Hochhaustürme mit kaputter Europafahne als Himmel

Zehn Jahre nach der Finanzkrise Europas Banken bedrohlich schwach

Stand: 19.09.2018, 11:25 Uhr

Was für ein Befund: Der seit Jahren andauernde Niedergang der europäischen Großbanken hat sich auch im vergangenen Jahr fortgesetzt - schreibt die Unternehmensberatung Bain in ihrer jüngsten Studie.

So sei es im vergangenen Jahr nur einem der zehn größten Kreditinstitute auf dem alten Kontinent gelungen, seine finanzielle Position zu verbessern. Das zeigt die neueste Studie der Unternehmensberatung Bain & Company, für die insgesamt 100 Banken untersucht wurden.

Das Problem der meisten großen Geldhäuser in Europa seien die im internationalen Vergleich zu hohen Kosten, betont Dirk Vater, Bain-Partner und Leiter der Praxisgruppe Banken in Deutschland, Österreich und der Schweiz. So liegt die Cost-Income-Ratio der zehn größten Institute in Europa mit 69 Prozent ganze neun Prozentpunkte über dem Durchschnitt der anderen Banken.

Viel zu hohe Kosten

"Nur wenn sich die großen Banken endlich auf profitable Kundensegmente und Geschäftsfelder konzentrieren und ihre Digitalisierung entschlossen vorantreiben, können sie den Wiederaufstieg schaffen", erklärt Vater.

Branchenweit sank die Cost-Income-Ratio 2017 um drei Prozentpunkte auf 60 Prozent, das heißt die Banken mussten 60 Cent ausgeben, um einen Euro zu verdienen. Wobei die deutschen Banken von solchen Werten nur träumen können. So lag die Cost-Income-Ratio bei der Deutschen Bank im zweiten Quartal bei 87,8 Prozent. Bei der Commerzbank sieht es kaum besser aus. Damit hinken die heimischen Geldhäuser nicht nur den amerikanischen, sondern auch den meisten europäischen Konkurrenten weit hinterher.

Bedrohliche Lage

Der Befund spiegelt auch das Misstrauen der Investoren gegenüber der europäischen Finanzbranche wieder. Eine Umfrage der britischen Bank Barclays unter Anlegern zeigt, dass sie europäische Finanztitel in ihren Portfolien deutlich untergewichten. Die Sorge ist zu groß, dass diese Aktien in den kommenden zwölf Monaten sehr viel schlechter abschneiden werden als der Gesamtmarkt.

Wie bedrohlich die Lage einzelner Kreditinstitute schon heute ist, zeigt die Studie von Bain anhand eines Bewertungsmodells. Es umfasst drei Dimensionen und gibt so einen umfassenden Überblick über die Robustheit der Geschäftsmodelle der einzelnen Banken: Gewinn- und Verlustrechnung, Bilanz sowie Rahmenbedingungen. Die Bain-Analyse basiert auf den Abschlüssen der Institute selbst, aber auch auf Daten von externen Anbietern wie dem Finanzportal SNL Financial oder der Ratingagentur Moody's. Die Ergebnisse lassen sich in vier Kategorien einteilen:

1.   Gewinner: 32 Prozent der Banken weisen bei nahezu allen Kennzahlen bessere Werte aus als die Konkurrenz. Dabei handelt es sich vor allem um Häuser aus Belgien, den Niederlanden und Skandinavien. Allerdings zählten zuletzt nur noch 38 Prozent der Institute zu dieser Kategorie.

2.   Schwächen im Geschäftsmodell: 23 Prozent der Banken kämpfen mit Defiziten in ihren Geschäftsmodellen, verfügen aber zumindest über eine robuste Bilanz. Dies gilt insbesondere für deutsche und britische Institute.

3.   Schwächen in der Bilanz: 19 Prozent hinken bei den Bilanzkennzahlen hinterher. Solche Schwächen machen Banken verwundbar und bringen sie in die Nähe der Kategorie Sorgenkinder. In dieser Gruppe befinden sich vor allem spanische Häuser.

4.   Sorgenkinder: 26 Prozent der Banken sind laut Bain in besorgniserregendem Zustand – ein Wert, der nur zwei Prozentpunkte unter dem Niveau des Vorjahres liegt. Hier finden sich speziell italienische, griechische, portugiesische und zypriotische Institute. Sämtliche Banken, die in den vergangenen zehn Jahren gescheitert sind, sowie zahlreiche Häuser, die an Zusammenschlüssen beteiligt waren, sind zuvor in dieser Kategorie gewesen.

Ausweg Konsolidierung

Bain-Partner Vater sieht aus dieser Misere nur einen Ausweg: die Konsolidierung. Wer unabhängig bleiben wolle, benötige vor allem finanzielle Stärke. Und die wiederum sei eng mit loyalen Kunden verknüpft. Die wiederum gehen lieber zu den gut dastehenden Instituten als zu den Sorgenkindern.

Auch viele Analysten halten eine Fusion für die beste Lösung der Probleme - allen voran in Deutschland. Hier müssen sich die privaten Banken den Markt noch immer mit den dominierenden öffentlich-rechtlichen und genossenschaftlichen Häusern teilen. Ein Zusammenschluss von Deutscher Bank und Commerzbank erscheint deshalb für viele Experten der einzige Ausweg aus der Krise.

lg