Windkraftanlage in der Dämmerung

Flaute in der (deutschen) Windbranche Vom Winde verschmäht

von von Notker Blechner

Stand: 25.09.2018, 06:45 Uhr

In dieser Woche treffen sich Vertreter der Windenergie-Branche zur Leitmesse WindEnergy in Hamburg. Die Stimmung dürfte gedämpft sein. Weltweit werden immer mehr Anlagen aufgestellt, doch der Kostendruck wächst. Flaute herrscht auf dem deutschen Markt.

Erst war es das unbeliebte neue Auktionsverfahren, das den großen deutschen Windanlagenbauern das Geschäft vermasselte. Dann sorgte der internationale Handelskonflikt mit den USA für Verunsicherung. Und nun bremste auch noch das Wetter die Windstromproduktion. Wegen des wochenlang stabilen Hochdruckgebiets über Nordeuropa drehten sich die Windräder kaum noch, zeitweise standen sie sogar still. Im Juli produzierten die 30.000 Windräder, die in Deutschland installiert sind, 20 Prozent weniger Strom als im Vorjahresmonat.

Der Hitzesommer hat die Krise in der deutschen Windenergie-Branche weiter verschärft. Denn von der Politik kommt Gegenwind. Die Bundesregierung hat das Erneuerbare-Energie-Gesetz (EEG) reformiert und die Vergütungen drastisch gesenkt. Durch das Auktionssystem bei den Ausschreibungen für neue Anlagen sind die Preise für Windenergie eingebrochen.

Weniger neue Anlagen in Deutschland

Der Ausbau der Windenergie in Deutschland stockt. Nachdem 2017 noch Anlagen mit einer Leistung von 5,3 Gigawatt gebaut wurden, dürfte der Neubau in diesem Jahr nur bei 3,5 Gigawatt liegen. 2019 und 2020 dürfte sich das Marktvolumen sogar auf 2,0 Gigawatt reduzieren, prognostiziert der Bundesverband Windenergie (BWE).

"Wir sehen 2018 und 2019 einen Einbruch beim Zubau neuer Windparks in Deutschland", warnte unlängst Nordex-Chef José Luis Blanco. Erst ab 2020 werde das Geschäft hierzulande wieder anziehen, glaubt er.

Die Hoffnungen auf die Sonderausschreibungen erfüllten sich bisher (noch) nicht. Dabei hatten Union und SPD im Koalitionsvertrag zusätzliche Ausschreibungen in Aussicht gestellt, nachdem 2017 ausschließlich Bürgergesellschaften als günstige Anbieter den Zuschlag für neue Projekte bekommen hatten. Das Problem: Sie haben bis zu 54 Monate Zeit für die Umsetzung der Vorhaben - zwei Jahre mehr als bei konventionellen Projekten. Die Branche befürchtet, dass sie sich Zeit lassen mit der Bestellung neuer Windräder.

Kostendruck und Stellenstreichungen

Nicht nur Deutschland, sondern auch in vielen anderen Teilen der Welt werden die Subventionen für Windstrom gekappt. Von Indien bis in die USA sinken die Vergütungen. Das führt zu steigendem Kostendruck in der Branche. "Wir durchleben turbulente Zeiten", haderte unlängst Enercon-Chef Hans-Dieter Kettwig.

Die Folge: Die Windanlagenbauer Enercon, Nordex und Senvion müssen Stellen streichen. Vor kurzem kündigte der deutsche Marktführer Enercon an, über 800 Arbeitsplätze abzubauen - wegen der angespannten Marktsituation in Deutschland und einer stärkeren Ausrichtung auf das Ausland. Die Gewerkschaft IG Metall sprach von einem harten Schlag für den Nordwesten Deutschlands.

Nach Angaben der IG Metall Küste sind seit Anfang 2017 mindestens 2.000 Jobs in der Branche in Norddeutschland weggefallen. Senvion, Powerblades und Carbon Rotec mussten Werke schließen.

Zusätzlich nimmt die Konkurrenz zu. Immer mehr neue Akteure wie klassische Versorger, Versicherungen und Investmentfonds mischen im Windenergie-Markt mit. Darüber hinaus drängen auch chinesische Anbieter zunehmend auf den Weltmarkt, da auf dem Heimatmarkt Überkapazitäten entstanden sind.

Gegenwind für Wind-Aktien

An der Börse gab es für die Wind-Aktien heftigen Gegenwind. Die Titel von Nordex sind auf Zwei-Jahres-Sicht um gut 65 Prozent eingebrochen. Die Papiere von Senvion büßten 60 Prozent ein. Selbst der Kurs von Siemens Gamesa halbierte sich in den letzten zwei Jahren. Immerhin: Seit Jahresbeginn haben sich die Windaktien stabilisiert.

Einen kleinen Hoffnungsschimmer gab es bei der jüngsten Ausschreibungsrunde in Deutschland. Im Mai lag der Durchschnittspreis für eine Kilowattstunde (Kwh) Windstrom an Land bei 4,7 Cent - das ist fast ein Cent mehr als noch im Dezember 2017. Siemens-Gamesa-Chef Markus Tacke sieht darin Anzeichen für ein Ende des Preiskampfs, auch wenn eine Schwalbe noch keinen Frühling mache. Andere Experten glauben ebenfalls, dass die Preise ihren Boden gefunden haben, und sprechen von einer Trendwende.

Ob tatsächlich der Gegenwind für die Branche abnimmt, könnte sich auf der Messe zeigen. Mehrere Vertreter der führenden Windanlagenbauer werden auf der Konferenz der Welt-Leitmesse WindEnergy über die aktuelle Marktlage referieren.