Bankenskyline Frankfurt und EZB-Plakette

Besser aufgestellt als nach der Finanzkrise Europas Banken überstehen den "Stresstest"

von Notker Blechner

Stand: 02.11.2018, 18:20 Uhr

Zeugnistag für Europas Banken: Beim mit Spannung erwarteten Stresstest sind die größten Geldhäuser mit einem blauen Auge davon gekommen. Besonders schwach schnitten die deutschen und britischen Banken ab. Wie sinnvoll ist ein solcher Stresstest?

In den Bankentürmen in Frankfurt, Mailand, Paris und Madrid dürfte die Erleichterung groß sein. Europas Top-Banken sind für die nächste Krise gut gewappnet. Das zumindest ergab der dritte Bankenstresstest, den die europäische Bankenaufsicht EBA am Freitagabend veröffentlichte. In den vergangenen Monaten hatten die Bankenaufseher die größten Geldhäuser in der EU durchrechnen lassen, wie widerstandsfähig sie im Fall eines kräftigen Konjunktureinbruchs wären. Entscheidend war die Frage, ob ihr Eigenkapital reichen würde, eine Rezession zu verkraften.

Alle kommen durch

Das Ergebnis ist auf den ersten Blick erfreulich: Alle der 48 "gestressten" Geldinstitute aus 15 EU-Ländern und Norwegen überstanden den Test. Bei dem simulierten Stresstest fiel ihre harte Kernkapitalquote (CET1) nicht unter die kritische Schwelle von 5,5 Prozent. Die 48 Banken stehen für 70 Prozent des Bankenmarktes in der Europäischen Union. Unter den 48 Instituten sind 33 im Euroraum, die von der EZB beaufsichtigt werden.

Das schlechteste Zeugnis erhielten die britische Barclays Bank und die italienische Banco BPM. Barclays erreichte im schlimmsten simulierten Krisen-Szenario eine harte Kernkapitalquote von 6,37 Prozent, die Banco BPM kam auf 6,67 Prozent.

NordLB schlechtestes deutsches Institut

Von den acht getesteten deutschen Banken schnitt die NordLB am schlechtesten ab. Bei einer heftigen Wirtschaftskrise würde ihre harte Kernkapitalquote auf rund sieben Prozent fallen. Die Landesbank aus Hannover verfügt über die dünnste Kapitaldecke von allen acht teilnehmen deutschen Geldinstituten. Sie sitzt auf einem Portfolio von 7,7 Milliarden Euro an faulen Schiffskrediten. Stößt sie diese ab, wird sie wegen des erwarteten Abschlags weiteres Kapital benötigen. Ende Juni hatte die NordLB immerhin eine harte Kernkapitalquote von 12,4 Prozent.

Die Deutsche Bank kam mit einem blauen Auge davon. Im strengsten Szenario des Bankenstresstests müsste sie einen Rückgang der harten Kernkapitalquote auf 8,14 Prozent hinnehmen. Die Commerzbank hätte noch 9,93 Prozent ihres Eigenkapitals zur Verfügung.

Deutsche Bank will nichts ändern

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Die Deutsche Bank kritisierte das simulierte Krisenszenario. Im Test seien bereits abgearbeitete Probleme mit einbezogen worden, monierte Finanzchef James von Moltke. So sei der schon weit fortgeschrittene Abbau des Derivate-Portfolios sowie der abgeschlossene Verkauf der polnischen Tochter einfach fortgeschrieben worden. Ohne diese Sonderfaktoren wäre das Ergebnis für die Deutsche Bank deutlich besser ausgefallen. An seinrm Kurs hält das Frankfurter Geldinstitut unbeirrt fest. "Wir werden nach dem Stresstest nichts daran ändern, wie wir die Banken managen", erklärte von Moltke.

Nach Meinung von Bundesbank-Vorstand Joachim Wuermeling haben die deutschen Institute den Gesundheitscheck trotzdem gut überstanden. Der simulierte Einbruch der Weltwirtschaft habe sich besonders stark auf die exportlastige deutsche Wirtschaft ausgewirkt. "Die positive Nachricht ist, dass die deutschen Banken diesen Stress gut verkraften können." Wuermeling ist für die Bankenaufsicht zuständig. Insgesamt seien die deutschen Banken mit einem "blauen Auge davongekommen", meinte auch Dorothea Schäfer vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.

Griechische Banken schon vorher getestet

Zusätzlich nahm die Europäische Zentralbank (EZB) im Frühjahr die vier großen griechischen Banken unter die Lupe. Für sie wurden schon im Mai Ergebnisse veröffentlicht. Bei keiner der vier Hellas-Banken stellte die EZB eine Kapitallücke fest.

Parallel zu dem EBA-Test hat die EZB als zentrale Bankenaufsicht für den Euroraum einen nahezu identischen Stresstest für weitere 54 Institute durchgeführt, die sie direkt beaufsichtigt. Unter diesen 54 Instituten sind 11 deutsche, darunter die Dekabank als Vertreter des Sparkassenlagers. Die Ergebnisse dieses parallelen Stresstests wurden nicht veröffentlicht. Laut der italienischen Zeitung "Il Sole 24 Ore" fiel die Banca Carige aus Genua hier durch. Ihre harte Kernkapitalquote rutschte unter die Schwelle von 5,5 Prozent.

Was wurde getestet?

Getestet wurde - auf Basis der Bilanzen Ende vergangenen Jahres - die Widerstandsfähigkeit der Banken im Falle eines kräftigen Konjunktureinbruchs. Im Krisenszenario wurde unterstellt, dass Europas Wirtschaft in den Jahren 2018 und 2019 um 1,2 Prozent beziehungsweise 2,2 Prozent schrumpft und 2020 wieder um 0,7 Prozent wächst. Über den Drei-Jahres-Zeitraum ergibt sich somit ein Rückgang des Bruttoinlandsprodukts in der EU um 2,7 Prozent. Die Arbeitslosenquote läge in dem sogenannten adversen Szenario im Jahr 2020 in der EU bei 9,7 Prozent - eine Steigerung um 3,3 Prozentpunkte zur Basisannahme. Die Preise für Wohnimmobilien würden in dem Krisenszenario über die drei Jahre um 19,1 Prozent abrutschen. Simuliert wurde zudem, wie sich die Institute bei einem Einbruch der Aktien- und Anleihenkurse schlagen oder bei einem starken Währungsverfall.

Bankenaufsicht

Die zentrale Bankenaufsicht ist unter dem Dach der Europäischen Zentralbank eingerichtet und hat Ende 2014 ihre Arbeit aufgenommen. Davon betroffen sind die größten 128 Geldinstitute der Eurozone, darunter 24 Banken aus Deutschland. Alle zwei Jahre unterziehen die Aufseher die Institute einem so genannten Stresstest, um zu erfahren wie "sturmfest" die Banken in Krisenzeiten sind, etwa wenn irgendwo eine Immobilienblase platzt oder ein großes Kreditinstitut zusammenbricht.

Neben einer allgemein angenommenen Verschlechterung des Bruttosozialprodukts gibt es auch länderspezifische Szenarien. Das hat mit der jeweiligen Stärke der entsprechenden Volkswirtschaft und ihrer Banken zu tun. Zum Beispiel musste der simulierte Wirtschaftsabsturz in Deutschland in dem Test deutlich stärker ausfallen als in Italien, um die deutschen Banken einem vergleichbaren Stress auszusetzen wie die italienischen Häuser.

Strengerer Test als in den USA

Experten und der Bankenverband BdB halten den Stresstest für noch strenger als die vorherigen Belastungsproben in Europa. Laut EBA ist er auch strenger als vergleichbare Tests der amerikanischen Notenbank Federal Reserve bei den US-Banken. Härter als frühere Checks war die Prüfung dieses Mal zudem, weil neue, strengere Rechnungslegungsvorschriften verwendet werden. Diese führen bei den Banken dazu, dass sie früher Vorsorge für ausfallgefährdete Kredite treffen müssen. Allerdings dürfen sie gegenrechnen, wenn sie bei solchen Krediten wenigstens noch Zinsen, aber keine Tilgung mehr bekommen. Für manche Banken ist das ein Vorteil.

Bankenprofessor Jan-Pieter Krahnen von der Frankfurter Goethe-Universität hält den Stresstest für wenig hilfreich. Er kritisiert, dass die Ergebnisse öffentlich gemacht werden. Würden sie intern ausgewertet, könnte die Aufsicht die Banken härter und umfassender behandeln.

Anders als in der Schule konnte beim Stresstest keine Bank durchfallen - zumindest auf den ersten Blick. Allerdings werden die Aufseher die Ergebnisse verwenden, um den einzelnen Banken im Zweifel Vorgaben zu machen. Die geforderten Kapitalzuschläge werden jedoch nicht publik gemacht - es sei denn, die Banken tun dies selbst.

Was sind die Folgen?

Freilich: Indirekt werden Investoren, Gläubiger, Ratingagenturen und nicht zuletzt die Öffentlichkeit Rückschlüsse auf die Stabilität jedes einzelnen Instituts ziehen können. Sinkt nämlich die Kapitalquote bei dem Test unter den kritischen Wert von 5,5 Prozent, ab dem keine Boni und keine Dividende ausgeschüttet werden dürfen, offenbart das Probleme.

Das ein oder andere Institut dürfte bei der Kapitalausstattung nachbessern müssen. Zu dieser Einschätzung kommen Wirtschaftsberater. Zwar habe die europäischen Bankenlandschaft insgesamt die Belastungsprobe der Aufseher bestanden, sagte Pwc-Finanzexperte Philipp Wackerbeck. "An einzelne europäische Banken dürften die Regulatoren dennoch herantreten und eine Kapitalstärkung oder einen Risikoabbau verlangen."

Insgesamt stehen Europas Top-Banken besser da. Die europäischen Institute seien besser für eine neue Wirtschafts- und Finanzkrise gerüstet als noch vor einigen Jahren, konstatierte die EBA am Freitag. Beim ersten Stresstest 2014 fielen 25 von 130 untersuchten Geldinstituten durch. Das größte aktuelle Sorgenkind sind Italiens Banken. Sie sitzen auf einem riesigen Berg fauler Kredite. Kreditausfälle im Falle einer neuen Wirtschaftskrise würden sie hart treffen. Schon jetzt leiden sie unter den steigenden Risikoaufschlägen von italienischen Staatsanleihen gegenüber deutschen Bundesanleihen.

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