Beleuchtete Chemiefabrik

"Anzeichen einer Erholung" Hoffnungsschimmer aus der Chemieindustrie

von Notker Blechner

Stand: 08.09.2020, 13:32 Uhr

Lichtblick für die deutsche Konjunktur: Die Chemiebranche hat nach eigenen Angaben die Talsohle durchschritten und sieht erste Anzeichen einer Erholung. Das Vorkrisen-Niveau werde allerdings frühestens Ende 2021 erreicht.

Auf eine Sache ist Christian Kullmann, der Cheflobbyist der Chemiebranche, stolz. "Die Chemieindustrie war in der Corona-Krise das Rückgrat der Hygiene-Maßnahmen", verkündet er am Dienstag auf der Halbjahres-Pressekonferenz. Mit mehr als zehn Millionen Litern habe die Branche überall in Deutschland Desinfektionsmittel zur Verfügung gestellt. Das entspricht etwa der Ladung von 300 Tanklastwagen.

Die riesige Nachfrage nach Desinfektionsmitteln konnte nicht den Produktions- und Umsatzeinbruch im ersten Halbjahr verhindern. In den ersten sechs Monaten 2020 schrumpfte der Umsatz des drittgrößten deutschen Industriezweigs um 6,1 Prozent auf 96,0 Milliarden Euro. Die Produktion ging um 2,5 Prozent zurück. Im zweiten Quartal sackte der Umsatz sogar um 11,5 Prozent ab. Kullmann spricht von einem historischen Nachfrageeinbruch.

VCI: Talsohle durchschritten

Nun aber habe die Branche die Talsohle der Rezession durchschritten, meint der Verband der Chemischen Industrie (VCI). "Wir sehen erste Anzeichen einer Erholung", sagt VCI-Präsident Kullmann. Der Evonik-Chef, der einst als Journalist anfing und dann in die Öffentlichkeitsarbeit wechselte, verweist auf den Mobilitätsindex. Dieser sei im April noch auf einem Tiefststand gewesen und laufe nun langsam wieder hoch. Das habe positive Auswirkungen auf die Auto- und Reifenproduktion, wovon die Chemieindustrie profitiere.

Die Zahl der Chemie-Beschäftigten in Kurzarbeit sank von 70.000 auf 50.000, teilte der VCI mit. Das ist ein Rückgang von 15 auf zehn Prozent.

Chemiekonzerne verbreiten Optimismus

Die Chemiekonzerne Evonik, Covestro und Lanxess hatten im August bereits ähnliche Entspannungssignale vermeldet. "Wir erkennen eine graduelle Erholung", hatte Lanxess-Chef Matthias Zachert jüngst gesagt. Covestro-Chef Markus Steilemann sprach ebenfalls von einem "intakten Trend der sequenziellen Verbesserung". Lediglich BASF zeigte sich vorsichtig beim Ausblick auf das zweite Halbjahr.

"Wenn ein erneuter Shutdown verhindert werden kann, dürfte sich die Nachfrage nach Chemikalien und Pharmazeutika im zweiten Halbjahr stabilisieren", prophezeit Kullmann, der Cheflobbyist der Chemiebranche. Für das Gesamtjahr rechnet der VCI mit einem Produktionsrückgang von drei Prozent und einem Umsatzminus von 6,0 Prozent. Das wäre das dritte Jahr in Folge mit rückläufiger Produktion.

Langer anstrengender Weg zum Vorkrisen-Niveau

Dennoch bleibe die Situation schwierig, warnte Kullmann. Der Weg zurück auf das Niveau von 2019 werde anstrengend und entbehrungsreich. Erst Ende 2021 dürfte das Vorkrisen-Niveau wieder erreicht werden, glaubt er. Ein Fünftel der VCI-Mitgliedsunternehmen geht sogar davon aus, die Corona-Krise erst 2022 überwunden zu haben.

Produktion in der Chemieindustrie

Produktion in der Chemieindustrie. | Grafik: boerse.ARD.de

Wegen der Krise sparen die Chemie-Unternehmen bei Forschung und Entwicklung. Die Branche werde ihren Rekord-Forschungsetat von rund 13 Milliarden Euro 2019 in diesem Jahr nicht erreichen, kündigte der VCI Mitte August an. Zuvor waren die Ausgaben für Forschung und Entwicklung neun Jahre lang in Folge gestiegen.

Schon vor Corona schwächelte die konjunktursensible Branche. Sie litt 2019 unter einer schwachen Industrienachfrage in Deutschland und der Abkühlung der Weltkonjunktur. Vor allem die Flaute in der Autobranche traf die Chemieindustrie hart.

Wichtiger Frühindikator für die deutsche Konjunktur

Nach dem Auto- und Maschinenbau ist die Chemie die drittgrößte Industriebranche in Deutschland. Sie gilt auch als wichtiger Frühindikator für die Konjunktur. Dementsprechend deuten Erholungssignale in der Chemieindustrie auch auf eine anziehende Gesamtkonjunktur an.

Am glimpflichsten durch die Krise kommt bisher die pharmaproduzierende Chemieindustrie. Sie verzeichnete im ersten Halbjahr nur ein leichtes Produktionsminus von 0,3 Prozent. Auch Unternehmen, die Seifen, Wasch- und Reinigungsmittel herstellen, erlitten lediglich einen Rückgang von 0,7 Prozent. Die Chemie ohne Pharma hingegen produzierte 3,6 Prozent weniger.

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BASF
Mit einer Marktkapitalisierung von 49,29 Milliarden Euro behauptet sich BASF weiter als die unangefochtene Nummer eins in Deutschland.

Die Ludwigshafener wagen jedoch noch keine Prognose für die Umsätze in 2020. „Für das zweite Halbjahr 2020 gehen wir wegen der Corona-Pandemie von hohen Unsicherheiten aus“, sagt Konzernchef Martin Brudermüller. Die wirtschaftliche Erholung und die mittel- und langfristige gesamtwirtschaftliche Entwicklung könne langsamer verlaufen als vor der Pandemie.

Die Vorsicht des BASF-Chefs ist vor allem der Aufstellung des Konzerns geschuldet. BASF hat einen großen Anteil Basischemie im Portfolio, bei der am Weltmarkt aktuell große Überkapazitäten herrschen. Der bereinigte Gewinn des Konzerns im zweiten Quartal sank um 35 Prozent. Entscheidend wird für BASF sein, wie schnell sich die Automobilindustrie als wichtigste Kundengruppe erholt.