Nordex-Windkraftanlagen

Pleiten und Jobabbau Der Niedergang der deutschen Windbranche

Stand: 03.09.2019, 16:47 Uhr

Die deutsche Solarindustrie ist bereits tot. Nun steckt auch die Windbranche in der Flaute. Im ersten Halbjahr wurden kaum noch Windanlagen gebaut. Tausende Jobs wurden gestrichen, und Senvion ging pleite. Bringt der "Windgipfel" am Donnerstag einen Ausweg aus der Krise?

Wenn das Greta wüsste! Gerade erst ist die junge Schwedin mit Hilfe der Windkraft von Europa nach New York gesegelt. Doch die klimaschonende Wind-Industrie befindet sich im Niedergang - zumindest in Deutschland. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres wurden nur 280 Megawatt an Windkapazitäten neu installiert. Die Baugenehmigungen brachen um 90 Prozent ein.

Das seien "alarmierende Zahlen", sagte unlängst Hermann Albers, Präsident des Bundesverbands Windenergie (BWE). Diese Entwicklung stelle den Erfolg der Energiewende in Frage, meint er. "Was heute ein Problem der Branche ist, ist morgen ein Problem der Politik."

Deutsche Klimaschutz-Ziele nicht zu schaffen

Wenn die Bundesregierung ihr Ziel eines Ökostrom-Anteils von 65 Prozent im Jahr 2030 erreichen wolle, müssten jährlich Turbinen mit 4.500 Megawatt aufgestellt werden, hat die Branche ausgerechnet. "Wir bräuchten jeden Tag fünf neue Anlagen mit je drei Megawatt und nicht alle zwei Tage eine", sagt der stellvertretende DIHK-Hauptgeschäftsführer Achim Dercks. Er konstatiert: "Beim Ausbau der Windenergie an Land ist Deutschland von der Überholspur auf den Standstreifen gewechselt."

Wenn am Donnerstag Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) nach Berlin zum "Windgipfel" einlädt, wird er mehrere Vorschläge präsentieren, wie sich das Ausbautempo wieder beschleunigt werden könnte. So fordert die Industrie- und Handelskammer bundeseinheitliche Regelungen für Abstände zur Wohnbebauung. Außerdem sollten Gerichte und Genehmigungsbehörden mit mehr Personal ausgestattet werden.

Klageflut und Genehmigungsstau blockieren die Projekte

Denn oft sind es Klagen von Wald- und Vogelschützern und der Widerstand von Anwohnern, die die Windenergie-Projekte blockieren. "Genehmigungsstau und Klageflut belasten die Branche", hadert BWE-Präsident Albers. Auch er sieht Nachholbedarf bei der personellen und technischen Ausstattung der Genehmigungsbehörden. Pauschalabstände zwischen Windenergieanlagen und Wohngebäuden lehnt Albers allerdings ab.

Schuld am Niedergang der Windbranche ist aber auch die Novelle des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG). Seit 2017 werden Windkraftprojekte ausgeschrieben und per Auktionsverfahren versteigert. Den Zuschlag erhält der Investor mit dem geringsten Förderbedarf. Doch das Auktionsverfahren führte dazu, dass 2017 überproportional viele Bürgerenergiegesellschaften die Ausschreibungen gewannen. Sie wurden privilegiert und durften Projekte ins Auktionsverfahren einbringen, für die sie noch keine immissionsschutzrechtliche Genehmigung vorliegen hatten. Außerdem bekamen sie eine längere Realisierungsfrist für ihre Windpark-Vorhaben eingeräumt.

Erstes prominentes Opfer: Senvion

Zwar hat die Bundesregierung inzwischen das Ausschreibungsdesign etwas repariert und solche Privilegien abgeschafft, aber der Genehmigungsstau der Projekte hat sich seither nicht aufgelöst. Die Folge: Die Windbranche musste innerhalb eines Jahres gut 26.000 Jobs abbauen. Am härtesten traf es den Turbinenbauer Senvion: Er meldete Insolvenz an.

Auch andere große Windanlagenbauer leiden. Nordex ist in die roten Zahlen gerutscht und konnte die deutsche Flaute nur teilweise mit ausländischen Projekten kompensieren. Und auch die deutsch-spanische Siemens Gamesa musste wegen des Preisdrucks einen Gewinneinbruch im dritten Quartal 2018/19 hinnehmen und gab eine vorsichtigere Prognose für das Gesamtjahr.

Deutsche Anlagenbauer haben zu spät reagiert

Die Probleme der deutschen Windanlagenbauer hält Branchenpionier Fritz Vahrenholt, einer der Senvion-Gründer, freilich für hausgemacht. Die Windkraftindustrie hätte sich früher auf die Abkühlung des deutschen Markts vorbereiten müssen, kritisierte er in der "Welt". Schließlich seien weite Teile des Nordens bereits mit Drehflüglern zugestellt. Genehmigungsprobleme in anderen Teilen Deutschlands seien zu erwarten gewesen. Zudem fragt sich so mancher Experte, warum die deutschen Marktführer Enercon und Nordex den Offshore-Markt verschmähen. Konzerne wie die dänische Vestas und die amerikanische General Electric geben hier den Ton an.

Dennoch sehen manche Analysten noch Kurspotenzial für deutsche Windaktien. Das Bankhaus Metzler zum Beispiel hat im Sommer die Aktien von Nordex zum Kaufen empfohlen und sie gar in ihre Top-Ten-Liste aufgenommen. Der Windanlagenbauer aus Hamburg habe sich zu einem globalen Anbieter gemausert und zu den Marktführern aufgeschlossen, meint Analyst Guido Hoymann. Das Kursziel sieht er bei 15,50 Euro. Aktuell notiert Nordex unter 9,00 Euro.

nb