Christoph Igel

Interview ''Ich wünsche mir mehr Mut und Ehrgeiz''

Stand: 02.08.2018, 13:35 Uhr

Bei der Künstlichen Intelligenz (KI) liegt Deutschland zwar auf den vorderen Forschungsrängen. Die Umsetzung in die Praxis läuft aber schleppend. Es droht die Wiederholung von Fehlern, sagt Christoph Igel, Wissenschaftlicher Leiter am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz.

boerse.ARD.de: Herr Igel, was ist für Sie das Faszinierende an der KI?

Christoph Igel: Im Kern geht es bei der Künstlichen Intelligenz nicht nur darum, PCs ein menschenähnliches Verhalten anzutrainieren, so dass diese autonom agieren können.

Von besonderem Interesse ist es dabei für uns in der Forschung, dass Menschen die Vorteile und Stärken der KI tatsächlich auch für sich nutzen können. Denn KI soll nicht den Menschen ersetzen, vielmehr ihn ergänzen, unterstützen. Bereits heute ermöglicht KI dem Menschen, zu besseren Ergebnissen zu kommen.

Zum Beispiel bei komplexen Berechnungen von Optimierungsprozessen oder Entscheidungen. Deswegen kommt die KI bereits heute schon in sehr vielen Bereichen zum Einsatz.

boerse.ARD.de: KI ist also nicht nur Zukunftsmusik. In welchen Bereichen wird die KI denn bereits angewendet?

Igel: Ein großes Anwendungsfeld für die KI ist zum Beispiel die Medizin. Bei bildgebenden Verfahren wird zusätzlich zur zweiten menschlichen Arzt-Meinung mittlerweile immer häufiger auch eine dritte Meinung der KI eingeholt, die oftmals eine sehr präzise Diagnosen ist.

Ein anderes Beispiel ist die Unterstützung durch KI in Arbeitsprozessen - etwa in der Produktion. Hier kann KI den Arbeiter bei immer komplexer werdenden Produktionsprozessen an Maschinen und Anlagen unterstützen, mit Hinweisen, mit dem Aufzeigen von Handlungsoptionen, als individuelle Assistenz sozusagen.

Und drittens wären die Sprachassistenten wie Siri oder Alexa ohne Künstliche Intelligenz überhaupt nicht möglich.

boerse.ARD.de: Es gibt einen großen internationalen Wettbewerb um die Führung bei der KI. Wie gut steht Deutschland da?

Igel: Im internationalen Vergleich belegt Deutschland einen der führenden Plätze. Hier gibt es sehr viel Forschungsintelligenz. Gute Forschung gibt es aber auch in Frankreich. Deswegen kooperieren wir als Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz etwa auch mit französischen KI-Instituten.

Aber man darf nicht vergessen, dass die USA schon immer sehr stark bei der KI waren und bis heute sind, es ist ja das Mutterland der KI. Und dass Asien sehr mutig vorangeht.

In China etwa hat man das Potenzial für die Wirtschaft und Industrie frühzeitig erkannt und investiert sehr stark. Experten werden eingekauft, auch aus Deutschland. Zugleich gibt es dort eine hohe Technologieaffinität und eine Bereitschaft, neue Technologien einzusetzen - eine wichtige Voraussetzung für Transfereffekte von KI in der Wirtschaft. Diese Bereitschaft ist in Deutschland vergleichsweise zu gering, hier ist man bislang eher verhalten.

boerse.ARD.de: Und doch hat die Bundesregierung ein Eckpunktepapier vorgelegt. Ist das etwa nichts?

Igel: Das Eckpunktepapier ist ein Anfang, die Handlungs-Roadmap wird folgen. Es fehlt mir bislang in Deutschland der Mut und der Ehrgeiz, das Aufbruchssignal, dass es nun endlich in der Wirtschaft damit losgeht.

Natürlich ist es wichtig, eine Strategie zu entwickeln. Und auch der gesellschaftliche Dialog über die Folgen und Möglichkeiten von KI muss geführt werden. Allerdings ist die KI keine ferne Zukunft mehr. Sie ist bereits da. Deswegen sollten wir erstmal machen und vor allem die kleinen und mittleren Unternehmen mitnehmen.

Denn sonst entsteht eine vergleichbare Situation wie bei der Industrie 4.0: Die Konzerne sind aktiv, die kleinen und mittleren Unternehmen sind verhalten. Dennoch haben wir bereits heute in Deutschland wichtige KI-Player wie SAP, Bosch oder Siemens. Aber die kleinen und mittleren Unternehmen wissen oft gar nicht, warum die KI für ihre Betriebe wichtig sein könnte.

Prof. Christoph Igel ist Wissenschaftlicher Direktor am Berliner Educational Technology Labs des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz. Das Labor widmet sich der Unterstützung von Bildungs-, Qualifizierungs- und Arbeitsprozessen durch innovative Softwaretechnologien.

Das Interview führte Marcus Pfeiffer.