Cloud Computing

Sensible Daten in den Wolken Europa im Visier der Cloud-Giganten

von Thomas Spinnler

Stand: 23.01.2019, 06:45 Uhr

Der Markt für Dienstleistungen und Infrastruktur rund um die sogenannte Cloud sorgt bei den großen Playern wie Amazon und Microsoft für fantastische Wachstumsraten. Europa ist bei diesem Rennen weit zurückgefallen. Die Musik spielt wieder einmal in den USA und in China.

Es ist ein Markt, der den Anbietern Milliarden in die Kassen spült. Die beiden Big Player im Cloud-Infrastruktur-Markt sind Unternehmen, die eher in anderen Zusammenhängen bekannt sind. Amazon beispielsweise wird vorwiegend als Onlinehändler gesehen. Tatsächlich aber ist die Sparte Amazon Web Services (AWS) weltweit führend im Cloud-Segment. Rund 32 Prozent betrug der globale Marktanteil im dritten Quartal 2018, hat das Research-Unternehmen Canalys ausgerechnet.  

Top 10 Cloud-Anbieter

Top 10 Cloud-Anbieter. | Bildquelle: Canalys estimates, Grafik: boerse.ARD.de

Fantastisches Wachstum

Das jährliche Wachstum von AWS im Cloud-Markt habe in den vergangenen zehn Quartalen im Schnitt etwas weniger als 50 Prozent betragen, meint John Dinsdale, Chefanalyst bei der Synergy Research Group. Im dritten Quartal 2018 legten Amazons Erlöse im Segment um satte 46 Prozent auf knapp 6,7 Milliarden Dollar zu.

Die globale Nummer zwei ist der Software-Konzern Microsoft. Die Zahlen von Microsoft Azure werden nicht im Einzelnen aufgeführt. Fachleute schätzen aber, dass Microsofts Cloud-Sparte im engeren Sinne, eben Azure, bereits sieben Prozent zu den jährlichen Erlösen beisteuert, in Summe mehr als sieben Milliarden. Und das Wachstum ist geradezu gigantisch. Im ersten Quartal 2018/19 sank es zwar von 89 Prozent auf 76 Prozent. Zuvor hatte es aber regelmäßig solide über 90 Prozent gelegen. Microsoft rückt Amazon also immer näher. Mit einem Marktanteil von acht Prozent belegt Google Cloud den dritten Rang. Platz vier belegt der chinesische Konkurrent Alibaba.

Was macht die Cloud so interessant?

Cloud-Anbieter stellen den Unternehmen oder Privatpersonen per Vermietung Rechenkapazitäten und Speicherplatz bereit, auf die sie über das Internet zugreifen können. Die Daten werden praktisch über eine bestimmte Software auf den Server eines Cloud-Anbieters hochgeladen und können dort auch wieder abgerufen werden. Es ist also so etwas wie eine Plattform für die IT-Abteilung. Für die Unternehmen besteht der Charme dieser Lösung darin, dass sie flexibler sind und Kosten sparen für die Pflege und Unterhaltung von eigenen Rechenzentren. Die Anbieter hingegen können mit langfristig planbaren Einnahmen rechnen.

Dominanz daheim

Die Marktforschungsfirma Gartner rechnet übrigens für die gesamte Cloud-Industrie, das umfasst beispielsweise die Segmente „Infrastructure as a Servive“ (IaaS), „Platform as a Service“ (PaaS) und „Software as a Service“ (SaaS), mit einem Wachstum von 305 Milliarden Dollar im Jahr 2018 auf 411 Milliarden 2020.

Angesichts der sensiblen Daten, die auf den Servern liegen, oder anders gesagt, in den Wolken schweben, ist es vielleicht ganz interessant zu wissen, dass die Anbieter von Infrastruktur-Diensten in den USA und China vor allem die Heimatmärkte dominierten, wie Canalys-Experte Daniel Liu feststellt. Es sei auch unwahrscheinlich, dass sich dies angesichts des aktuellen politischen Klimas bald ändere, so Liu. Der Wettkampf um Marktanteile werde daher eher in anderen Regionen wie in Europa, im Nahen Osten oder in Asien geführt.

Amazon Web Services

Amazon Web Services: Die Numer eins in der Welt. | Bildquelle: Imago

Bauboom bei den Rechenzentren

Vor allem müssen die erforderlichen Kapazitäten geschaffen werden, also Rechenzentren. Der Begriff Cloud suggeriert zwar, es würde sich um eine wunderbar luftige, beinahe immaterielle Sache handeln. Tatsächlich besteht die Infrastruktur aus riesigen Serverfarmen, die soviel Strom verbrauchen wie ganze Kleinstädte.   

Die Synergy Research Group hat gezählt, dass im vergangenen Jahr die Anzahl der Rechenzentren weltweit um elf Prozent auf 430 gestiegen ist. Die USA und Hongkong verzeichneten dabei die die größte Anzahl von Zugängen. Die führenden Cloud-Anbieter Amazon, Microsoft, Google und IBM seien global besonders präsent und betrieben 55 oder mehr Rechenzentrumsstandorte. John Dinsdale von Synergy stellt in einer aktuellen Analyse fest, es sei kein Ende des Baubooms in Sicht.

Europa im Visier

Natürlich ist Europa besonders interessant. Auch hier erwarten Fachleute zweistellige Wachstumsraten, zumal der alte Kontinent in Sachen Cloud hinter den USA zurückhängt. AWS verstärkt derzeit die Präsenz in Schweden, Microsoft Azure plant zwei neue Datenzentren in Norwegen. Alibaba ist in Europa seit 2018 in London vertreten und eröffnete unlängst ein zweites Datencenter in Indonesien.

Google-Serverfarm in Hamina, Finnland

Google-Serverfarm: "Wettrennen um ökonomischen und politischen Einfluss". | Bildquelle: picture alliance / dpa

Die Expansion von in den USA und in China basierten Cloud-Infrastrukturdiensten sei Teil eines Wettrennens der beiden Länder um ökonomischen und politischen Einfluss, kommentiert Canalys-Experte Liu.

Es gebe keine europäischen Megacloud-Provider, unterstrich Lauren Nelson, Analyst bei der Research-Firma Forrester gegenüber dem US-Sender CNBC. Das bedeute, Unternehmen müssten sich entweder für einen großen US-Cloud-Konzern entscheiden oder für einen kleineren Anbieter. Oder für einen chinesischen? Dass die Daten absolut sicher vor unerwünschtem Zugriff sind, sei es durch kriminelle Hacker, durch Geheimdienste oder durch Konkurrenten, werden natürlich alle behaupten.  

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Die Top 5 Cloud-Anbieter Rangliste nach Marktanteilen

Amazon Web Services

Nr. 1 Amazon
Nummer eins im milliardenschweren Cloud-Geschäft ist Amazon mit seiner Sparte AWS (Amazon Web Services). Der Online-Händler kam laut der Statistik des Research-Unternehmens Canalys im dritten Quartal auf einen weltweiten Marktanteil von 32 Prozent.