Luftbild, Neuwagen im Hamburger Hafen

Trotz geplatzten Deals zwischen Renault und FCA Konsolidierung in der Autobranche geht weiter

von Notker Blechner

Stand: 07.06.2019, 17:57 Uhr

Die geplatzte Fusion zwischen Renault und Fiat Chrysler dürfte die Konsolidierung der Autobranche nicht bremsen. Experten sind überzeugt: In Zukunft dürfte es eine Welle von Allianzen und Zusammenschlüssen kommen.

Diesel-Krise, Elektromobilität, Digitalisierung, autonom fahrende Autos: Die Branche der klassischen Autohersteller steckt im Umbruch. "Wir erleben die größten Veränderungen seit Jahrzehnten", sagt Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer vom Car-Center Automotive Research an der Uni Duisburg-Essen. Bis 2025 muss die Autoindustrie in der EU ihre CO2-Emissionen um 15 Prozent, bis 2030 gar um 37,5 Prozent reduzieren.

Elektromobilität setzt Margen und Preise unter Druck

Das brutale Diktat der EU werde dazu führen, dass alle Autohersteller rasant schnell in Richtung Elektromobilität umschwenken werden, warnte Peugeot-Chef Carlos Tavares auf dem Genfer Autosalon. Weil die Elektroautos aber weniger Marge bringen, müssten die Preise angepasst und die Kosten weiter optimiert werden. Die Folge: Einige Autobauer werden ins Trudeln geraten, prophezeit Tavares.

So dürfte Fiat Chrysler ein großes Problem in Zukunft haben. Der Konzern "ist in Europa schwach aufgestellt, hat eine überalterte Modellpalette und keine Elektrofahrzeuge in der Pipeline", weiß Autoexperte Dudenhöffer. "Man lebt bei Fiat mehr oder weniger von dem in die Jahre gekommenen Fiat 500." Mit nur 4,8 Millionen verkauften Fahrzeugen und einem dünnen Produktportfolio sei es schwer, in die Ära der Elektromobilität einzusteigen, sagt Dudenhöffer. "FCA braucht einen Partner für neue Produkte."

Kein Wunder, dass Fiat Chrysler die Flucht nach vorne suchte und eine Fusion mit Renault eingehen wollte. Nachdem die französische Regierung aber offenbar den Zusammenschluss hat platzen lassen, steht der italienisch-amerikanische Autohersteller wieder alleine da.

"Es bleibt kein Stein auf dem anderen!"

Branchenexperten rechnen damit, dass es nur eine Frage der Zeit, bis Fiat Chrysler erneut auf Brautschau geht. "In der Branche bleibt kein Stein auf dem anderen", sagt Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer. "Da wird noch viel passieren", glaubt er.

Gut möglich, das der chinesische Autohersteller Geely seine Einkaufstour in Europa fortsetzt. Die Geely-Gruppe hat bereits 2010 Volvo übernommen und die schwedische Premiummarke wieder flott getrimmt. Außerdem ist der Geely-Gründer bei Daimler beteiligt.

Ford könnte Europa-Geschäft verkaufen

Als möglicher Übernahmekandidat gilt auch Fords Europa-Sparte. Der US-Konzern muss hohe Entwicklungskosten in Deutschland stemmen. VW prüft nun mit Ford eine engere Kooperation.

Weitere Kandidaten für Übernahmen, Beteiligungen oder Fusionen könnten in den nächsten Jahren neben Ford auch Honda, Suzuki und Subaru sein, meint Autoanalyst Frank Schwope von der NordLB. Aber auch die deutschen Premiumhersteller BMW und Daimler könnten aufgrund der Größenverhältnisse gezwungen sein, zusätzliche Partnerschaften oder Kapitalbeteiligungen einzugehen.

Immer mehr Allianzen

In jüngster Zeit haben die Zusammenschlüsse und Kooperationen in der Autobranche spürbar zugenommen. So hat PSA Peugeot 2017 die angeschlagene deutsche Traditionsmarke geschluckt – mit Erfolg. Im vergangenen Jahr fuhr Opel erstmals seit langem wieder schwarze Zahlen ein. In den letzten Monaten legten BMW und Daimler ihr Carsharing-Geschäft zusammen und forschen gemeinsam an Roboterautos. VW öffnete seine Elektro-Plattform für andere Partner. In dieser Woche verkündete BMW eine Kooperation mit Jaguar Land Rover bei Elektroantrieben. Und Toyota sucht den Schulterschluss mit Subaru.

Fahrzeugentwickler bei BMW
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Zukunft des Automobils - Alles unter Strom

"Der Wettbewerb wird immer härter und zwingt zu Kooperationen", sagt Autoexperte Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management. Umweltregulierung und Digitalisierung zwingen die Autobauer dazu, stärker zusammenzuarbeiten. Die hohen Investitionen in Elektromobilität und autonomes Fahren sind selbst für große Konzerne nur schwer zu stemmen. Wer als kleiner Hersteller alleine bleibe, habe schlechte Karten, meint Bratzel. Hinzu kommen neue Player auf dem Markt: Google, Apple, Uber und die chinesischen Autobauer.

Mehr erfolgreiche als gescheiterte Übernahmen

Von den zahlreichen Allianzen oder Fusionen in den letzten beiden Jahrzehnten waren einige recht erfolgreich. Autoexperte Dudenhöffer verweist auf die Fusion von Fiat und Chrysler, die Übernahme von Volvo durch von Geely, die Allianz von Hyundai und Kia, die Übernahme von Opel durch PSA, den Kauf von Dacia durch Renault sowie den Zusammenschluss von Tata und Jaguar Land Rover. Auch das VW-Reich entstand durch erfolgreiche Übernahmen wie Skoda, Porsche und Audi.

Als Flop erwiesen sich dagegen die Übernahme von Rover durch BMW, die Fusion von Ford, Jaguar Landrover und Volvo sowie die Allianz von GM und Daewoo. Einer der größten gescheiterten Deals war sicher die Heirat im Himmel zwischen Chrysler und Daimler. "Selbstbewusste Stuttgarter und selbstbewusste Amerikaner, die in völlig unterschiedlichen Welten unterwegs waren, mussten scheitern", sagt Experte Dudenhöffer. Trotzdem sei insgesamt die Flop-Rate geringer als die Top-Rate.

Mergers klappen besonders im nationalen Rahmen

Besonders stabil scheinen Beteiligungen oder Übernahmen von Firmen aus dem gleichen Land zu sein, hat Autoanalyst Schwope herausgefunden. "Gleiche Sprache und ähnliche Unternehmenskulturen dürften dem Gelingen der Zusammenarbeit besonders zuträglich sein." Verbindungen über Ländergrenzen oder gar Kontinente hinweg seien indes oft von Misserfolg geprägt.

Schwope glaubt aber nicht, dass Größe künftig das entscheidende Kriterium in der Konsolidierung der Autowelt sein wird. Auch künftig werden kleinere Nischenplayer oder Premiumhersteller überlebensfähig sein. Die Palette der internationalen Autohersteller werde auch in der nächsten Dekade durch Vielfalt gekennzeichnet sein, prophezeit er. Schwope: "In den nächsten Jahren wird es keine Konzentration auf wenige große Autohersteller geben."