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Übernahmen, Kooperationen, Börsengänge Fintech: Spreu und Weizen

Stand: 31.08.2018, 16:19 Uhr

Kaum ein Sektor wird so sehr von der viel beschworenen "Digitalisierung" durchdrungen wie der Finanzbereich. Und in kaum einem Bereich werden Geschäftsmodelle so schnell einem Realitätscheck unterzogen: Hier Milliardendeals, dort Insolvenzen. Die Startup-Szene wird erwachsen.

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Hier viel Licht, dort ein wenig Schatten: Während der Internet-Zahlungsdienstleister Wirecard die Deutsche Bank an Börsenwert überrundet hat und kurz davor steht, in den Dax aufzusteigen, sieht es bei anderen "Entrepreneuren" in der FinTech-Szene weniger erfreulich aus: Binnen weniger Tage mussten zwei Unternehmen aus der Zahlungsbranche die Segel streichen und Insolvenz anmelden. Beide ermöglichen Zahlungen von Handy zu Handy (P2P), ohne dass eine Bank dazwischen geschaltet werden muss: Das Berliner Finanz-Startup Cringle und auch Lendstar aus Starnberg stellten Insolvenzanträge. Während Lendstar keinen Käufer fand, kooperiert Cringle mit mehreren Direktbanken, die App besteht vorerst weiter.

Banken können auch Fintech

Der geschäftliche Misserfolg ein paar Jahre nach dem Launch einer neuen Finanzanwendung ist für die Unternehmen und auch deren Investoren stets eine Option. Ob sich eine Idee irgendwann auch profitabel am Markt platzieren lässt, muss stets der harte Realitätscheck zeigen. Die beiden Zahlungsdienstleister konnten dabei wohl einerseits nicht genügend Kunden gewinnen und Transaktionen abwickeln, ihnen saß zuletzt auch harte Konkurrenz aus dem Finanz-"Establishment" im Nacken. Selbst Sparkassen und Volksbanken haben inzwischen ein Handy-zu-Handy-Zahlsystem im Angebot.

Wirecard-App Boon auf Smartwatch

Wirecard-App Boon auf Smartwatch. | Bildquelle: picture alliance/Sven Hoppe/dpa

Bei der technischen Seite der Zahlungsabwicklung spielt auch im Jahr 2018 die ganz große Musik im Fintech-Sektor. In Deutschland ist ein weltweit agierender Konzern entstanden, der von der Digitalisierung von Zahlungsvorgängen mit enormen Wachstumsraten aufwartet: Bei Wirecard werden Milliarden an Transaktionen in Euro, Dollar, Yen oder Yuan abgewickelt. Das Unternehmen hat es auch geschafft, eine Kooperation mit dem chinesischen Giganten Alipay zu schmieden. Mit einem Börsenwert von 23 Milliarden Euro ist Wirecard inzwischen der wertvollste deutsche Finanzdienstleister überhaupt.

Eine Million Kunden für Smartphone-Bank

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Nach Bewertungen am Kapitalmarkt nächstgrößeres Fintech-Unternehmen ist die "mobile" Bank N26, die sich ganz auf Banking per Smartphone fokussiert hat. Der Unternehmenswert von derzeit 750 Millionen Euro errechnet sich aus dem Wert der letzten Anteilskäufe. N26 hat nach eigenen Angaben inzwischen die Zahl von einer Million Kunden in 17 Ländern überschritten. Die Allianz hat sich im März an einer Finanzierungsrunde in Höhe von 160 Millionen Euro beteiligt. Ob sich die Millionen an investiertem Kapital für die Geldgeber einst auszahlen, ist freilich auch hier nicht sicher. N26 liefert bislang keine aktuellen Geschäftszahlen, der Geschäftsbericht für das Jahr 2016 weist noch Millionenverluste aus.

Screenshot der Savedo-Website

Savedo-Screenshot. | Bildquelle: Unternehmen

Auf eine halbe Milliarde Euro bringt es inzwischen auch Deposit Solutions aus Berlin, nach einer neuen Finanzierungsrunde über 100 Millionen Euro. Der Spezialist für kurz- und langfristige Zinsanlagen hat in den vergangenen Jahren mit seinen Marken Zinspilot und Savedo Millionen Sparer für sich gewonnen. Über eine Reihe von Bankenkooperationen, unter anderen mit der Deutschen Bank, hat das Unternehmen nach eigenen Angaben Anlegergelder in Höhe von mehr als neun Milliarden Euro vermittelt. Mit den frischen Investorenmitteln wird nun die internationale Expansion vorangetrieben.

Die Musik spielt zunehmend in China

Das geschieht auch durch Millionen oder Milliarden von Anlegergeldern, die bei Fintech-Börsengängen in den vergangenen Monaten eingesammelt wurden. Weltweit, so hat die Beratungsgesellschaft KMPG ausgerechnet, sind allein im ersten Halbjahr knapp 58 Milliarden Dollar in die Finanzierung von Fintechs geflossen. Spitzenreiter war eine 14-Milliarden-Dollar-Runde der Alibaba-Tochter Ant Financial in China.

Hierzulande haben in den vergangenen beiden Jahren der Trading-Anbieter Naga und kürzlich der Kreditvermittler Creditshelf den Sprung an die Börse gewagt. Im Fall von Naga war der Kauf der Aktie für Anleger bislang ein mittleres Desaster, die Creditshelf-Aktie hält sich sechs Wochen nach dem IPO fast exakt auf dem Ausgabepreis von 80 Euro. Auch wenn Börsengänge noch eher die Ausnahme in der Fintech-Szene sind, für Anleger und Investoren ist der Schritt aufs Börsenparkett generell zu begrüßen. Denn dann müssen aktuelle Geschäftszahlen veröffentlicht werden, und die müssen irgendwann zeigen, dass die "disruptive" Unternehmensidee auch irgendwann Profite abwirft.

AB

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Tops und Flops im Fintech-Sektor Eine volatile Branche

Ant Financial

Ant Financial
Mit einer Ameise als Firmen-"Wappen" entsteht derzeit in China ein Finanzgigant. Der Betreiber des chinesischen Bezahldienstleisters Alipay, Ant Financial, seinerseits Tochter von Alibaba, hat zuletzt 14 Milliarden Dollar eingesammelt. Damit gilt das Unternehmen schon jetzt als teuerstes Fintech der Welt. Das Ziel ist vorgegeben: Expansion in die ganze Welt.