Windkraftanlage in der Dämmerung

Zubau auf tiefstem Stand seit 22 Jahren Die große deutsche Windflaute

von Notker Blechner

Stand: 13.01.2020, 15:47 Uhr

Die Windenergie ist wichtig für die Klimaziele der Bundesregierung. Doch der Ausbau stockt. Im vergangenen Jahr wurden so wenig neue Windkraftanlagen errichtet wie nie zuvor seit 1998. Lohnen Windaktien noch?

Die Windenergiebranche steckt in ihrer wohl größten Krise seit der Einführung des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG) - zumindest, was Deutschland betrifft. Nach vorläufigen Zahlen wurden 2019 nur 276 neue Windenergieanlagen in Betrieb genommen mit einer Gesamtleistung von 940 Megawatt. Das ist ein Rückgang von mehr als 60 Prozent. Im Vergleich zum Durchschnitt des Zubaus der vergangenen fünf Jahre beträgt das Minus gar 77 Prozent. Diese Zahlen gehen aus einer Auswertung der Fachagentur Windenergie an Land hervor, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegt.

Nur vier neue Anlagen in Hessen

Die meiste Leistung ging im vergangenen Jahr in Brandenburg ans Netz mit 57 Anlagen und rund 194 Megawatt (MW). Im Windland Nummer eins, Niedersachsen, wurden nur 54 Anlagen mit 181 Megawatt errichtet. Im flächenmäßig größten deutschen Bundesland Bayern gingen gerade einmal sechs neue Windenergieanlagen in Betrieb mit einer Leistung von rund 18 Megawatt. Im grün-schwarz regierten Baden-Württemberg waren es nur fünf neue Anlagen mit einer Leistung von rund 17 Megawatt, im schwarz-grün regierten Hessen wurden sogar nur vier Anlagen mit einer Gesamtleistung von rund 14 Megawatt installiert.

Weil auch 69 Anlagen stillgelegt wurden, lag der sogenannte Nettozubau 2019 bei nur 854 Megawatt. Der Einbruch hatte sich im Jahresverlauf bereits angedeutet. Lange Genehmigungsverfahren, zu wenig ausgewiesene Flächen und viele Klagen haben den Bau neuer Windräder gebremst.

Branchenverband warnt vor Ökostromlücke

Die Branche schlägt Alarm. "Der politisch verursachte Zubau-Einbruch im Jahr 2019 birgt enorme Gefahren für die Erreichung der deutschen Klimaschutzziele und gefährdet darüber hinaus das Wertschöpfungsnetzwerk der deutschen Windenergiebranche", haderte der Präsident des Bundesverbands Windenergie, Hermann Albers. Branchenverbände hatten im Juli noch mit einem Zubau-Volumen von rund 1.500 Megawatt für 2019 gerechnet.

Sollte sich der Zubau der Windanlagen 2020 nicht stabilisieren, drohe Deutschland in eine Ökostromlücke zu laufen, warnte Albers. Er verwies auf eine Analyse des Instituts EWI Köln. "Eine solche Unterversorgung mit Erneuerbaren Energien gefährdet die Investitionsentscheidungen der deutschen Industrie, etwa im Bereich der Elektromobilität."

Die Bundesregierung hat sich das Ziel gesetzt, bis 2030 den Anteil von Ökostrom in Deutschland am Bruttostromverbrauch auf 65 Prozent zu steigern. 2019 waren es nach Zahlen des Energieverbandes BDEW 43 Prozent. Immerhin 22 Prozent des Bruttostromverbrauchs deckte Deutschland 2019 mit Windstrom ab. Damit war die Windkraft erstmals größter Stromerzeuger hierzulande vor der Braunkohle und Erdgas. 2022 geht das letzte Atomkraftwerk vom Netz, bis spätestens 2038 soll mit dem Strom aus Kohle Schluss sein.

Mindestabstand zu Windrädern bremst

Die Windindustrie hat zuletzt wegen des stockenden Ausbaus der erneuerbaren Energien vor einem Kollaps der Branche gewarnt. Sie fordert eine Kehrtwende der Bundesregierung in Sachen Windpolitik. So solle die geplante Regelung für einen Mindestabstand von 1.000 Metern von Windrädern zur Wohnbebauung aufgegeben. Umstritten ist in der großen Koalition von Union und SPD vor allem, dass der Mindestabstand schon bei mehr als fünf Häusern greifen soll. Ob das von einzelnen Politikern vorgeschlagene "Windbürgergeld" hilft, die Akzeptanz von Windanlagen zu fördern, ist fraglich.

Wegen der Wind-Krise müssen die Hersteller den Rotstift ansetzen und planen einen Kahlschlag. Enercon will bis zu 3.000 Stellen streichen, Vestas baut Hunderte Jobs im brandenburgischen Lauchhammer ab, und bei Siemens Gamesa sollen 600 Jobs in der Verwaltung wegfallen. Senvion musste gar Insolvenz anmelden und wurde zerschlagen.

Anlagenbauer profitieren von internationaler Nachfrage

Trotzdem haben die Windaktien in den letzten Monaten der Krise in Deutschland getrotzt. Die Aktien von Vestas zogen auf Ein-Jahres-Sicht um 28 Prozent auf ein Mehrjahreshoch an, die Titel von Siemens Gamesa legten im selben Zeitraum um gut 30 Prozent zu, die Papiere von Nordex stiegen gar um 46 Prozent. Vom Kurseinbruch seit 2016 haben sie sich freilich noch nicht gänzlich erholt. Auch Projektbetreiber wie Encavis und Projektentwickler wie Energiekontor liefen an der Börse gut.

Die Windanlagenbauer profitieren von der weltweit starken Nachfrage nach erneuerbaren Energien. Sie haben es teilweise geschafft, die Deutschlandflaute mit guten Geschäften im Ausland zu kompensieren. So zog Nordex zuletzt Aufträge aus Chile, Schweden, Niederlande, Türkei und Südeuropa an Land. Der Auftragseingang erhöhte sich im vergangenen Jahr um 28 Prozent. Das dürfte sich 2020 in deutlichen Umsatzsteigerungen niederschlagen.

Merck Finck und Metzler sehen Potenzial nach oben

Mehrere Experten sehen für Wind-Aktien denn auch gute Zukunftsperspektiven. Merck Finck hält "die großen Windanlagenbauer für ein aussichtsreiches Investment", allen voran der Marktführer Vestas. Weltweit nämlich sei die Windenergie auf Wachstumskurs. Schätzungen zufolge dürfte der Bau von Windenergieanlagen von 46 Gigawatt 2018 auf 68 Gigawatt 2020 steigen, "Besonders in den USA und Asien dürften wir eine Vielzahl neuer Produkte sehen", sagt Merck-Finck-Anlagestratege Marc Decker. Das gebe neuen Schub für die Windanlagenbauer.

RWE ST: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Auch das Bankhaus Metzler sieht Potenzial nach oben für Wind-Aktien. Die Experten empfehlen Nordex zum Kauf mit einem Kursziel von 16,30 Euro. Auch RWE hat Metzler auf "Buy" belassen. Der Essener Versorger wandelt sich vom Kohleproduzenten immer mehr zum Ökostrom-Anbieter. RWE will vor allem im Bereich Windenergie weltweit expandieren – in den USA, in Asien und auch in Europa.