Pflegeroboter

Zunehmender Einsatz in Krankenhäusern und Heimen Corona treibt Roboter-Nachfrage

Stand: 15.04.2020, 12:01 Uhr

Sie husten nicht, sie niesen nicht und übertragen auch keinen Virus: die Roboter. Die Corona-Pandemie könnte ihnen nun zum Durchbruch verhelfen – vor allem dort, wo die Ansteckungsgefahr groß ist. Erleben wir jetzt die schleichende "Roboterisierung"?

Mit seinen Kulleraugen wirkt der 1,20 Meter kleine "Pepper" ziemlich harmlos. Im Edeka-Supermarkt im schleswig-holsteinischen Ahrensburg sagt der von der Softbank und Aldebaran Robotics entwickelte humanoide Roboter den Kunden aber, wo's langgeht. Er weist sie auf die Abstandsregeln im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie hin – und das mit Erfolg. "Den Sicherheitskräften hat kaum ein Kunde zugehört, aber von 'Pepper' sind die Leute fasziniert", meint Marktinhaber Christian Höfling. Der freundliche kleine Techno-Mitarbeiter hat sich durchgesetzt in Ahrensburg.

Roboter verteilen Medikamente und desinfizieren

Was in Norddeutschland funktioniert, klappt auch in anderen Teilen der Welt. In Dänemark versprühen Putzroboter in Krankenhäusern und auf Straßen Desinfektionsmittel. In Tunesien fährt ein kleiner gepanzerter Roboter durch fast menschenleere Straßen und überwacht die Ausgangsbeschränkungen. Und im chinesischen Wuhan, wo höchstwahrscheinlich das Coronavirus seinen Ursprung hatte, verteilen Roboter im gerade eröffneten voll automatisierten neuen Krankenhaus Medikamente an die Patienten und lesen die Gesundheitsdaten aus.

In der Coronavirus-Pandemie werden Roboter zunehmend dort eingesetzt, wo sie Menschen Arbeiten abnehmen können, bei denen sich diese anstecken könnten. Das ist vor allem in Krankenhäusern, Laboren und Lagern der Fall. "Ich rechne mit einem starken Schub für Dienstleistungsroboter", sagt Zukunftsforscher Sven Gabor Janszky. "Die Roboter werden jetzt in unseren Alltag rücken."

Dänische Firma spürt Nachfrage-Explosion

Begleitroboter Pepper mit einer Frau in einem Café

Ein Roboter zum Freund?. | Bildquelle: Softbanks Robotics

Tatsächlich verzeichnen Anbieter von Service-Robotern wie die dänische Firma Blue Ocean Robotics einen regelrechten Boom ihrer Produkte. "Die Nachfrage ist seit Ausbruch der Coronavirus-Pandemie explodiert. Statt eines Wachstums von 400 Prozent erwarten wir nun, dass es noch mal zwei- bis dreimal höher ausfällt", sagt Blue-Ocean-Chef Claus Risager. Er habe die Produktion hochgefahren und stelle monatlich 20 neue Mitarbeiter ein. Blue Oceans Desinfektionsroboter UVD ist in vielen Krankenhäusern rund um den Globus im Einsatz und tötet Krankheitserreger mit ultraviolettem Licht. Risager: "Vor der Krise wurden Roboter als "nice-to-have" angesehen, jetzt versteht jeder ihren Wert."

Auch die chinesische Firma ZhenRobotics berichtet von einer Verdreifachung der Bestellungen seit Beginn der Krise. Verkaufsschlager von ZhenRobotics ist der RoboPony, der Einkäufe ausliefert und in Shopping-Zentren, Krankenhäusern oder Wohnanlagen patrouilliert. Der kniehohe 40 Kilogramm schwere Roboter wird über eine App gesteuert.

Viele neue Roboter in der Entwicklung

Um vom Robotik-Trend zu profitieren und andere Umsatzeinbußen auszugleichen, drücken viele Firmen auf die Tube, entwickeln neue Roboter oder passen vorhandene Geräte an neue Anforderungen an. "Wir werden in den nächsten Wochen viele konkrete Anwendungen sehen, in denen Roboter zum Nutzen der Gesellschaft eingesetzt werden", sagt die Generalsekretärin des Internationalen Roboterverbandes IFR, Susanne Bieller. So entwickelte zum Beispiel Siemens innerhalb von Wochen einen Desinfektionsroboter. "Die Ideen schießen gerade wie Pilze aus dem Boden. Das hat einiges mit Gründerspirit zu tun", findet Patrick Schwarzkopf vom Maschinenbau-Verband VDMA.

Zu solchen Startups zählt Severin Bobon hat mit seiner Firma Boka Automation aus Unterfranken. Er hat eine Art Drive-In für Coronavirus-Tests konzipiert, bei dem ein Roboterarm die Proben entgegennimmt, und hofft nun auf Auftraggeber. "Es gibt keinen zwischenmenschlichen Kontakt, was das Infektionsrisiko auf das Minimalste reduziert", sagt Bobon.

Was können Roboter in der Pflege leisten?

Gerade in der Medizin dürften sich in nächster Zeit die Roboter durchsetzen. In der Krise werden verstärkt Telepräsenzroboter in Krankenhäusern und Pflegeheimen eingesetzt, damit Ärzte und Pfleger weniger direkten Kontakt zu Patienten haben. Andere Roboter messen etwa bei Besuchern die Temperatur.

Elektronische Babyrobbe in Altenpflegeheim

Elektronische Babyrobbe in Altenpflegeheim. | Bildquelle: Imago

In der Pflege werden soziale Roboter wie "Pepper", "Paro" oder "Zora" schon länger erprobt. Manche sprechen von "Pflegerobotern". Sie unterstützen Pflegebedürftige bei der Nahrungsaufnahme oder Körperhygiene, stellen Medikamente bereit, unterstützen Gebrechliche beim Gehen oder heben und tragen ganze Personen. Der Ethikrat befürwortet den Einsatz von Robotik in der Altenpflege, sofern der Mensch weiter im Mittelpunkt stehe. Vor allem in Japan sind diese "Pflegeroboter" weit verbreitet. Allerdings können sie oft auch nicht genau prüfen, ob der Pflegebedürftige wirklich das verabreichte Medikament schluckt. Und soziale Nähe können sie nicht herstellen. "Berührung kann man nicht durch Plastik ersetzen", sagt eine Pflegerin.

Dennoch wird sich der Robotik-Trend nicht aufhalten lassen - auch in der Industrieproduktion und -logistik. Schon vor der Coronakrise führte die Industrie 4.0 zu einem zunehmenden Einsatz von humanoiden Industrierobotern.

Coronakrise bremst Produktion

Allerdings hat die Coronakrise auch Nachteile für die Branche. "Derzeit sind Fertigung und Entwicklung extrem eingeschränkt", sagt IFR-Generalsekretärin Bieller mit Blick auf den erwarteten Einbruch der Weltwirtschaft, Handelskonflikte und Reisebeschränkungen. Vor Ausbruch der Pandemie rechnete der IFR mit einem Umsatzplus für das Segment der professionellen Serviceroboter von mehr als einem Drittel auf rund 12,6 Milliarden Dollar. Eine neue Prognose wagt der IFR momentan nicht.

Wegen der gebremsten Produktion haben die meisten Roboter-Aktien seit Mitte Februar an Wert verloren. Die Titel von Kuka, Fanuc und iRobot haben auf Ein-Jahres-Sicht rund ein Viertel verloren. Langfristig haben sie aber zugelegt. Auch der ETF Robo-Stox Global Robotics and Automation Index, der rund 100 Robo-Firmen abbildet, musste Federn lassen.

nb