Hand mit Ein-Cent-Stück

Tabubruch Minuszinsen für Tagesgeld-Anleger

von Marc Stephan

Stand: 20.11.2019, 14:45 Uhr

Es ist passiert: Die erste Bank in Deutschland erhebt Minuszinsen ab einem Cent Einlagevolumen. Bisher galten Negativzinsen bei Tagesgeld-Konten als tabu.

Die Volksbank Fürstenfeldbruck macht bundesweit Negativ-Schlagzeilen: Als erste Bank in Deutschland erhebt sie ab dem ersten Cent Einlagevolumen ein Verwahrentgelt in Höhe von minus 0,5 Prozent. Betroffen sind davon vorerst nur Tagesgeldkonten, die seit dem 1. Oktober dieses Jahres eröffnet wurden. Bisherige Minuszinsen wurden meist erst ab einem Einlagevolumen von mindestens 100.000 Euro auf dem Giro- oder Tagesgeldkonto erhoben.

Abwehr von Neukunden

Das Vorgehen der Volksbank in der Nähe von München demonstriere nach Ansicht des Genossenschaftsverbands Bayern (GVB) die paradoxen Folgen der Niedrigzinspolitik der EZB: Laut GVB-Präsident Jürgen Gros, müssten Banken versuchen, mit Hilfe von Negativzinsen neue Kunden abzuwehren, die Geld anlegen wollen. Viele Institute hätten ohnehin einen Überhang an Einlagen und bereits Schwierigkeiten, diese Gelder rentierlich anzulegen.

Stempel mit Minuszinsen-Schriftzug

Minuszinsen werden immer häufiger erhoben. | Bildquelle: colourbox.de

Der GVB-Präsident nimmt die Volks- und Raiffeisenbanken in Schutz: "Faktisch aber geht es darum, gegenüber Neukunden ein Signal zu setzen, deren Einlagen Kosten verursachen würden", sagte Gros der Deutschen Presse-Agentur.

Banken sind auf Weitergabe der Zinsen angewiesen

Schon lange beklagten deutsche Banken, dass sie Negativzinsen zahlen müssen, wenn sie überschüssige Spargelder ihrer Kunden bei der Notenbank parken. Aktuell liegt die Gebühr dafür bei minus 0,5 Prozent. Dass Banken die Negativzinsen an ihre Kunden weitergeben, galt lange als Tabu. Zu groß war die Angst vor der Reaktion der Kunden. Immer häufiger scheint dieses Tabu nun zu fallen. Gegenüber dem "Handelsblatt" sagte ein Bankvorstand, dass Banken es sich schlicht nicht leisten können, ihre Kunden dauerhaft vor Negativzinsen abzuschirmen.

Strategiepapier der Volks- und Raiffeisenbanken

Ganz überraschend kommen die Negativzinsen auf neue Tagesgeldkonten bei der Volksbank in Fürstenfeldbruck aber nicht: Bereits Ende Oktober dieses Jahres war ein Strategiepapier des Bundesverbandes deutscher Volks- und Raiffeisenbanken bekannt geworden, welches seinen Mitgliedern unter anderem rät, wie die Option von Strafzinsen gegenüber den Kunden kommuniziert werden könnte.

Volksbank-Filiale in Solingen

Bundesverband erarbeitete Strategiepapier . | Bildquelle: Imago

Aus Sicht des Verbandes seien negative Einlagezinsen "eine der denkbaren geschäftspolitischen Optionen". "Schon allein mit Blick auf die Verpflichtung zur ordnungsmäßigen Geschäftsführung muss ein Bankvorstand dauerhaften Verlusten (...) durch geeignete unternehmerische Entscheidungen entgegenwirken", erklärte der Verband.

Bestandskunden sind (vorerst) geschützt

Bisher traf die Minuszins-Regelung nur Neukunden. Das liegt daran, dass die Geldinstitute von Bestandskunden eine Zustimmung brauchen, um auf deren Einlagen Minuszinsen zu verlangen. Sollten die Kunden dem nicht zustimmen, dürfen die Banken den bestehenden Vertrag aber auch kündigen.

Ende der Negativzinsen nicht in Sicht

Ein Ende der Negativzins-Periode ist mittelfristig nicht in Sicht. Die meisten Experten gehen davon aus, dass sich an der derzeitigen Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) auch unter Christine Lagarde nicht viel ändern wird. Immer mehr Geldinstitute sehen sich gezwungen, ihre Strafzinsen auf die Sparer umzulegen. Somit dürfte die Volksbank in Fürstenfeldbruck nicht die einzige Bank bleiben, die Strafzinsen ab dem ersten Cent für Neukunden verlangt.