Verblasster Totenkopf auf Steinkohle

Einstieg in den Ausstieg? Keine Kohle mehr

Stand: 20.12.2018, 11:09 Uhr

Am Freitag nimmt Deutschland Abschied vom Steinkohlebergbau. Die letzte Zeche schließt. Auch mit der Braunkohle könnte bald Schluss sein. Die Politik verhandelt über den Kohle-Ausstieg. Schon jetzt ersetzen Sonne und Wind zunehmend Kohlekraftwerke. Was bedeutet das für Anleger?

Vor wenigen Tagen endete der Weltklima-Gipfel im polnischen Kattowitz - mit ziemlich ernüchternden Ergebnissen. Die Staaten verständigten sich auf mehr Geld für Klimaschutz und auf ein "Regelbuch", das festlegt, wie das vor drei Jahren beschlossene Pariser Abkommen  umgesetzt werden soll. Auf die nächste Konferenz vertagt wurde eine klare Regelung zu den CO2-Verschmutzungsrechten. Manche Schwellenländer wie Brasilien wollen sich die Zertifikate doppelt anrechnen lassen.

Kommission lässt sich Zeit mit Kohle-Ausstieg

Auch zum von Umweltschützern und manchen Politikern geforderten Kohle-Ausstieg gab es in Kattowitz keine Einigung. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) macht sich zwar stark für einen Strukturwandel ohne Kohleverstromung, doch bisher steht sie noch mit leeren Händen da. Die Kohle-Kommission hat sich noch nicht auf einen Ausstieg aus der Kohleproduktion einigen können. Als Vorreiter konnte deshalb Deutschland in Kattowitz nicht auftreten.

Dabei wird die Lage auf unserem Planeten immer dramatischer. Die Erde erwärmt sich, die Naturkatastrophen nehmen zu. In diesem Jahr wurden bereits rund 53,5 Milliarden Tonnen CO2 und andere Treibhausgase in die Atmosphäre gepustet - so viel wie nie. Die Staaten haben es immer noch nicht geschafft, weltweit den CO2-Ausstoß zu senken.

"Gefährlich wie eine Atombombe"

"Wir rasen auf eine Wand zu", warnte Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber, Professor für Theoretische Physik. Der Crash könnte letztlich das Ende unserer Zivilisation herbeiführen. Und der frühere US-Vizepräsident Al Gore lässt in seinem Vortrag auf der riesigen Videoleinwand sogar lautstark eine Atombombe explodieren, um die Unterhändler aufzurütteln.

In den USA und in mehreren Schwellenländern erlebt die Kohle sogar eine kleine Renaissance. In China, Indien und den USA gewinnt die Kohle an Bedeutung. US-Präsident Trump hat versprochen, den Krieg gegen Kohle zu beenden und die amerikanische Kohleindustrie wieder zu fördern. Türkei, Indonesien und Vietnam planen neue Kohlekraftwerksblöcke, die den Energiehunger ihrer wachsenden Bevölkerungen decken sollen.

Ökostrom zieht bei Stromerzeugung mit Kohle gleich

In Deutschland indes verliert Braunkohle immer mehr an Bedeutung. In diesem Jahr werden Wind- und Photovoltaik-Anlagen erstmals genau so viel Strom hierzulande produzieren wie Kohlekraftwerke. Beide machen inzwischen jeweils einen Anteil von 35 Prozent an der gesamten Stromerzeugung aus.

Immer mehr Anleger ziehen ihr Geld aus den Kohle-Geschäften ab. So verkündeten die Versicherer Allianz, Axa und Zurich sowie kürzlich auch der Rückversicherer Münchener Rück ihren Kohle-Ausstieg. Die Münchner Rück wird künftig nicht mehr in Aktien oder Anleihen von Unternehmen investieren, die mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes mit Kohle erzielen.

Anleger ziehen sich aus Kohle-Investments zurück

Die Divestment-Bewegung gewinnt zunehmend Anhänger. Hunderte Institutionen, Stiftungen und auch mächtige Finanzakteure wie der norwegische Pensionsfonds haben sich der Kampagne "Fossil Free " angeschlossen. Anlagestrategen warnen vor einer Carbon-Blase. "Bei den betroffenen Aktien und Marktsegmenten drohen Abwertungen von 40 bis 50 Prozent", meint Heinz-Werner Rapp, Gründer und Leiter des Feri-Instituts. Versorger wie RWE sowie die amerikanischen Kohleförderer könnten mittelfristig massiv an Wert verlieren.

Konzerne achten deshalb verstärkt auf den Value-at-Risk, den zu erwartenden Wertverlust aufgrund der schädlichen Auswirkungen des Klimawandels. Firmen wie Carbon Delta ermitteln diesen Value-at-Risk. Nach Ansicht von Carbon-Delta-Chef Oliver Marchand hat das Interesse an klimaschonenden Investments seit dem Klimagipfel im Dezember 2015 in Paris zugenommen. Im Pariser Klimaabkommen wurde vereinbart, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius zu begrenzen. In den nächsten 15 Jahren werden Expertenschätzungen zufolge 93 Billionen US-Dollar für Investitionen in eine kohlenstoffarme Infrastruktur benötigt. Staatliche Mittel alleine können den Bedarf nicht decken.

nb