Skyline

Apple Pay, Google Pay und PayPal-Kredite Das Ende der Banken, wie wir sie kennen?

von von Lothar Gries

Stand: 20.11.2018, 06:45 Uhr

Seit über 20 Jahren steckt die Bankenbranche im Umbruch. Doch noch nie waren die Herausforderungen größer als derzeit. Grund ist der Siegeszug des Smartphones und die laufende digitale Revolution.

In drastischen Worten warnte Deutsche Bank-Chef Christian Sewing kürzlich vor den Folgen der Digitalisierung für die Finanzwelt: "Der Umbruch, den wir in den kommenden zehn Jahren vor uns haben, wird alles in den Schatten stellen, was wir erlebt haben. Uns steht nicht nur eine fundamentale Änderung bevor, sondern gleich mehrere", sagte der Top-Manager jüngst auf der "Euro Finance Week" in Frankfurt.

Deutsche Bank-Chef Christian Sewing

Deutsche Bank-Chef Christian Sewing. | Bildquelle: dpa

Vor allem im Privatkundengeschäft sind die Auswirkungen dramatisch: Immer weniger Kunden suchen eine Filiale auf. Sie machen ihre Bankgeschäfte online, bevorzugt über mobile Apps. Welche Wucht hinter diesen Veränderungen steckt, verdeutlicht eine einzige Zahl: Am 11. November machte der chinesische Onlinehändler Alibaba 30,7 Milliarden US-Dollar Umsatz – in nur 24 Stunden. Und rund 90 Prozent der Einkäufe liefen über mobile Geräte.

Banken an den Rand gedrängt

Die Banken spielen dabei nur noch am Rand eine Rolle: als Zulieferer und Zahlungsabwickler für Plattformen der Techkonzerne. Damit geht den Geldhäusern der direkte Draht zu den Kunden verloren, während andere Akteure auf den Markt drängen: Apple Pay, Google Pay und PayPal-Kredite verkünden Schlag auf Schlag ihren Einstieg in Deutschland. Auch Amazon wird früher oder später folgen. In den USA verleiht das Unternehmen bereits jetzt viele Milliarden, nicht nur an Händler, sondern auch an seine Kunden.

Mann mit Kreditkarte und App von Number26

Number26. | Bildquelle: Unternehmen

Für zusätzliche Konkurrenz sorgen "Neobanken", auch Smartphonebanken genannt. Sie bieten die gleichen Produkte wie die etablierten Banken, also Kontoführung, Kreditkarte und Geldautomatenabhebung, setzen aber ausschließlich auf das mobile Internet. Damit sprechen sie gezielt jüngere Menschen an, denen außerdem innovative Zusatzangebote gemacht werden. So haben sich Direktbanken wie N26 und Fidor bereits im deutschen Markt etabliert und den klassischen Banken viele Kunden abspenstig gemacht.

Kampf um Kunden wird enger

Für die Geldhäuser ist das eine beunruhigende Entwicklung: Während ihre eigenen Bezahllösungen wie Paydirekt vor sich hin dümpeln, Pläne für eine eigene Digitalbank aufgegeben werden, wie es die Deutsche Bank getan hat, oder die Sparkassen-Internetbank Yomo sich in einer jahrelangen Testphase befindet, machen andere Nägel mit Köpfen. Solche halbherzigen Unternehmungen führen dazu, dass es für die Geldinstitute im Kampf um die Kunden immer enger wird.

Auch im Firmenkundengeschäft machen agile Fintechs den etablierten Geldhäusern Konkurrenz. Sie ermöglichen es Unternehmen, egal ob Start-ups, Gründer oder etablierte Firmen, über sogenannte Crowdinvesting-Plattformen, ohne großen bürokratischen Aufwand Projektfinanzierungen zu suchen.

Kredite an Mittelständler von PayPal

Visa und PayPal.

Inzwischen bieten selbst Zahlungsabwickler wie PayPal den hiesigen Mittelständlern Kredite an. Was in den USA unter "Working Capital" läuft, heißt in Deutschland "PayPal Businesskredit". PayPal greift damit die deutschen Sparkassen und Volksbanken erstmals im Geschäft mit Firmenkunden an. Die beschweren sich laut einer KfW-Studie über zuviel Bürokratie und lange Wege, wenn sie einen Bankkredit beantragen. Genau diese Kunden will nun PayPal abgreifen.

Nicht alle Banken werden überleben

Die Beispiele zeigen was auf die Banken zukommt: Die neuen Konkurrenten erzeugen nicht nur Kostendruck, sie zwingen die Kreditinstitute auch zu einer ganz neuen Art des wirtschaftlichen Denkens und Handels. Stehen die Geldhäuser also vor einer großen Exituswelle? Ja und nein. Kein Zweifel, die Digitalisierung wird die Branche komplett umkrempeln. Von den 5.500 Geldhäusern, die es derzeit in der Europäischen Union gibt, werden nicht alle überleben.

Ein verzerrtes Deutsche Bank-Logo spiegelt sich in einer Hochhausfassade

Deutsche Bank-Logo. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Aber große Konzerne wie die Deutsche Bank versuchen umzusteuern. Sie wollen die zentrale Anlaufstelle für Kunden sein, wann immer es um Finanzen geht. Deshalb bauen sie mit Konzernen wie der Allianz, Axel Springer, Daimler und Lufthansa an einer neuen Plattform: Verimi. Dort sollen die Kunden bei allen teilnehmenden Partnerunternehmen Produkte kaufen und Services nutzen, ohne sich jedes Mal neu anmelden zu müssen. Ob die Plattform damit Facebook und Google Konkurrenz machen kann, steht noch in den Sternen.

Nokia als abschreckendes Beispiel

Wie massiv die Digitalisierung die Welt verändert, zeigt ein Blick zurück, den auch Deutsche Bank-Chef Sewing gern bemüht, um die Branche aufzurütteln: Im November 2007 brachte das Wirtschaftsmagazin "Forbes" eine Titelgeschichte über einen Mobiltelefon-Hersteller. "One billion customers – can anyone catch the cell phone king?", lautete die Schlagzeile. Gemeint war nicht Apple, sondern Nokia – damals der unangefochtene Marktführer bei Handys.

Nur wenige Jahre später war Nokia fast am Ende. Den Mobilfunkmarkt beherrschen andere. Ob den großen Geldhäusern ein ähnliches Schicksal droht, ist noch nicht auszumachen. Doch so wie sie heute aufgestellt sind, werden sie kaum überleben können.