DHL-LKWs vor einer Amazon Lagerhalle
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Großkunde und Konkurrent Das Amazon-Dilemma der Deutschen Post

von Notker Blechner

Stand: 06.11.2018, 06:48 Uhr

Für das Weihnachtsgeschäft rechnet die Deutsche Post mit einem neuerlichen Paket-Rekord. Doch die Vorfreude hält sich in Grenzen. Ausgerechnet der wichtigste Kunde der Post, Amazon, drückt die Preise und macht den Bonnern Konkurrenz.

Bisher galt die Deutsche Post stets als großer Profiteur des E-Commerce-Booms. Jahrelang machte der Bonner Logistik-Konzern gute Geschäfte mit den Weihnachtspaketen und fuhr im vierten Quartal üppige Gewinne ein. Das war einmal! "Im Paketgeschäft sind wir in den vergangenen Jahren deutlich schneller gewachsen als der Wettbewerb - nach der Devise: 'Wachstum ist super, der Rest wird sich finden!", schrieb jüngst Post-Chef Frank Appel im internen Mitarbeiter-Magazin.

Gewinneinbruch bei der Brief- und Pakete-Sparte

Von wegen! Die Brief- und Pakete-Sparte ist inzwischen das große Sorgenkind der Post. Im zweiten Quartal brach das operative Ergebnis in diesem Bereich um 60 Prozent ein. Deshalb musste der Bonner Logistik-Konzern seine Gewinnprognose für das laufende Jahr um eine Milliarde Euro korrigieren.

Zwar transportiert die Post immer mehr Pakete, hat aber mit steigenden Kosten bei der Zustellung zu kämpfen. Zudem musste der "gelbe Riese" Hunderte Millionen Euro in das Paketnetz, die Technik und Fahrzeuge investieren, um die steigende Menge zu bewältigen. Die Erträge in der einstigen Boom-Sparte schrumpfen.

Amazon sorgt für Preisdruck in der Branche

DHL-Mitarbeiter mit Amazon-Paketen

DHL & Amazon. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Schuld daran ist ausgerechnet Amazon. Der Online-Händler drückt die Preise. Amazon setzt zunehmend auf Billig-Konkurrenten der Post wie die Otto-Tochter Hermes. Dort seien die Preise 15 Prozent niedriger als die von DHL, heißt es in einer geheimen Vorstandsvorlage, die dem "Handelsblatt" zugespielt wurde. DHL, die Paket-Tochter der Post, musste daher gegenüber Amazon erhebliche Preis-Zugeständnisse machen - zu Lasten der Marge. Laut dem internen Vorstandsbericht bleibt DHL für jedes von Amazon beauftragte Paket nur eine Gewinnspanne von maximal 21 Cent. "Mit Amazon verdient DHL so gut wie kein Geld mehr", glaubt Logistik-Experte Horst Manner-Romberg, Geschäftsführer der Marktforschungs- und Beratungsfirma MRU.

...und baut seinen eigenen Lieferdienst auf

Darüber hinaus übernimmt Amazon zunehmend selbst die Paket-Zustellung und macht der Deutschen Post Konkurrenz. An Tankstellen und Supermärkten in mehreren deutschen Großstädten haben die Amerikaner Abholautomaten eingerichtet, die den Packstationen der Post Konkurrenz machen. Inzwischen gibt es bundesweit bereits rund 500 so genannte "Amazon-Locker". Kunden können dort ihre Ware abholen, wann immer sie wollen.

Und das ist noch nicht alles! Unter dem Namen "Amazon Logistics" baut momentan der Internet-Riese zusammen mit kleinen Speditionsfirmen ein eigenes Zustellsystem in Deutschland auf. Laut Medienberichten sollen rund 2.000 Zusteller ständig unterwegs sein, um eilige Bestellungen für Amazon Prime auszufahren.

In den USA zeigt der Online-Riese gerade, wie ernst er es mit seiner Expansion meint. Gerade erst hat Amazon bei Daimler 20.000 Transporter bestellt, um den eigenen Lieferdienst auszubauen. Der bisher wichtigste Partner, die amerikanische Post, war Amazon zu unzuverlässig und zu teuer.

DHL-Dominanz bröckelt

Nach Schätzungen des internen Vorstandspapiers der Post wird Amazon in Deutschland bis 2022 rund 154 Millionen Pakete selbst verteilen. Dann würden DHL nur noch 360 Millionen Paketsendungen verbleiben. 

Die Deutsche Post steckt in der Zwickmühle. Der "Gelbe Riese" ist relativ abhängig von Amazon. Fast 18 Prozent des DHL-Paketvolumens entfällt auf den amerikanischen Online-Händler. Insofern können die Bonner wenig tun, was Amazon schadet. Ansonsten verlieren sie ihren wichtigsten Kunden.

Ist die Post nun geliefert?

Post-Chef Appel kann nur an der Kostenschraube drehen. Mit Sparmaßnahmen und Preiserhöhungen will er die schwächelnde Sparte Post und Paket wieder flott machen. "Wir planen überdurchschnittliche Preiserhöhungen im Paketbereich", kündigte Finanzchefin Melanie Kreis im Sommer an. Die Gefahr dabei ist groß, dass DHL manche Kunden verprellt - und an Billig-Rivalen wie Hermes verliert.

Ein Ausweg aus dem Amazon-Dilemma könnte sein, die Partnerschaft mit den chinesischen Amazon-Rivalen Alibaba und JD.com auszubauen. Das zumindest empfiehlt das interne Vorstandspapier der Post. Ob diese Verteidigungsstrategie gegen die schleichende "Amazonisierung" des Paketgeschäfts ausreicht, darf bezweifelt werden.