Mercedes EQ-Power, A-Klasse

Plug-in-Hybride verfälschen den E-Auto-Boom Die große Elektro-Lüge

von Notker Blechner

Stand: 15.07.2020, 06:45 Uhr

Endlich scheinen die Deutschen ihre Scheu vor Elektroautos abgelegt zu haben. Trotz Corona wurden seit Jahresbeginn so viele batteriegetriebene Fahrzeuge verkauft wie nie. Doch der Boom entpuppt sich als Mogelpackung.

Die Autoindustrie jubelt über die E-Revolution. In den ersten sechs Monaten wurden nach Schätzungen des Verbands der internationalen Kfz-Hersteller (VDIK) über 90.000 batteriegetriebene Fahrzeuge verkauft. Ein Plus von 90 Prozent! Selbst in Corona-Zeiten stiegen die Neuzulassungen von E-Autos, während der Absatz von Fahrzeugen mit Verbrennern regelrecht einbrach. Der im Rahmen des 750-Milliarden-Euro-Konjunkturpakets aufgestockte Umweltbonus hat im Juni die Nachfrage nach Stromern weiter beflügelt. Es gibt schon über 200.000 Anträge für die Prämie.

Zwitter zwischen Verbrenner und E-Mobil

Treiber des Booms sind so genannte Plug-in-Hybride, Verbrenner mit E-Antrieb. Der Akku lässt sich durch Einstecken (englisch: Plug in) eines Ladekabels wieder aufladen. Im Idealfall fährt so der Autofahrer in der Stadt rein elektrisch und bei längeren Strecken auf der Autobahn mit Verbrennerantrieb. Die Reichweite der meisten Plug-ins im E-Modus beträgt gut 50 Kilometer.

Die Bundesregierung fördert seit Juni die Plug-ins noch massiver - mit 5.625 bis 6.750 Euro - unter der Annahme, dass sie nur 50 Gramm CO2 pro Kilometer ausstoßen. Hinzu kommen steuerliche Anreize über die Dienstwagenbesteuerung. Laut Norm verbraucht ein Plug-in nur zwei bis drei Liter pro 100 Kilometer.

E-Fahrzeuge Neuzulassungen

E-Fahrzeuge Neuzulassungen. | Grafik: boerse.ARD.de

Verbrauch viel höher als die Norm

Unfertig montierter Hybrid-Motorblock eines VW-Golf

Hybrid-Motorblock eines VW-Golf. | Bildquelle: Imago

Das ist reine Theorie! In der Praxis dürfte der Normverbrauch viel höher ausfallen. Stefan Bratzel, Chef des Center of Automotive Management (CAM), sieht eine Diskrepanz zwischen den Norm- und Realverbräuchen. "Der Realverbrauch ist mindestens zwei bis drei Mal höher, weil Plug-ins erfahrungsgemäß nicht regelmäßig geladen werden", sagt er. Bei der Untersuchung von 1.500 Plug-ins 2017 hat die Analysefirma Miles Consultancy festgestellt, dass der Realverbrauch bei über sechs Litern je 100 Kilometer lag.

Teilweise werden Plug-in-Hybride gar nicht in ihrer hybriden Funktion mit E-Antrieb genutzt. Autohändler berichten von zurückgegebenen geleasten Fahrzeugen, bei denen das Ladekabel noch originalverpackt hinten lag. Wird ein Plug-in nur als reiner Verbrenner benutzt, ist er offenbar noch klimaschädlicher als ein normaler Verbrenner. Denn durch das Gewicht der zusätzlichen Batterie verbraucht er mehr Sprit als ein moderner Benziner oder Diesel, erklärt Experte Bratzel.

Staatlich subventionierter Klimabetrug?

Plug-in sei staatlich subventionierter Klimabetrug, schimpft Grünen-Politiker Cem Özdemir in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Die Autos würden faktisch als Verbrenner betrieben, weil sich die Fahrer aus Bequemlichkeit das Laden sparen, glaubt er. Die Umweltorganisation BUND kritisiert die Förderung von Plugins als "Kaufprämie für Verbrenner durch die Hintertür". Manche Beobachter fühlen sich an die Abgas-Schummelei von VW & Co erinnert.

Volkswagen-Betriebsratsvorsitzender und Aufsichtsratsmitglied Bernd Osterloh

Volkswagen-Betriebsratsvorsitzender und Aufsichtsratsmitglied Bernd Osterloh. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Selbst in der Autoindustrie wird hinter vorgehaltener Hand eingeräumt, dass die Autos mit Stecker pseudogrüne Mogelpackungen sind. Die meisten Kunden fahren mit ihrem Plug-in lieber zur nächsten Tankstelle als zur Ladesäule, weiß VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh. Das habe auch der ADAC in einer Untersuchung festgestellt. Osterlohs Appell: "Wir müssen dafür sorgen, dass das Ladekabel nicht das am wenigsten genutzte Teil des Autos ist."

BMW stellt auf der

BMW I8. | Bildquelle: picture alliance/Ng Han Guan/AP/dpa

Bloß wie? Politiker wie Özdemir schlagen vor, die "Lademuffel" beim TÜV-Termin zu entlarven. Wer weniger als 80 Prozent elektrisch gefahren sei, solle bestraft werden, fordert er. Einfacher wäre es, den Umweltbonus an die tatsächlich elektrisch gefahrenen Kilometer zu koppeln. Die Hersteller können die Daten über den Bordcomputer erheben. Ab 2021 müssen ohnehin alle neu zugelassenen Fahrzeuge in der EU mit einem Gerät ausgestattet sein, das den tatsächlichen Spritverbrauch erfasst und speichert.

Autobauer im Dilemma

Bisher freilich lassen sich Politik und Autobranche Zeit mit entsprechenden verschärften Regeln bei Plug-ins. Denn die Autobauer stecken im Dilemma: sie wollen den Absatz ankurbeln, müssen aber den Kohlendioxid-Verbrauch ihrer Flotte drastisch senken - ab 2021 auf 95 Gramm CO2 pro Kilometer. Das geht nur über E-Autos und Plug-ins.

Schaffen es die Hersteller nicht, zwei Millionen elektrifizierte Fahrzeuge bis nächstes Jahr auf die Straße zu bringen, verfehlen sie das CO2-Ziel. Dann drohen empfindliche Strafen. Gerade Daimler und BMW wären davon betroffen, sie sind auf die Plug-in-Hybride angewiesen, haben sie doch kaum reine Stromer im Angebot. Am weitesten ist noch VW. Jeder vierter echte Stromer, der in Deutschland zugelassen ist, stammt von VW. Die Wolfsburger haben bei reinen E-Autos einen Marktanteil von über 25 Prozent- vor allem dank des E-Golf. BMW hingegen kommt mit seinem i3 nur auf einen Anteil von 5,7 Prozent, Mercedes sogar nur auf 1,2 Prozent.

Daimler: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
44,83
Differenz relativ
-4,75%
Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
126,82
Differenz relativ
-3,92%
BMW ST: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
58,47
Differenz relativ
-4,88%

Die Plug-in-Welle rollt auf deutsche Straßen

Laut Schätzungen von IHS Markit wollen VW, BMW und Daimler bis 2025 gut 15 Millionen E-Autos weltweit absetzen. knapp sechs Millionen davon werden Plug-ins sein. Bisher fahren gut eine halbe Million dieser Verbrenner-Elektro-Zwitter auf den Straßen. Die Debatte über die "Pseudostromer" könnte bald schärfer werden...