise steuern, haben auch andere Experten. Ulrich Stephan, Chefanlagestratege der Deutschen Bank, glaubt, dass sich andere zyklische Werte besser entwickeln dürften als deutsche Autoaktien. Er favorisiert in der gegenwärtigen Aufwärtsbewegung Sektoren wie Industrie, Minen und Halbleiter.

Lieber VW und BMW als Daimler

Daimler: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Wer doch auf Autoaktien setzt, sollte selektiv vorgehen. Autoanalyst Pieper bevorzugt VW und BMW. VW sei auf dem Weg zum E-Mobilitätsführer. Und BMW könne immer noch mit einer relativ stabilen Nachfrage punkten. Daimler dagegen meidet Pieper eher - wie auch viele anderen Analysten. Der Autobauer hat mehrere Gewinnwarnungen abgesetzt und hängt auch bei der Elektromobilität hinterher.

Von einer deutschen "Autoprämie" würde absolut VW am meisten profitieren, weil die Wolfsburger den höchsten Marktanteil in Deutschland haben. Relativ gesehen dürften staatliche Kaufanreize besonders ausländischen Kleinwagenhersteller nützen – wie schon bei der Abwrackprämie 2009.

Tesla als Krisenprofiteur

Tesla: Kursverlauf am Börsenplatz Frankfurt für den Zeitraum Intraday
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Einig sind sich die Experten, dass Tesla am unbeschadetsten durch die Corona-Krise kommt. "Tesla ist auf dem Erfolgsweg", sagt Analyst Pieper. Der E-Autopionier sei einer der wenigen Hersteller, der im ersten Quartal beim Absatz zulegen konnte. "E-Autos à la Tesla stehen für eine Aufbruchstimmung in Post-Corona-Zeiten", meint auch NordLB-Experte Schwope. Sollte die E-Auto-Prämie noch verbessert werden, gäbe das besonders Tesla noch mehr Schub. Allerdings sind die Aktien der US-Firma schon sehr teuer.

nb