Bremslichter von Auto die im Stau stehen

Ist die deutsche Autobranche noch zu retten? Ausgebremst und abgehängt!?

von Bettina Seidl

Stand: 21.03.2018, 16:05 Uhr

Deutschlands einstige Vorzeigebranche im Niedergang: Ständig neue Skandale, bevor die alten auch nur ansatzweise aufgearbeitet sind. Wechselt die deutsche Autobranche je wieder auf die Überholspur?

Jahrzehntelang war die deutsche Autoindustrie Deutschlands Musterschüler. Verhätschelt und bewundert. Verhätschelt von der Politik. Volkswagen, Daimler, BMW und Co. sichern Millionen Jobs in der Branche. Und sie sichern Deutschlands Wirtschaftskraft. In keiner anderen Volkswirtschaft der Welt hat die Autoproduktion einen so großen Anteil an der Wertschöpfung wie in Deutschland. Fast acht Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung gehen direkt oder indirekt auf die Branche zurück. Das machte die Autobranche mächtig. Bewundert von Investoren auch für ihre Wirtschaftsmacht. Regelmäßig fahren die Konzerne Rekordgewinne ein.

Die Skandal-Serie

Der Dieselskandal war der Autakt zum Niedergang der Branche, der zuerst VW und dann den ganzen Rest zu Boden zwang. Seither reißen die Skandale nicht ab, noch bevor der erste Skandal überhaupt ansatzweise aufgearbeitet ist. Die Konzerne fallen nicht gerade mit überbordendem Reformwillen auf und machen nicht den Eindruck, als wollten sie schnell reinen Tisch machen.

Jüngste Beispiele aus der Skandal-Reihe: Die Razzia in der BMW-Zentrale gestern. Außerdem gibt es bei VW neue Ermittlungen wegen offenbar geschönter Börsenmitteilungen. Und womöglich steckt auch Daimler in dem Dieselsumpf.

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Baustellen ohne Ende Probleme der Autobauer

Chinesisches E-Auto auf der China-ASEAN Expo in Nanning

Deutsche E-Autos ohne Strom
Die größte Herausforderung: das E-Auto. Schon öfter haben die deutschen Autokonzerne die E-Auto-Revolution ausgerufen. Aber sie sind alles andere als auf der Überholspur. Kein gutes Zeugnis für die deutsche Ingenieurskunst.

Die Gewinn-Serie

Trotz aller Hiobsbotschaften: Die Gewinne sprudeln - trotz Skandalen, Affentests und Fahrverbots-Diskussionen. BMW fuhr im vorigen Jahr neun Milliarden Gewinn ein, bei Daimler waren es über zehn Milliarden und bei VW sogar über elf Milliarden. Die Wolfsburger haben im vergangenen Jahr über zehn Millionen Fahrzeuge verkauft – so viele wie kein anderer Hersteller weltweit. Erstaunlich: Die Konzerne scheinen völlig unbeschadet durch alle Krisen gefahren zu sein. Ihre Autos finden reißenden Absatz, trotz Imageschaden.

Erstaunt zeigte sich auch Kanzlerin Merkel. Vor allem darüber, dass auch die Top-Manager einen großen Teil der Gewinne abgreifen und dass es "sehr hohe Zuwachsraten bei bestimmten Gehältern gibt". Die Vergütung der Mitglieder des VW-Konzernvorstands stieg im vergangenen Jahr auf rund 50,3 Millionen Euro nach 39,5 Millionen Euro im Jahr zuvor.

Das lässt zumindest für die Zukunft hoffen: "Ich freue mich, wenn es Gewinne gibt, weil dann vielleicht auch Geld in die Zukunft investiert werden kann", sagte Merkel.

E-Auto statt Diesel

In die Zukunft müssen die Konzerne reichlich investieren. Denn der Diesel ist out, die Fahrzeuge lassen sich immer schwerer verkaufen. Die Zulassungszahlen gehen zurück. Auch die anstehenden Umrüstungen, Diesel-Fahrverbote und gesetzliche Vorgaben etwa in Europa und China die Unternehmen, dem Elektroauto Vorfahrt zu gewähren.

Lange wollten die deutschen Autokonzerne es zwar nicht wahrhaben, doch inzwischen haben sie die Not erkannt. Sie unternehmen enorme finanzielle Anstrengungen. BMW, Daimler und VW stecken Milliarden in die E-Mobilität: Fast fünf Milliarden Euro stellten sie 2016 und 2017 für Montagelinien für E-Autos, Batterien oder Elektromotoren bereit, wie eine Studie der Beratungsgesellschaft Ernst & Young zeigt. Die Konkurrenz hat nur einen Bruchteil davon in die Hand genommen. Die US-Konzerne 335 Millionen Euro, französische Marken nur 110 Millionen, und japanische sogar nur 19 Millionen. China blieb bei der Studie außen vor, weil chinesische Konzerne hauptsächlich auf ihrem Heimatmarkt investieren.

Der Autoboom

Auch an der Börse ist allen Rückschlägen und Skandalen zum Trotz so etwas wie Aufbruchstimmung zu spüren. Die Aktien der großen Drei der deutschen Vorzeigebranche haben sich dank des globalen Autobooms wieder von ihren Tiefstständen erholt. Die VW-Aktie kostet derzeit über 160 Euro, Daimler um die 70 Euro und BMW über 80 Euro. Vor allem der chinesische Markt boomt, das ist vielversprechend. So könnten die Autokonzerne das ganze Desaster doch überstehen, urteilen Analysten.

Volkswagen VZ: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 5 Jahre
Kurs
170,14
Differenz relativ
+1,64%
Daimler: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 5 Jahre
Kurs
65,07
Differenz relativ
-0,23%
BMW ST: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 5 Jahre
Kurs
87,45
Differenz relativ
-0,06%

Auch die drohenden Diesel-Fahrverbote in Städten haben den Aktien verhältnismäßig wenig zugesetzt. Für die großen Konzerne ist Deutschland eben nur ein Markt. VW und BMW etwa verkaufen nur etwa zwölf Prozent ihrer Fahrzeuge auf dem heimischen Markt. Daimler ist zwar etwas stärker in Deutschland, hat aber einen wesentlich niedrigeren Diesel-Anteil.

China, das gelobte Auto-Land

Unklar ist aber, was die E-Auto-Quote in China anrichten wird, die das Land ab 2019 einführt. Dann müssen mindestens zehn Prozent der verkauften Fahrzeuge einen Elektroantrieb haben. China ist das gelobte Land der Autobauer. Dort rollen Autos 'Made in Germany' millionenfach durch die Straßen. VW verkauft dort über 40 Prozent seiner Autos, Daimler und BMW rund 20 Prozent.

Noch ist nicht abschätzbar, wie die deutschen Konzerne Chinas Quotenregelung bewältigen. Rückschläge im Aktienkurs sind nicht auszuschließen.

Beim E-Auto abgehängt?

Zumal andere Konzerne in Sachen E-Auto viel weiter sind. Der japanische Toyota-Konzern, der schon seit zwei Jahrzehnten auf Hybrid setzt, will in Europa bald gar keine Diesel-Pkw mehr verkaufen. Einen ähnlichen Kurs schlägt die französische PSA-Gruppe ein, zu der neben Peugeot und Citroën auch Opel gehört. Volvo will bereits ab 2019 in Europa dieselfrei sein und ausschließlich elektrifizierte Fahrzeuge verkaufen.

Der chinesische Hersteller Nio kann sogar in einigen Sparten wettbewerbsfähige E-Modelle präsentieren. E-Autobauer Tesla sowieso, der sich gerade warm läuft, den Massenmarkt aufzurollen. Er hängte mit den Fahrzeugen seines Model S die Premiumautos von Mercedes und BMW ab. Denkbar ist, dass auch Google und Apple demnächst mit eigenen Produkten auf dem Markt kommen. Können die deutschen Ingenieure da mithalten? Die Modelle der deutschen Hersteller gelten als noch nicht ausgereift.

Crashtest für die Autobauer?

Aktuelle Sorge: Der von Trump angezettelte Handelskrieg mit Strafzöllen auf Stahl und Aluminium versetzt die Autobranche in Aufruhr. Der Autoexperte Stefan Bratzel nannte Strafzölle eine "Katastrophe" für die deutsche Branche. Gerade im Premiumsegment seien die Autobauer "enorm" abhängig von Ausfuhren, auch in die USA.

Nach Berechnungen des Autoexperten Ferdinand Dudenhöffer wären vor allem die VW-Töchter Audi und Porsche von Strafzöllen betroffen, die anders als die VW-Kernmarke, BMW oder Daimler keine eigenen Werke in den USA unterhalten. Für Volkswagen rechnet Dudenhöffer im Fall von Strafzöllen mit Gewinneinbußen von rund fünf Prozent, falls die Exporte aus den USA nicht - wie eigentlich üblich - gegengerechnet würden. Bei Daimler und BMW errechnete der Leiter des CAR-Instituts an der Universität Duisburg-Essen in diesem Fall einen Rückgang von "weniger als zehn Prozent". Stärker getroffen würden etwa der britische Hersteller Jaguar Land Rover oder die schwedische Marke Volvo.

Damit längst nicht genug der Unwägbarkeiten. Der Brexit wirft auch in der Autoindustrie seine Schatten voraus, die Nachfrage aus Großbritannien ist seit dem Votum für einen EU-Austritt bereits gesunken. Die Autoindustrie tut sich schwer mit Investitionsentscheidungen.

Eine Branche muss sich neu erfinden

Auch die Skandale rund um Diesel und Kartell-Absprachen sind noch längst nicht ausgestanden. Die Branche verliert durch ihr Taktieren an Glaubwürdigkeit.

Und dann bleibt noch die Frage: Hat das Auto überhaupt ein Zukunft? Ein Problem, über das sich nicht nur die Deutschen, sondern die ganze Autobranche weltweit Gedanken machen muss. Das Auto hat an Prestige verloren. Es ist längst nicht mehr das Identifikationsobjekt wie in der Vergangenheit. Die junge Generation denkt um. Teilen statt besitzen ist ihre Devise. Private Carsharing-Portale wie Drivy, SnappCar oder Getaway bieten die Möglichkeit, private Autos zu mieten. Das funktioniert wie Airbnb - nur eben für Autos.

Risiko für Deutschland?

Eine Existenzkrise in der deutschen Autoindustrie träfe die deutsche Wirtschaft hart. Ökonomen sehen in der Branche ein "volkswirtschaftliches Klumpenrisiko", weil die großen Autokonzerne wie die großen Banken für die deutsche Wirtschaft "systemrelevant" geworden seien. Wenn es den Autokonzernen schlecht geht, könnte es auch in einem Dominoeffekt viele kleine und mittelständische Betriebe belasten.

Diese Abhängigkeit ist wohl auch die große Hoffnung der Autoindustrie. Die Hoffnung, dass die Politik weiter die schützende Hand über die Branche Nummer 1 hält.

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Live auf der ARD-Bühne Crashtest für die Deutsche Autoindustrie

Markus Gürne vor blauen Fahnen mit Invest-Schriftzug

ARD-Moderator Markus Gürne
ARD-Moderator Markus Gürne diskutiert mit Experten über die Chancen und Risiken der deutschen Autoindustrie. Live auf der ARD-Bühne während der Anlegermesse Invest, am 14. April um 15:30 Uhr. Die Veranstaltung wird live auf boerse.ARD.de und im TV auf Phoenix übertragen.

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