Sprint-Chef Marcelo Claure (l.) und T-Mobile-US-Chef John Legere

Fusion von T-Mobile US und Sprint wackelt Das amerikanische Dilemma der Telekom

von Notker Blechner

Stand: 17.06.2019, 06:45 Uhr

Sind aller guten Dinge drei? Zwei Mal schon hat die Deutsche Telekom versucht, ihre US-Tochter in Amerika unter die Haube zu bringen. Nun soll es im dritten Anlauf endlich gelingen. Doch der Widerstand ist groß - vor allem in der Politik. Braucht die Telekom den Deal wirklich?

Wenn Aktionäre, Journalisten oder Analysten Telekom-Chef Tim Höttges zur US-Tochter T-Mobile US fragen, gerät der gebürtige Rheinländer ins Schwärmen. "Ich bin schwer beeindruckt, was das Team dort leistet", sagte er unlängst bei der Präsentation der Quartalszahlen. In den vergangenen sechs Jahren hat T-Mobile US stets mindestens eine Million Neukunden gewonnen - und das in jedem Quartal. Alleine in den ersten drei Monaten dieses Jahres strömten 1,7 Millionen neue Kunden zur US-Tochter.

T-Mobile-Shop am Times Square, New York Audio

Börse 8.00 Uhr: Telekom-Bilanz durch Kosten für Fusion mit Sprint belastet

Das war nicht immer so. Als die Telekom ihr US-Abenteuer startete und im Jahr 2000 Voicestream für fast 51 Milliarden Dollar übernahm, lief das Geschäft schleppend. Voicestream war mehrere lang die Problemtochter der Telekom, die hohe Verluste anhäufte. Der Verkauf der ungeliebten Tochter scheiterte.

Trendwende in den USA dank John Legere

T-Mobile-Chef John Legere kocht

T-Mobile-Chef John Legere kocht. | Bildquelle: Facebook-Screenshot

Dann kam John Legere. Der langhaarige Telekom-Manager krempelte das Geschäft von T-Mobile US um, vereinfachte die Handyverträge, optimierte den Kundenservice und brachte eine Marketing-Offensive in Gang- mit Erfolg. Zahlreiche Amerikaner stürmten in die T-Mobile-Shops. Die US-Telekomtochter wurde vom Problemfall zur Ertragsperle des Bonner Konzerns. Inzwischen steuert T-Mobile US schon über 50 Prozent zum Umsatz des Konzerns bei. Der 60-Jährige ist inzwischen zum Markenzeichen der Telekom geworden. Ob in Kochshows, beim World Dance Day oder in sozialen Medien - fast überall tritt der schrille Manager im Magenta-Outfit auf und rührt die Werbetrommel für den Mobilfunker.

Nun will es Legere nochmal wissen. Um eine noch stärkere Marktposition zu erlangen, soll T-Mobile US mit dem Rivalen Sprint zusammengehen. Nach zwei vergeblichen Versuchen, bei denen die US-Behörden ihr Veto einlegten, soll es diesmal klappen. Falls der Deal genehmigt wird, verspricht Legere einen raschen Ausbau der künftigen Mobilfunkstandards. "Wir machen die USA zu einem Leitmarkt für 5G", kündigte er an.

ARD-Börsenstudio: Dieter Reeg Audio

ARD-Börse: Die Telekom auf gutem Weg?

Fusion brächte T-Mobile US näher an Branchenführer heran

Das neue fusionierte Unternehmen würde näher an die beiden Platzhirsche heranrücken und käme auf 29,6 Prozent Marktanteil in den USA. Marktführer ist Verizon mit 35 Prozent, dicht gefolgt von AT&T mit 34 Prozent. Telekom-Chef Höttges wirbt bei den Aktionären für den Deal und schwärmt von Synergien von 43 Milliarden Dollar.

Marktanteile der Anbieter im US-Mobilfunkmarkt

Marktanteile der Anbieter im US-Mobilfunkmarkt. | Grafik: boerse.ARD.de

Bis zuletzt sah es ganz danach aus, dass die Fusion diesmal durchkommt. In den letzten Monaten wurden mehrere Hürden genommen. Ende Mai gab die Telekommunikationsbehörde FCC ihr Placet - allerdings nur unter der Bedingung, dass die Unternehmen für den neuen Standard 5G keine Preise erhöhen und binnen drei Jahren 97 Prozent der US-Bevölkerung mit ihrem 5G-Netzwerk erreichen.

Laut der "New York Times" zeichnet sich zudem die Zustimmung des Justizministeriums zur geplanten Milliardenfusion ab. Allerdings müssten die Nummer drei und Nummer vier auf dem US-Mobilfunkmarkt dafür mehrere Unternehmensteile verkaufen.

Klage der Bundesstaaten könnte Deal verzögern

Widerstand kommt jedoch aus der Politik. Zehn von Demokraten regierte Bundesstaaten schlossen sich zusammen und reichten in der vergangenen Woche eine Klage gegen die geplante Fusion ein. Die New Yorker Generalstaatsanwältin sprach von einer "verbraucherschädigenden jobkillenden Megafusion, die unsere Anti-Kartell-Gesetze verhindern sollten". Nun droht der Mobilfunk-Zusammenschluss in den Strudel des US-Wahlkampfs zu geraten. Die Genehmigung für den Deal könnte sich womöglich bis ins nächste Jahr auf verzögern.

Telekom, was nun? Offiziell will die Telekom von Problemen noch nichts wissen. Die Tür für die Fusion sei so lange offen wie es sein müsse, betont Höttges. An einen Plan B denke er (noch) nicht. "Es gibt keinen Plan B, weil wir den Deal haben wollen."

Macht der Deal noch Sinn?

Doch laut "Handelsblatt" denken die Bonner bereits über Alternativen nach. Tatsächlich könnte T-Mobile US auch weiter gut alleine in den USA zurechtkommen - und besonders im Geschäft mit Firmenkunden expandieren. Zudem wachsen die Zweifel auch in den eigenen Reihen, ob die Fusion tatsächlich Sinn mache. Denn Sprint schwächelt derzeit. Das Unternehmen hat im ersten Quartal 189.000 Kunden verloren. Die Zugeständnisse für die Fusion werden inzwischen als zu hoher Preis gesehen, den die Telekom zahlen muss. So würde die für den Zeitraum von drei Jahren zugesicherte Preisgarantie der Wachstumsoffensive von T-Mobile US schaden.

Telekom-Experten wie Roger Entner von Recon Analytics raten denn auch vom Deal ab. "Die Telekom sollte sich ernsthaft fragen, ob es wirklich nötig ist, dass T-Mobile US Sprint komplett übernimmt - mit all den Problemen einer Integration -, oder ob es nicht einfacher Sprint die Kunden abwirbt", sagte er gegenüber dem "Handelsblatt". Für ihn sei Sprint ein fallendes Messer, in das man besser nicht zu früh greifen sollte.

Branchenbeobachter rechnen eher mit einer Absage der Fusion. Analyst Craig Moffett vom Researchhaus Moffett & Nathanson sind die Chancen für die Fusion inzwischen auf 33 Prozent gesunken. Früher lagen sie noch bei 50 Prozent. Sind aller guten Dinge also doch nicht drei?