Rot-weiße Kapseln verwirbelt

Fusionskarussell dreht sich Deutsche Pharma-Konzerne außen vor

von Thomas Spinnler

Stand: 25.05.2018, 06:50 Uhr

Die Fusionswelle in der Pharmaindustrie rollt - doch ohne die Deutschen. Während die Branchenriesen Arznei- und Biotech-Firmen übernehmen, kauft der größte deutsche Pharmakonzern einen Saatguthersteller.

„Der Gesundheitssektor geht durch eine Phase der Konsolidierung“, sagte Jasper Lawler, Chef-Analyst des Brokerhauses London Capital. Wer könnte sich mit wem verbinden? Diese Frage beschäftigt gerade eine ganze Branche. Der Zugang zu billigem Cash und der Preisdruck durch den wettbewerbsintensiven Markt treibe die Unternehmen dazu, sich nach Anschluss umzusehen, meint John Collins, Global Head of Healthcare Investment Banking bei Morgan Stanley.

Die Analysten der US-Investmentbank erwarten deshalb ein aufregendes Jahr und rechnen mit einem Aufwallen der Übernahmeaktivitäten. Denn bei vielen Pharmakonzernen läuft der Patentschutz für wichtige Umsatzbringer aus. Die Analysten des Beratungsunternehmens EvaluatePharma gehen davon aus, dass die Konzerne alleine in den Jahren 2018/2019 fast 40 Milliarden Umsatz einbüßen. Es ist also durchaus wahrscheinlich, dass die Branchenriesen das durch Zukäufe wettmachen wollen.

Seit 2014 waren die Volumen der Deals in der Pharmabranche gesunken. Damals wurden insgesamt mehr als 200 Milliarden Dollar für Übernahmen ausgegeben. Im Jahr 2017 waren es mit rund 95 Milliarden Dollar nicht einmal mehr ganz die Hälfte. In diesem Jahr sitzen die Milliarden wieder lockerer.

Übernahme-Volumen in der Pharma-Branche

Übernahme-Volumen in der Pharma-Branche. | Bildquelle: Bloomberg, Grafik: boerse.ARD.de

Das Karussell nimmt Fahrt auf

Schon der Start in das Jahr verlief verheißungsvoll: Allein im Januar wurden Deals in Höhe von 39 Milliarden Dollar angekündigt, wie Morgan Stanley schreibt. Seitdem ist noch einiges dazugekommen: Erst vor wenigen Tagen einigte sich der japanische Pharmakonzern Takeda mit dem Arzneimittelhersteller Shire, für 62 Milliarden Dollar wird Takeda den britischen Konkurrenten kaufen. Es ist die bislang größte Übernahme eines japanischen Unternehmens im Ausland und eine der größten in der Branche. 

Und der französische Pharmakonzern Sanofi kauft für 11,6 Milliarden Dollar die auf Mittel gegen die Bluterkrankheit spezialisierte US-Firma Bioverativ. Und was tut beispielsweise Novartis? „Ergänzende Zukäufe sind wirklich die Hauptsache, um unsere Pipeline zu stärken“, sagte unlängst Finanzchef Harry Kirsch. Das Niveau des Vorjahres ist also bereits im Mai überschritten.

Milliarden von Dollar wollen nach Hause

Es ist nicht ausgeschlossen, dass insbesondere US-Konkurrenten wie Johnson & Johnson, Merck & Co oder Pfizer in diesem Jahr noch einige Milliarden Dollar ausgeben werden. Denn die US-Steuerreform begünstigt die Rückführung im Ausland geparkter Gelder. Neben den Technologieunternehmen verfügen die Pharmakonzerne nach Ansicht von Analysten über den größten Bestand an Auslandsmilliarden.

Die Fachleute von Credit Suisse gehen von rund 150 Milliarden Dollar aus – genug Geld, um damit interessante Dinge anzustellen, auch wenn ein Großteil davon vermutlich eher in Aktienrückkäufe fließen dürfte.

Investoren machen Druck auf Pfizer

Allerdings hat beispielsweise Johnson & Johnson erst im vergangenen Jahr die milliardenschwere Übernahme der Schweizer Biotech-Firma Actelion über die Bühne gebracht. Infolge der Steuerreform kündigte der Konzern an, binnen vier Jahren 30 Milliarden Dollar in Forschung und Entwicklung sowie in Kapitalinvestitionen in den USA zu stecken. Das entspricht zwar einem Anstieg um 15 Prozent, nach einem kühnen Plan zur Aufmischung der Branche sieht es nicht aus. Klar ist aber auch, dass heiße Übernahmepläne kaum vorab mit der Presse diskutiert werden.

Pfizer hat erst zu Beginn des Monats großen Deals vorerst eine Absage erteilt. Die Investoren reagierten trocken und beförderten die Aktie im Anschluss um mehr als fünf Prozent nach unten. Ashtyn Evans, Analyst bei Edward Jones & Co., sprach von Frustration und Enttäuschung bei den Anlegern. Evans fragte sich, was langfristig wohl der Wachstumstreiber bei Pfizer sein solle und was aus dem Bargeldbestand werde.

Erst mal Shopping-Pause

Und was machen die Wettbewerber aus Deutschland? Bayer dürfte mit der Mega-Übernahme des Agrarchemiekonzerns Monsanto für mehr als 60 Milliarden Dollar beschäftigt sein. Finanzchef Johannes Dietsch sagte der "Börsen-Zeitung", dass auch Arzneimittel mittelfristig ein weiter wachsendes Geschäft sein werden. Die Frage sei, wie man den Pharmabereich stärken könne. Statt großer Zukäufe seien auch kleine Akquisitionen, Kooperationen oder Partnerschaften möglich, erklärte Dietsch.

Monsanto- und Bayer-Schriftzug aus Scrabble-Steinen mit Dollarnoten und Gersteähren

Monsanto-Bayer. | Bildquelle: Imago

Auch beim Merck-Konzern ist nicht mit einem großen Deal zu rechnen. Seit 2007 haben die Darmstädter rund 30 Milliarden Euro für Zukäufe ausgegeben, darunter die Biotech-Firma Serono und der Labor-Ausrüster Sigma Aldrich. Merck verkaufte in diesem Jahr das Geschäft mit rezeptfreien Gesundheitsprodukten für 3,4 Milliarden Euro an Procter & Gamble. Mit dem Geld sollen unter anderem die Schulden gesenkt werden. Das klingt weder bei Bayer noch bei Merck nach großer Offensive im Pharmasegment.

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<strong>Johnson & Johnson</strong><br/>Mit einem Umsatz von fast 77 Milliarden Dolar belegt der US-Konzern Platz eins unter den Pharmaunternehmen. Allerdings muss man bedenken, dass Johnson & Johnson auch in der Konsumgüterbranche agiert, der Umsatz also nicht allein mit Pharmaprodukten erzielt wird. : Kursverlauf am Börsenplatz Frankfurt für den Zeitraum 1 Jahr

Johnson & Johnson
Mit einem Umsatz von fast 77 Milliarden Dolar belegt der US-Konzern Platz eins unter den Pharmaunternehmen. Allerdings muss man bedenken, dass Johnson & Johnson auch in der Konsumgüterbranche agiert, der Umsatz also nicht allein mit Pharmaprodukten erzielt wird.